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  • Aimé Césaire und Stuart Hall

Kein Karneval der Kulturen

Parallele Leben: Die antikolonialen Intellektuellen Aimé Césaire und Stuart Hall

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 5 Min.

Der antikoloniale Kampf hat viele Köpfe, aber wenige einander so gegensätzliche wie Aimé Césaire (1913-2008) und Stuart Hall (1932-2014) hervorgebracht. Am Vulkan Pelée auf Martinique wuchs der vulkanische Dichter Césaire auf. Trotzig stellte er in den 30er Jahren der Kriecherei der Kolonisierten eine »Négritude« als Selbstbehauptung der Schwarzen entgegen. Der ebenfalls von der Literatur kommende Kulturtheoretiker Hall, auf Jamaika geboren, stand einem solchen, wie Jean-Paul Sartre sagen sollte, »antirassistischen Rassismus« fern. Für ihn hatte die Diaspora, die Zerstreuung der Enteigneten, ihre Identität ersetzt, ihm ging es nicht mehr um »Wurzeln« (roots), sondern um »Wege« (routes).

Hinter ihren so unterschiedlichen Haltungen stehen jedoch verblüffend ähnliche Lebensläufe, wie Kora Vérons gerade in Frankreich erschienene Césaire-Biografie und Halls Selbstanalyse »Vertrauter Fremder« zeigen. Es fängt damit an, dass beider Inseln, Jamaika wie Martinique, im 17. Jahrhundert besetzt, ihre Ureinwohner binnen weniger Jahrzehnte ausgerottet wurden. Aus Afrika trafen bald darauf Sklaven, aus Europa Ausbeuter ein. Das heißt, weder Césaire noch Hall stammten von Ureinwohnern ab, beiden fehlte ein klar zu bestimmender Ursprung. Zwar ist auf den Antillen Weiß noch immer oben und Schwarz noch immer unten, aber nicht nur dazwischen »kreolisiert« sich vieles. Beider Väter waren Verwalter auf Plantagen, also Diener der Herren mit der Peitsche.

Césaires Vater wirkte, bevor er Finanzbeamter wurde, auf der Plantage Eyma, von der sich wohl der Vorname des Jungen, Aimé, ableitet; er war also nicht der »Geliebte«. Begründet hatte die Plantage 1802 der gelehrte Rassist James Eyma, dessen Philosophie an einen Dialog aus Octave Mirbeaus »Garten der Qualen« (1899) denken lässt. Warum, wird ein Sklavenhalter darin gefragt, erschieße er die Sklaven, er wolle sie doch wohl nicht verspeisen? Keineswegs, gibt dieser zurück, er erschieße sie, »um sie zu zivilisieren«. Es gibt, erklärte Césaire, keinen »aufgeklärten Kolonialismus«.

Nach der Sklavenbefreiung wurden Mitte des 19. Jahrhunderts billige Arbeitskräfte aus Indien geholt. Sie galten den Freigelassenen als Konkurrenten und wurden von ihnen als »Kulis« beschimpft. Es ist kein Zufall, dass Hall sich noch im hohen Alter daran erinnerte, seine Schwester habe ihn als »kleinen Kuli« verspottet, und dass Césaire zum besten Kenner der indischen Kultur auf Martinique wurde. Denn beide Intellektuellen konnten sich mit der Anpassung ihrer Familien an die Kolonialherrschaft nicht abfinden und wandten sich denen zu, die unter ihr litten. Doch einen Überblick über den Kolonialismus erhielten sie erst, als sie in Europa waren; Césaire ging nach Paris, Hall nach London.

Ihren Milieus hatten sie sich entfremdet, aber in Europa fühlten sie sich erst recht fremd, ja deplatziert. So unterschiedlich sie darauf reagierten, wurden sie doch beide Marxisten und blieben es, obwohl der eine, Césaire, 1956 mit großer Geste seinen Austritt aus der Kommunistischen Partei erklärte - gegenüber demselben Generalsekretär Maurice Thorez, mit dem er drei Jahre zuvor noch an Stalins Sarg getrauert hatte. Der andere, Hall, darf dem akademischen Marxismus eines Raymond Williams zugerechnet werden, doch beriefen sich Césaire wie Hall auf den trotzkistischen Schriftsteller C.L.R. James, den Mann aus Trinidad, der erklärt hat, er sei »in, aber nicht aus Europa«. Was war Europa für Césaire und Hall?

Hall projizierte auf die Romane von Henry James, in denen es nirgendwo um Kolonialismus geht, seine eigenen Erfahrungen. Césaire erklärte, als ihn Hall Ende der 80er Jahre interviewte, politisch sei er stets ein Kind von »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« geblieben; angeregt von James, schrieb er ein Stück über Toussaint Louverture, der die Französische Revolution nach Haiti trug. Aber zu dichten gelang Césaire erst, als er französische Geschichte und Grammatik rabiat beiseiteschob und dem Vulkan den Ausbruch erlaubte: »Ich der ich Krakatoa / ... der ich besser blöke als kloake / ... der ich Sambesi oder rase oder raute oder kannibale« (Übertragung von Klaus Laabs).

Die Surrealisten bewunderten Césaires Gedichte. Véron analysiert, dass sie stets »von der Drohung des Aufbrechens, Auseinanderfallens, Zerreißens und Zerstreuens beherrscht« sind. Auch deshalb musste er die essentialistische »Négritude«, an der sein Freund Léopold Sédar Senghor festhielt, aufkündigen. Aber es blieb ein Widerwillen dagegen, die Überlieferungen preiszugeben, die die Imperialisten entweder erstickt oder ins Exotische gedrängt hatten. Césaire erklärte 1956, was die Unterdrückten aus aller Kolonialherren Länder miteinander verbinde, sei allein ihre »koloniale Situation«; in »horizontaler Solidarität« stünden sie zusammen. Doch werde diese von einer »vertikalen Solidarität« flankiert, die über die Zeiten hinweg an die ursprüngliche »Einheit der afrikanischen Zivilisation« anknüpfe. Das war ein Versuch, das Besondere mit dem Allgemeinen, das Zersplitterte mit dem Einen, das Vorhandene mit dem Verlorenen zu verbinden. Der nüchterne Hall hielt solche Vorstellungen mit Eric Hobsbawm für die »Erfindung einer Tradition«.

Césaire und Hall stellten sich, jeder auf seine Weise, die Moderne als unbequeme Hybridität vor. Weder der eine noch der andere dachte sie sich als einen Karneval der Kulturen, beide sahen sie als heikle Verbindung aus hegemonialen und marginalen Teilen, aus Nachgeahmtem, Vereinnahmtem und Verschobenem. Wer dessen Widersprüche erfasst, befindet sich bereits außerhalb des kapitalistischen Regimes, das, wenn auch oft auf bunte Weise, nichts als Homogenität produziert. Aimé Césaire und Stuart Hall lesen heißt, etwas über die Welt zu erfahren, die uns entfremdet.

Kora Véron: Aimé Césaire. Configurations. Seuil 2021, 855 S., br., 32 €. Stuart Hall: Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln. Deutsch von Ronald Gutberlet. Argument 2020, 303 S., geb., 36 €.

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