Der Mensch, doch kein Wolf

Das erste linke Lehrbuch für Volkswirtschaftslehre setzt auf Pluralität und biertrinkende Fußballspieler - und schreckt selbst vor der Behandlung des Schreckgespenstes Planwirtschaft nicht zurück

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 6 Min.

Ob Finanzmarktkrise, Euro oder Corona-Pandemie: In den vergangenen Jahren wurde die Qualität der wirtschaftsjournalistischen Berichterstattung immer wieder kritisiert. Für die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung ist nun Valentin Sagvosdkin der Frage nachgegangen, wo die Wurzeln des Übels liegen. Der Ökonom analysierte 17 Studiengänge für Wirtschaftsjournalisten an sechs Universitäten und drei Hochschulen. Fazit: Als Fachkenntnisse werden überwiegend »neoklassische« Inhalte mit abstrakt-mathematischen Modellen vermittelt - Inhalte, die auf zumindest umstrittenen Annahmen beruhen. Sie gehen beispielsweise davon aus, der Mensch sei ein »rationaler Nutzenmaximierer« und Staatsausgaben seien eher als Schulden denn als Investitionen zu betrachten.

Eine neoklassische Vorherrschaft in der deutschen Ökonomik haben bereits andere Untersuchungen aufgezeigt. Zugleich ist die Ausbildung von mehr als 300 000 Studierenden, die sich im Haupt- oder Nebenfach mit wirtschaftlichen Fragen befassen, vor allem auf das »Klein-Klein« des Alltags, also auf Mikroökonomie und Betriebswirtschaft orientiert. Profitmaximierung erscheint darin wichtiger als gesellschaftlicher Nutzen und Nachhaltigkeit. Nun dürfte das erste »linke« volkswirtschaftliche Lehrbuch im deutschsprachigen Raum nicht Deutschlands akademische Gepflogenheiten umstürzen. Ein entscheidender Beitrag zu »Heterodoxie« und Pluralität in der Ausbildung von Journalist*innen und Manager*innen wäre ihm aber zu wünschen.

In dem von Heinz-J. Bontrup und Ralf-M. Marquardt verfassten Lehrbuch steckt offensichtlich die Erfahrung eines langen Berufslebens: Vom Arbeitsdirektor in den Bochumer Stahlwerken bis zum Forscher an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Im Gespräch mit nd.Die Woche erklärt Bontrup, »mit Ralf-M. Marquardt habe ich fast 20 Jahre an der Westfälischen Hochschule zusammengearbeitet.« Man habe eine große Schnittmenge in der theoretischen Ökonomik und auch in der Wirtschaftspolitik. Im Laufe der Zeit sei der Gedanke herangereift, ein Lehrbuch zu verfassen, das sich gegen den Mainstream der orthodoxen Lehrbuchökonomik wendet. Handfest haben die beiden Professoren dann vier Jahre an dem Buch geschrieben. Herausgekommen ist ein Opus Magnum. »Eine Einführung« nennt es sich dennoch im Untertitel. »Wir mussten uns trotz der rund 1000 Seiten auf die wesentlichen Theorien zur Mikro- und Makroökonomik und auch auf die wesentlichen Facetten der Wirtschaftspolitik beschränken«, so Bontrup. Spezialgebiete wie die Gesundheits- oder Umweltökonomik würden daher lediglich gestreift.

Der real existierende Kapitalismus

Bis zur Coronakrise erlebte nicht allein Deutschland ein Jahrzehnt des Wirtschaftswachstums. So schlecht schneidet die »Marktorthodoxie« also offenbar gar nicht ab. Genau hier sehen die Autoren dennoch eine der zentralen Schwächen: Die neoklassische oder neoliberale Wirtschaftstheorie und ihre wirtschaftspolitische Auslegung setzten ausschließlich auf Wachstum, und das schaffe mehr Probleme - man denke nur an die Umweltfrage - als Probleme gelöst würden. Und »vor allen Dingen ist Wachstum seit Mitte der 1970er Jahre nicht in der Lage gewesen, allen Menschen Arbeit zu geben.« Vielmehr herrscht seitdem Massenarbeitslosigkeit, nicht allein in Deutschland und im restlichen globalen Norden. Arbeitslosigkeit wird dem Autorenduo zufolge von der neoklassischen Theorie zur »freiwilligen Arbeitslosigkeit« verklärt. Die Arbeitslosen würden zu hohe Löhne verlangen, die über den »Marktgleichgewichtslöhnen« liegen. Würden sie weniger fordern, wären sie auch nicht arbeitslos. Bontrup und Marquardt halten letztlich die gesamte neoklassische Arbeitsmarkttheorie »für völlig unbrauchbar«, um die wirtschaftlich Realität auf den Arbeitsmärkten zu erklären.

Holistischer Ansatz

»Unser Lehrbuch unterscheidet sich von anderen dadurch, dass wir auf wissenschaftliche Pluralität setzen.« Studierende finden also sehr wohl die klassischen marktorientierten Theorien, aber auch die Ansätze, die diese angreifen und eine Antithese bilden. Dazu gehören nicht allein keynesianische und postkeynesianische Erklärungen, sondern ebenso die in vielen Lehrbüchern völlig verschwiegene Marx’sche Sicht. Auch »Herrschaftsverhältnisse« oder einfach »Macht« - beides Kategorien, die dem neoliberalen Denken eher fremd wirken - sind den beiden Autoren als Erklärungsmuster für den real existierenden Kapitalismus wichtig, bis hin zu Fragen des organisierten Verbrechens. »Aber wir fragen auch nach der staatlichen Macht«, betonen sie. In der orthodoxen Ökonomik beschränken sich Machtverhältnisse auf Monopol, Oligopol oder Kartell.

Bontrup und Marquardt nennen ihren Ansatz »holistisch«, also ganzheitlich. Pluralität ist in der Wissenschaft sicherlich notwendig, doch irgendwann muss man auch auf den Punkt kommen. Schließlich kann ja nicht alles und jedes irgendwie richtig sein? »Was richtig oder falsch ist, überlassen wir dem Urteilsvermögen der Leser und der Leserinnen unseres Lehrbuchs«, sie sollten sich studierend mit den Theorien auseinandersetzen. Auch beide Autoren haben dennoch Meinungen und äußern sie, also solche erkennbar, an der einen oder anderen Stelle.

Obwohl im internationalen Vergleich die Ökonomik in Deutschland besonders einseitig forscht und lehrt, gab und gibt es auch hierzulande eine Reihe namhafter linker, grüner, marxistischer Wissenschaftler. Warum hat es beispielsweise die 1975 gegründete Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, deren Sprecher Bontrup heute ist, dennoch nie geschafft, ein umfassendes Lehrbuch zu verfassen? »Es fehlte wohl schlicht die Zeit«, lautet Bontrups Antwort. Die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik verfügt nur über knappe Ressourcen. Außerdem beschäftigt sie sich, wie aus dem Namen hervorgeht, mit Wirtschaftspolitik - »natürlich basierend auf einem wissenschaftlichen Theoriegebäude.« Dabei orientiere sich die Gruppe weitgehend an links-keynesianischen Theorien und deren wirtschaftspolitischer Ausrichtung. Das reiche für ein plurales und heterodoxes Lehrbuch freilich nicht aus. »Die Lücke haben wir mit unserem Lehrbuch jetzt aber geschlossen«, so Bontrup.

Bemerkenswert lesbar ist das Buch geworden, das auch in manch anderem Punkt - leider nicht bei der Qualität des Umschlages - an den keynesianischen Klassiker »Volkswirtschaftslehre« des Nobelpreisträgers Paul Samuelson erinnert. So wird etwa der Begriff Grenznutzen anhand des Biertrinkens an einem heißen Sommertag verdeutlicht. Eher trockene Abschnitte werden mit handfesten Beispielen gewässert, etwa der Entschädigung für die Betreiber von stillgelegten Kohlekraftwerken. Auch wird der Fußballnationalspieler Matthias Ginter zitiert, um das Zweite Gossen’sche Gesetz zu illustrieren.

Suche nach Alternativen

Empfohlen sei »Volkswirtschaftslehre aus orthodoxer und heterodoxer Sicht: Eine Einführung« für Lernende wie Lehrende. Und auch Menschen, die sich für das Funktionieren unserer Wirtschaft interessieren, werden Nutzen daraus ziehen. Konkrete, lebensnahe Aufgaben werden es Studierenden erleichtern, komplexe Zusammenhänge zu begreifen. Anglizismen werden ins Deutsche übertragen, für abstrakte, mathematische Modelle werden Verständnishilfen angeboten. Und auch vor heißen Eisen wie Planwirtschaft oder Stalinismus schrecken die Autoren übrigens nicht zurück - wie ohnehin Ordnungspolitik, also die Suche nach möglichen Alternativen, bei Bontrup und Marquardt einen weit größeren Raum einnimmt als in Lehrbuchklassikern. In einem eigenen von insgesamt acht Kapiteln wird »Ordnungspolitik und Vision einer Wirtschaftsdemokratie« skizziert.

Fragt man heute Studierende, die kurz vor dem Examen stehen, sie sollen ihnen die Unterschiede zwischen einer sozialen und einer sozialistischen Marktwirtschaft erklären, sieht es schlecht aus: »Sie können es schlicht nicht«, sagt Bontrup. Und warum nicht? Weil es nicht gelehrt wird und nicht in den Lehrbüchern steht. Letzteres gilt nun nicht mehr.

Heinz-J. Bontrup, Ralf-M. Marquardt in Zusammenarbeit mit Philipp Gabsch: Volkswirtschaftslehre aus orthodoxer und heterodoxer Sicht: Eine Einführung. De Gruyter, 1024 S., br., 39,95 €.

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