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Tränen und Dankbarkeit

Große Gefühle und Erfolge ihrer Sportlerinnen und Sportler versöhnen die Japaner mit Olympia

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Wirklich«, sagt Naohisa Takato schluchzend und braucht einen Moment, ehe er weiterreden kann. »Nur weil ich von allen so unterstützt wurde, war dieses Ergebnis möglich.« Die Goldmedaille in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm gibt dem Judoka den emotionalen Rest. Als er ein weiteres Mal nach Luft schnappt, meint er: »Das kommt aus meinem Inneren. Dass Sie mich bis hierher unterstützt haben: Vielen Dank! Jetzt, als Goldmedaillist, will ich noch mehr an mir arbeiten. Vielen Dank!« Es waren emotionale Momente eines japanischen Triumphs, von denen es dieser Tage einige gibt. Nicht nur, weil Japan mittlerweile 17 Goldmedaillen gewonnen hat und damit im Medaillenspiegel ganz vorn mit dabei ist. Sondern auch, weil die erfolgreichen Athleten direkt nach ihren Wettkämpfen immer wieder große Gefühle zeigen. Weinen, vor Glück, gehört dieser Tage für die Athleten aus dem Gastgeberland zum Standardprogramm.

So sagte etwa die Schwimmerin Yui Ohashi nach ihrem Sieg über 400 Meter Lagen, als sie auf ihre Tränen angesprochen wurde: »Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine Goldmedaille holen könnte. Auf dem Weg hierher ist so viel passiert. Und dass ich jetzt hier auftreten konnte, dafür bin ich so dankbar.« Ähnliches erzählte Taeko Utsugi, Trainerin der japanischen Softballerinnen, deren Team am Dienstag Gold gewonnen hatte: »Ja, man hat es uns wirklich erlaubt, nur an uns zu denken. Und wäre das nicht möglich gewesen, hätten wir auch nicht gewinnen können. Ich bin einfach nur dankbar.«

Die vielen Tränen und Danksagungen sind in Japans Sportöffentlichkeit nicht ganz ungewöhnlich. Immer mal wieder brechen Sportlerinnen und Sportler nach wichtigen Siegen oder Niederlagen vor der Kamera emotional zusammen. So weinte auch der Fußballnationalspieler Maya Yoshida, nachdem Japan bei der WM 2018 unglücklich ausgeschieden war. Und das war eigentlich auch keine Sensation. Vielmehr offenbart sich darin nur, dass die Sportler mit vollem Herzen bei der Sache sind. Diesmal sind die Gefühle, die so etwas ausdrücken, allerdings besonders wichtig. Schließlich ist die japanische Öffentlichkeit weiterhin skeptisch gegenüber den Olympischen Sommerspielen. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo ergab vor Kurzem, dass sich zwar 71 Prozent darauf gefreut haben, die Sportler in Aktion zu sehen. Zugleich fürchten aber 87 Prozent, dass sich durch Olympia auch das Coronavirus weiterverbreitet.

Indem die Sportler an diesen Olympischen Spielen teilnehmen und auch im Vorfeld des weltgrößten Sportevents nicht durch laute Opposition dagegen aufgefallen sind, könnten sie in den Augen der japanischen Öffentlichkeit als Komplizen der ungeliebten Veranstalter wahrgenommen werden. Indem sie aber Verletzlichkeit zeigen, tritt ein anderer Eindruck in den Vordergrund, der dieser Tage in Tokioter Stadtgesprächen häufig genannt wird: »Diese Athleten haben jahrelang für diesen Traum trainiert, und jetzt ist es so weit.« Vergessen ist die Skepsis zwar auch jetzt nicht. Spricht man abends in einer Bar oder tagsüber in Cafés Menschen an, ist häufig so etwas zu hören wie: »Ich war gegen die Spiele, wegen der Pandemie. Aber jetzt, da sie laufen, bin ich auch froh darüber.« Und der Zusatz, der mittlerweile oft kommt: »Und unsere Athleten sind ja auch wirklich stark.« Im sehr patriotischen Japan macht es viele Menschen glücklich zu sehen, wie sich die Sportlerinnen und Sportler aus ihrem Land bei internationalen Vergleichen durchsetzen.

Seinen historischen Bestwert von 16 Goldmedaillen - 1964 in Tokio und noch einmal 2004 in Athen geschafft - hat das ostasiatische Land schon vor diesem Wochenende eingestellt. Am Freitag eroberte erst Judoka Akira Sona das 16. Gold im Schwergewicht der Frauen. Dann stellte des Degenteam der japanischen Männer mit dem Finalsieg und der 17. Goldmedaille eine neue Bestmarke auf. Und die Öffentlichkeit ist darüber gut informiert. Schon die Eröffnungsfeier am vergangenen Freitag erreichte eine historisch hohe Einschaltquote von 56 Prozent. Seit Beginn der Spiele berichtet Japans öffentlicher Rundfunksender NHK über mehrere Kanäle, wann immer es irgendwo Wettkämpfe gibt.

Auf überwiegende Jubelstimmung kann man sich dabei nicht nur bei den Liveübertragungen verlassen. Die fünf größten Medienunternehmen Japans gehören zu den offiziellen Sponsoren von »Tokyo 2020.« Und NHK ist in seiner Haltung über die letzten Jahre näher an die Regierung gerückt.

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