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Ein WM-Titel als Knotenlöser

Judokämpferin Anna-Maria Wagner wollte Olympiagold holen. Als das nicht gelang, jubelte sie umso mehr über Bronze

  • Von Christoph Lother, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Gezeichnet, aber glücklich stand Anna-Maria Wagner in den Katakomben des ehrwürdigen Judotempels Nippon Budokan. Der Schweiß rann ihr über das Gesicht, als die Weltmeisterin einen Einblick in ihre Gefühlswelt gewährte. »Natürlich bin ich für Gold hergekommen. Aber am Ende des Tages bin ich so stolz, mit der Bronzemedaille nach Hause zu fahren«, sagte Wagner nach ihrem Sieg über Kaliema Antomarchi aus Kuba im kleinen Finale der Gewichtsklasse bis 78 Kilogramm.

Mit Schmerzen zum letzten Sieg

Nur eineinhalb Monate nach ihrem Coup bei den Weltmeisterschaften in Budapest schaffte die Ravensburgerin am Donnerstag auch bei Olympia den Sprung aufs Podest. Diesmal zwar nicht ganz nach oben, aber endgültig in »die absolute Weltspitze«, wie der Sportdirektor des Deutschen Judo-Bundes (DJB), Hartmut Paulat, betonte. »Unbeschreiblich« sei dieses Jahr für sie, sagte Wagner dann auch selbst. Immerhin hatte sie auch die Grand Slams in Tel Aviv und Kasan für sich entschieden. Und dieser dritte Platz bei Olympia sei ihr nun sogar »ein bisschen mehr wert« als der WM-Triumph von Budapest.

»Diese Medaille bedeutet so viel«, sagte Wagner. Gerade in Japan, »dem Judo-Land schlechthin«, habe sie einen ganz speziellen Wert, so die 25-Jährige. »Es war ein hartes Jahr mit der Verlegung der Spiele und allem.« Weil Olympia nur alle vier Jahre stattfindet und auch für viele andere Teilnehmerinnen ein »Kindheitstraum« ist, sei es schwierig, »genau an dem Tag X, an dem es darauf ankommt, wirklich abzuliefern«. Doch Wagner lieferte ab. Bis zum Halbfinale gegen die spätere Olympiasiegerin Shori Hamada aus Japan. Und auch wieder danach im Kampf um Bronze.

Nach Siegen über die Portugiesin Patricia Sampaio und die bereits mit mehreren WM- und Olympiamedaillen dekorierte Mayra Aguiar aus Brasilien hatte Wagner gegen Hamada eine schmerzhafte Niederlage einstecken müssen. Die Japanerin verpasste der Deutschen dabei einen Armhebel und beendete den nächsten Goldtraum der Weltmeisterin. Damit - und mit den großen Schmerzen in der Schulter - musste Wagner in der kurzen Pause vor dem kleinen Finale »erst einmal klarkommen«. Fest entschlossen kehrte sie dann aber zurück auf die Matte. »Meine Medaille!« rief sie sich auf dem Weg dorthin selbst zu - und holte sie sich durch eine Waza-ari-Wertung tatsächlich.

Hype um Olympia ausgeblendet

Die Überzeugung, Edelmetall holen zu können, sei bei ihr im Vorfeld der Spiele »supergroß« gewesen, sagte Wagner. »Ich bin vom Kopf her relativ cool hergefahren«, erklärte sie. Den Hype um das große Event habe sie gut ausblenden können. Auch Sportdirektor Paulat stellte fest, dass bei seiner Athletin durch den WM-Erfolg im Juni »endgültig der Knoten geplatzt ist, so dass sie innerlich nun mehr von sich überzeugt ist«. Technisch sei die Studentin schon lange extrem stark, so Paulat. »Gerade im vergangenen Jahr hat sie sich aber auch physisch noch mal extrem verbessert.« Und mental offensichtlich ebenfalls.

Die einzige Frau, die olympisches Judogold für Deutschland gewinnen konnte, bleibt zwar vorerst Yvonne Bönisch, die 2004 in Athen triumphierte. Wagners beeindruckende Bilanz im laufenden Jahr dürfte den Verantwortlichen des DJB mit Blick auf die Zukunft aber durchaus Mut machen. Und nicht nur die. Der zweite Starter am Donnerstag, Karl-Richard Frey (Klasse bis 100 Kilogramm), verlor zwar erst im Viertelfinale und dann auch in der Hoffnungsrunde. Am Mittwoch hatte Eduard Trippel (bis 90 Kilogramm) mit Silber aber die erste deutsche Judomedaille in Tokio geholt. Die Ausbeute von Rio, wo es 2016 nur einmal Bronze durch Laura Vargas-Koch gegeben hatte, ist also schon überboten.

»Wir hatten eine super Vorbereitung und haben es geschafft, punktgenau da zu sein«, sagte Wagner. »Wir sind ein cooles Team«. Das habe ihr mit seinen lauten Anfeuerungsrufen auch trotz fehlender Zuschauer »ein Hallenfeeling« gegeben. Nach den Spielen brauche sie erst mal eine Pause und wolle »die Medaillen genießen«. Dann peilt sie aber den nächsten Olympiazyklus an. Und die nächsten großen Würfe.dpa/nd

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