Filterlos ins Getümmel

Die Sorgen und Nöte der Kitas verschwinden im Schatten der Schuldebatten

  • Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ach was, keinen einzigen Luftfilter gibt es in unseren Räumen«, sagt Kerstin Schönherr-Faust. Die Leiterin einer Kita in Moabit mit weit über 100 Kindern blickt durchaus besorgt auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens nach dem Ende des Sommers. »Plötzlich ist Herbst, und alle wundern sich wieder«, sagt Schönherr-Faust, die zugleich Vorsitzende des Landesverbands sozialpädagogischer Fachkräfte ist, der die Interessen der Kita-Beschäftigten vertritt. Aus ihrer Verbandsarbeit weiß sie, dass nicht nur an ihrer Einrichtung der Ausstattungsgrad mit mobilen Luftfiltergeräten zum in der vergangenen Woche begonnenen neuen Kitajahr exakt null betrug. »Die Kitas, die solche Geräte haben, haben die aus eigener Initiative angeschafft«, so Schönherr-Faust zu »nd«.

Der bahnbrechende Nutzen von mobilen Luftfiltergeräten in geschlossenen Räumen mag mangels fehlender Daten nach wie vor nicht abschließend geklärt sein. Unbestritten dürfte jedoch sein, dass die Brummer in der Pandemie für ein gewisses Gefühl der Sicherheit sorgen - und offenkundig auch nicht schaden. Doch Wirksamkeit hin oder: Die Diskussion um die Beschaffung und den Einsatz der Luftfilter nimmt aktuell viel Raum ein. Allerdings beschränkt sich die Debatte weitgehend auf den Lernort Schule. So sollen einem Bericht des »Tagesspiegel« zufolge die Mittel für die Ausstattung der Schulen mit den mobilen Apparaten nun abermals um gut zehn Millionen Euro aufgestockt werden. Am Ende sollen damit dann bis zu 17.000 der rund 20.000 Berliner Klassenzimmer mit Luftfiltergeräten bestückt werden könnten.

Davon können die Kitas der Hauptstadt nur träumen. Die Senatsbildungsverwaltung sieht sich hier freilich nicht wirklich in der Verantwortung. Schließlich werden die Kitas in den allermeisten Fällen von freien Trägern betrieben. Die wiederum könnten die Luftfilter ja im Rahmen des Gute-Kita-Gesetzes einfach beantragen, erklärte jetzt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). »Das Land Berlin stellt auch Luftfilter für Kitas zur Verfügung. Wir haben nur die Situation, dass diese nicht abgerufen werden von den Trägern«, so Scheeres in einem RBB-Interview.

»Das Problem ist doch, dass das überhaupt nicht aktiv beworben wird«, sagt Pascal Kaiser, der sich wie Kita-Leiterin Kerstin Schönherr-Faust im Landesverband sozialpädagogischer Fachkräfte engagiert. Lautstärke, Größe, Leistungsfähigkeit: »Es gibt keinerlei Unterstützung, keinerlei Informationen aus dem Haus von Frau Scheeres, welche Art von Luftfiltern zum Einsatz in Kitas geeignet sind«, so Kaiser zu »nd«. Nicht zuletzt kleine Einrichtungen fühlten sich hier alleingelassen. Dass die Senatorin schulterzuckend auf die Träger verweist, kann Kaiser nicht nachvollziehen. Schließlich müsse auch ihr ein sicherer Kita-Betrieb ein Anliegen sein: »Denn anders als in Schulen ist bei niedrigen Außentemperaturen eine Fensterlüftung bei kleinen Kindern ja nur begrenzt möglich.«

Die Lüfterfrage ist dabei nicht der einzige Punkt, bei dem viele Kitas das Gefühl haben, im großen Schatten der Schuldebatten zu stehen. Gleiches gilt etwa für das Thema Fachkräftemangel - »ein Riesenproblem für uns«, wie Kerstin Schönherr-Faust sagt. Auch die von ihr geleitete Kindertagesstätte sei mit zwei offenen Stellen ins neue Kitajahr gestartet. »Die Kitas gehen mit dem Personalmangel sehr unterschiedlich um. Entweder werden weniger Kinder aufgenommen - oder es geht zu Lasten der Beschäftigten.« Der Markt mit Erzieherinnen und Erziehern sei so leergefegt, dass zunehmend mehr Einrichtungen sich gezwungen sähen, auf Bewerber und Bewerberinnen zurückzugreifen, die nicht für den Beruf ausgebildet seien. »Gleichzeitig möchten wir ja aber auch eine gute Bildungsarbeit machen, und das ist schwer, wenn ein Viertel der Beschäftigten gar nicht qualifiziert ist«, sagt Schönherr-Faust.

Die Kita-Leiterin blickt mit gemischten Gefühlen auf die kommenden Monate. »Wir haben den Eindruck, dass es immer noch keinen Plan gibt, wie es für die Kitas weitergeht, wenn die Infektionszahlen erneut durch die Decke gehen.« Vermutlich werde bloß die ellenlange Berufeliste aus dem letzten Lockdown hervorgekramt, aus der ersichtlich ist, welche Eltern ihre Kinder in die Kitas bringen dürfen. »Die Liste wird dann sicher noch mal erweitert.« Aber auch das wäre nichts Neues.

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