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Die Rückkehr des Stufenplans

Am Montag beginnt in Berlin und Brandenburg das neue Schuljahr

  • Von Rainer Rutz und Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

Er war schon fast in Vergessenheit geraten. Nun, pünktlich zum Beginn des neuen Schuljahres am kommenden Montag, ist der Corona-Stufenplan für die Berliner Schulen wieder da. Seit den bundesweiten Schulschließungen im Dezember vergangenen Jahres faktisch in der Schublade verschwunden, soll der Plan ab der dritten Unterrichtswoche erneut greifen. Etwas abgespeckt, mit drei statt der vormals vier Stufen, und überhaupt auch grundüberholt, wie die Senatsbildungsverwaltung betont. Davon abgesehen wolle man mit der Neuauflage »inhaltlich so vorgehen wie bei dem letzten Stufenplan«, sagt Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). So soll die Einordnung der einzelnen Schulen in eine der Stufen - grün für den Regelbetrieb, gelb für den Wechselunterricht und rot für die De-facto-Schulschließung - wie ehedem jeden Donnerstag durch das Gesundheitsamt und die Schulaufsicht der Bezirke vorgenommen werden.

Genau das ist das Problem, findet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). »Das hat schon vorher nicht gut funktioniert«, sagt Berlins GEW-Chef Tom Erdmann zu »nd«. Statt Orientierung zu geben, stifte der Plan vor allem Verwirrung. Dies umso mehr, als nirgends Sieben-Tage-Inzidenz-Grenzwerte für die einzelnen Stufen genannt werden, womit sich von Bezirk zu Bezirk unterscheiden werde, wann ein Infektionsgeschehen als brenzlig bewertet wird. »Stufe Grün darf ja auch noch gelten, wenn es ein ›einzelfallbezogenes Infektionsgeschehen‹ an der jeweiligen Schule gibt. Aber wer legt denn bitte fest, was ein Einzelfall ist?«, so Erdmann weiter.

Ein Ämtermisstrauen, das Berlins Landeselternsprecher Norman Heise so nicht nachvollziehen kann: »Gesundheitsamt und Schulaufsicht schauen vor Ort sehr genau hin. Das war auch im Zuge des ersten Stufenplans der Fall, die Einstufungen waren sehr wohl nachvollziehbar.« Auch die Konzentration auf Grenzwerte gehe am Ziel vorbei. »Inzwischen gibt es ja noch weitaus mehr, was bei den Einstufungen zu beachten ist, insbesondere die Impfquote unter den Lehrkräften, aber auch unter den Schülerinnen und Schülern ab zwölf Jahren«, sagt Heise zu »nd«.

Auch Rufus Franzen, Sprecher des Berliner Landesschülerausschusses, sagt, er sei durchaus froh, dass der Stufenplan in überarbeiteter Form nun wieder zum Einsatz kommen soll. »Das gibt uns Hoffnung, dass es am Ort Schule so wenig Infektionen wie möglich geben könnte«, sagt Franzen zu »nd«. Positiv sei zudem, dass nicht geplant sei, von den regelmäßig durchgeführten Coronatests für Schülerinnen und Schüler und das Schulpersonal abzurücken. »Wir glauben, dass das in Kombination mit den Luftfiltergeräten eine gute Maßnahme ist für ein halbwegs sicheres Schuljahr«, so Franzen.

Diskussionen sind gleichwohl programmiert, wenn nach der zweiten Unterrichtswoche entschieden wird, wie es an den Schulen mit der Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes weitergeht. Bildungssenatorin Scheeres hatte zuletzt mehrfach betont, dass die Maskenpflicht an Grundschulen dann eventuell gestrichen werden könnte - »sofern es das Infektionsgeschehen zulässt«. So weit, so klar, wäre da nicht der Stufenplan, der für das Level Grün keine Maskenpflicht mehr vorsieht, und fast alle Schulen werden wohl zunächst in dieser über die von der GEW kritisierte Einzelfallregelung großzügig gefassten Stufe eingruppiert. Also doch ein umfassenderes Ende der Maskenpflicht?

Tatsächlich gibt es an anderer Stelle des Plans auch noch den allgemeinen Hinweis, dass die Vorgaben zum Maskentragen stufenunabhängig noch einmal »angepasst werden« können. Das hätte man vielleicht deutlicher hervorheben sollen, heißt es hierzu aus der Bildungsverwaltung. Generell bleibe es dabei: Man will sich jetzt noch nicht festlegen.

Da ist Brandenburg forscher. Auch hier beginnt am Montag das neue Schuljahr. Und zumindest in der Maskenfrage hat sich das Bildungsministerium festgelegt: Ab 23. August entfällt die Maskenpflicht für die Jahrgangsstufen 1 bis 6. Ansonsten gleichen die Regelungen im Land im Wesentlichen denen Berlins.

Wie zuvor bereits Bildungssenatorin Scheeres betont am Donnerstag dann auch Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD), dass es angesichts der außerordentlichen Situation darauf ankomme, die Kinder und Jugendlichen in der Schule »wieder ankommen« zu lassen. Sie sollten sich wohl und sicher fühlen können. Das Fachliche müsse da erst einmal zurückstehen. Auch deshalb habe ihr Haus für die Grundschule und die Mittelstufen die Test- und Klausurpflicht im kommenden Schuljahr deutlich reduziert. Nach einem halben Jahr werde überprüft, ob das etwas gebracht hat. »Gegebenenfalls steuern wir nach.« An den zentralen Prüfungen und den damit verbundenen Standards werde hingegen festgehalten. Der unbedingte Wille zum Ländervergleich: Auch das kennt man aus dem vergangenen Corona-Schuljahr.

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