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  • Kultur
  • Völkermord in Srebrenica

Im Angesicht der Verzweiflung

»Quo Vadis, Aida?« findet eindrückliche Bilder für das Massaker in Srebrenica – und die Frage des Handelns

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 4 Min.

Schüsse und Explosionen erschüttern die kleine Stadt Srebrenica im Osten Bosniens. Die Bewohner*innen halten die Koffer mit dem Nötigsten fest umklammert, als sie aus ihren Häusern fliehen. Wenig später hat die serbische Armee die Stadt eingenommen. Die Kamera verharrt auf einer Frau, die erschossen am Boden liegt. Ein Spielzeughubschrauber ist neben ihr abgestürzt, ein Hund läuft verstört umher, in einer zurückgelassenen Pfanne verbrennt auf dem offenen Feuer das Essen.

Regisseurin Jasmila Žbanić hat in »Quo Vadis, Aida?« eindrückliche Bilder gefunden für eines der größten Verbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Über 8000 Zivilisten, hauptsächlich Jungen und Männer, wurden in den Tagen nach der Einnahme von Srebrenica durch serbische Einheiten getötet. Das Massaker im Juli 1995 ist als Völkermord und trauriger Höhepunkt des Bosnienkriegs in die Geschichte eingegangen.

Žbanić’ Film erzählt die Ereignisse aus einer weiblichen Perspektive. Die Lehrerin Aida (Jasna Ðuriči) arbeitet als Übersetzerin für die Vereinten Nationen, die eine Schutzzone um Srebrenica eingerichtet haben. Aida kommt die schwierige Aufgabe zu, zwischen der besorgten Zivilbevölkerung, die sich mehr Unterstützung gegen die Angreifer wünscht, und den Kommandanten der Blauhelmsoldat*innen zu vermitteln, die nur wenig tun können oder wollen. Tausende Flüchtlinge aus der eingenommenen Stadt drängen sich am UN-Stützpunkt, wo sie sich Schutz erhoffen. Viele sind verletzt oder suchen verzweifelt ihre Angehörigen. Ein banges Warten beginnt, in dem sich die Menschen immer wieder dieselbe Frage stellen: »Sind wir hier sicher?«

Ob die niederländischen Blauhelmsoldat*innen mehr hätten tun können, um das Massaker zu verhindern und die Menschen in Sicherheit zu bringen, ist bis heute umstritten. Žbanić zeigt Kommandant Karremans (Johan Heldenbergh) und sein Bataillon vor allem als schwach und überfordert. Wenige Hundert sehr junge Soldat*innen stehen einer rücksichtslosen Übermacht gegenüber. Karremans versucht mehrfach verzweifelt, Unterstützung anzufordern, doch niemand scheint sich dafür zu interessieren, was in Srebrenica passiert.

Die Offiziere der serbischen Einheiten sind im Kontrast zu den schwachen, fast ängstlichen Blauhelmen brutale Kämpfer, die sich ihrer Überlegenheit bewusst sind. General Ratko Mladić wird von Boris Isaković als manipulativer Macho gespielt, der vor allem darauf bedacht ist, wirkungsvolle Fernsehbilder zu erzeugen. Bei seinem ersten Rundgang durch die eingenommene Stadt befiehlt er, zu filmen, wie die bosnische Flagge von einem Gebäude heruntergerissen wird. »Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk«, sagt er in die Kamera. Genauso systematisch wie diese Bilder plant er die Ermordung Tausender Zivilisten.

Das Unheil entfaltet sich langsam. Unter den Flüchtlingen herrscht Angst, Gerüchte greifen um sich. Niemand weiß, was passieren wird, aber alle haben die Ahnung, dass es nichts Gutes sein wird. Aida versucht, in dieser unübersichtlichen Lage den Überblick zu behalten. Man sieht sie unentwegt durch den Stützpunkt eilen. Sie appelliert immer wieder verzweifelt an Kommandant Karremans und die anderen Verantwortlichen, um sie zum Handeln zu bewegen.

Auch Aidas Mann und ihre zwei Söhne sind in die UN-Basis geflohen und Aida kämpft darum, sie zu retten. »Nach dreieinhalb Jahren Krieg überleben wir das hier auch noch – Hauptsache, wir bleiben zusammen«, sagt sie zu ihnen. Anders als Aida, die unermüdlich weiterkämpft, sind die drei Männer passiv in ihrer Verzweiflung. Die starke Aida ist ein deutliches Gegenbild nicht nur zu ihnen, sondern auch zu den frustrierten UN-Soldat*innen, die wenig mehr tun, als dem Lauf der Dinge zuzusehen. Aida ist es, die in dem Chaos alles zusammenzuhalten scheint, die alles tut, was sie kann.

In Aidas strengem Blick spiegeln sich der Schmerz und die Verzweiflung, ohne dass sie eine Miene verzieht. Nur einmal, als sie irgendwann einmal kurz zur Ruhe kommt und eine Zigarette raucht, lacht Aida laut auf, so absurd ist die ganze Situation, es ist ein verzweifeltes Lachen, aber auch ein vorsichtig hoffnungsvolles, jedenfalls eines, das alles für einen kurzen Moment ein wenig erträglicher macht. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung von Jasna Ðuriči.

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»Ich habe den Krieg in Bosnien überlebt. An einem Tag hat man alles, und am nächsten existiert fast nichts mehr von dem, was man kennt. Nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heißt das nicht, dass sie nicht geschehen können«, sagt die Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić. »Quo Vadis, Aida?« wurde verdientermaßen für einen Oscar nominiert. Der berührende Film macht das unvorstellbare Verbrechen von Srebrenica greifbar und gibt den Opfern ein Gesicht. Und er zeigt, was geblieben ist: Massengräber, Trauer und Fassungslosigkeit. Aber auch ein Leben, das irgendwie weitergeht trotz des Schmerzes – und eine unglaublich starke Frau, die nicht aufgibt, obwohl sie alles verloren hat.

»Quo Vadis, Aida?« Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich 2020. Regie und Buch: Jasmila Žbanić. Mit Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Isaković, 103 Min.

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