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Ein Sport für die Staatskasse

Wie der Kampfsprint Keirin nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan entstanden ist

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer sein Geld gern für Sportwetten ausgibt, wird in Japan nur schwer auf seine Kosten kommen. Im olympischen Gastgeberland gibt es keine Wettlokale wie in London, Hongkong oder Berlin, wo man über riesige Bildschirme unzählige Spiele gleichzeitig verfolgen und auf das nächste Tor oder den übernächsten Eckstoß irgendeines mäßig wichtigen Fußballspiels wetten kann. Glücksspiel ist in Japan verboten. Auch deshalb sah man im Vorfeld der Olympischen Spiele zwar ständig Meinungsumfragen dazu, ob die Spiele stattfinden sollten – aber keine Wettquoten darauf, ob sie wohl stattfinden werden.

Doch wie überall gibt es Ausnahmen. Hierbei fällt diese Sonderrolle einem Sport zu, der ohne so einen Extrastatus nie entstanden, geschweige denn olympische Disziplin geworden wäre: der Bahnradsport Keirin. Bei dieser Sprint-Variante, in der am Donnerstag und Sonntag je eine Goldmedaille für Frauen und Männer vergeben wird, verfolgen die Athleten zuerst ein in konstanter Geschwindigkeit beschleunigendes Motorrad. Währenddessen drängeln sich die Radfahrer um die Poleposition – für jenen Moment, wenn das Motorrad ausschert und die Athleten in drei Runden gen Ziel rasen.

Vom Sprint auf der Bahn unterscheidet sich Keirin dadurch, dass Körpereinsatz gegen Kollegen erlaubt ist – solange die Hände am Lenker bleiben. Hier gewinnt nicht der oder die Schnellste, sondern die Person mit der cleversten Taktik und dem erfolgreichsten Suchen der Lücke im richtigen Moment.

Ein anderer Unterschied – auch zu Sportarten ohne Fahrrad – ist die Entstehungsgeschichte. Der japanische Keirinverband ist de facto eine Unterbehörde des japanischen Wirtschaftsministeriums. Und bei diesem Sport ging es von Anfang an ganz offiziell ums Monetäre: »Keirin wurde erfunden, um durch Sportwetten Geld für den japanischen Wiederaufbau einzuspielen«, erklärte Hideki Shibahashi, Angestellter des Keirinverbands, einmal in einem Interview. »Das Land brauchte dringend Schulen und Krankenhäuser. Man wusste damals schon, dass viele Menschen gerne ihr Geld verwetten. Und wenn das schon bekannt ist, warum es nicht nutzen?«

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan völlig zerstört, die US-Luftangriffe und die zwei Atombomben über Hiroshima und Nagasaki hatten fast keine Infrastruktur stehen gelassen. Bis zum Krieg waren Pferderennen ein beliebter Zeitvertreib gewesen, nur waren die edlen Rosse des Sports entweder tot oder passten nicht mehr zur Armut der Kriegsüberlebenden. Fahrräder wurden dagegen von den Menschen genutzt, die sich kein Auto leisten konnten, also den allermeisten. So dachten sich die Beamten einen neuen Wettsport aus, mit dem sich die Leute identifizieren könnten.

Im Jahr 1948 bewarb das Wirtschaftsministerium das erste Rennen in der südwestjapanischen Stadt Kokura. Der Eintrittspreis von 100 Yen (heute etwa 75 Cent) war damals gewagt. Die Menschen kamen trotzdem. Drei Jahre nach dem Kriegsende gierte man nach Vergnügen und Unterhaltung. Und Keirin, dieser von Politikern entworfene Sport, der dem Volk das Geld aus der Tasche ziehen sollte, lieferte. Weil der »Kampfsprint«, wie man Keirin heute oft nennt, packend und unvorhersehbar war, wurde er bald zu einer der populärsten Sportarten in Japan.

Und damit zu einem guten Geschäft für die Regierung. Nach dem ersten Rennevent wurden über vier Tage 20 Millionen Yen eingespielt, 1,2 Millionen davon erhielt die Stadt Kokura, um neue Straßen zu bauen. Andere Städte kopierten das Konzept, binnen fünf Jahren baute man in Japan 63 Rennbahnen. Über die Nachkriegsjahrzehnte etablierten sich Boots-, Motorrad- und Pferderennen als weitere Ausnahmen des Wettverbots. Kein Sport aber reichte an Keirins Beliebtheit heran.

Die Radbahn produzierte Berühmtheiten, die heute noch jeder Japaner kennt. Koichi Nakano zum Beispiel, der die Disziplin in den 1970er und 1980er Jahren dominierte, ist eine Sportinstanz im japanischen Fernsehen. Im Inland spielte Nakano im Verlauf seiner Karriere mit mehr als 600 Siegen bei 1200 Starts umgerechnet zehn Millionen US-Dollar ein. Weil er zehnmal in Folge auch Sprintweltmeister wurde, verhalf er Keirin zu weltweiter Bekanntschaft. Und als schließlich westliche Bahnradsportler von den üppigen Verdienstmöglichkeiten in Japan erfuhren, wurde das Land zu einer gelobten Radsportdestination.

Mittlerweile ist Keirin Teil des Weltradsportverbands UCI, hat bei den Weltmeisterschaften seinen festen Platz und zählt seit den Spielen von Sydney 2000 zum olympischen Programm. Laut Wirtschaftsministerium hat Keirin in Japan bis heute ungefähr 900 Milliarden Yen eingespielt (rund 6,9 Milliarden Euro), womit Krankenhäuser und Schulen gebaut worden sind. Mittlerweile fließen die Einnahmen in soziale Projekte oder den Behindertensport.

Für die Erfinder dieses Sports sind das erfreuliche Entwicklungen – wenn Keirin in seinem Heimatland nur nicht mit akutem Nachwuchsmangel und schwindendem Interesse zu kämpfen hätte. Wer heute am Wochenende eine Radbahn in Japan besucht, wird auch ohne Pandemie nur leere Stadien sehen. Höchstens Rentner, die schon in ihren jungen Jahren den Sport verfolgten, kommen noch und verwetten Kleingeld. Die Jahreseinnahmen betragen heute ein Drittel des Rekordjahres 1991, kurz nachdem in Japan eine Immobilienblase geplatzt war.

Könnte es für den Sport auch in seinem Ursprungsland wieder bergauf gehen? Wahrscheinlich würden japanische Sieger helfen. Die hat es bei einer Weltmeisterschaft und bei Olympischen Spielen noch nie gegeben. Diesmal gelten Yudai Nitta und Yuka Wakimoto, die 2019 und 2020 jeweils Vizeweltmeister wurden, als Mitfavoriten bei den Männern. Vielleicht werden schon in diesem Moment einige Wetten auf die beiden abgeschlossen. In dem Fall freut sich immerhin der Staat.

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