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Hinab mit Gebrüll

Downhill im Selbstversuch in Saalbach Hinterglemm

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 7 Min.
Einfach rollen lassen: Downhill-Fahrer auf dem Saalbacher Monti-Trail
Einfach rollen lassen: Downhill-Fahrer auf dem Saalbacher Monti-Trail

Zack! Bumm! Autsch! Ach du Scheiße, bin ich jetzt wirklich gestürzt? Mein Atem rast, vor meiner Nase krabbelt eine Ameise durchs Gras. Ächzend richte ich mich auf: Ja, das war ein Sturz, wieso sonst sollten mir die Handflächen denn so brennen?

Ansonsten fühlt sich alles heil an. Hat also alles seinen Sinn: Helm und Protektoren an Unterarmen, Schienbeinen und Rücken, überall bin ich mit Hartplaste armiert. Aber warum habe ich keine Handschuhe an? Mache ich hier alles falsch? Dieses Downhill-Biken war wohl doch keine so gute Idee für einen wie mich? Mittelalt, mittelsportlich. Und mittelmutig noch dazu: Ich schaue an mir hinab, wie ich da sitze - unfreiwillig auf dem Hosenboden, neben mir auf der Wiese blitzt das 7000 Euro teure vollgefederte Carbon-Bike in der Sonne. Ist dieses Bergab-Radfahren nicht ein wenig albern für einen erwachsenen Mann? Lass gut sein, Junge! Oder?

Weil ringsum nur Gräser wachsen, bin ich ziemlich weich gefallen. Das hier ist die Turmwiese - eigentlich nur der Übungshang, dennoch haben mich die Fliehkräfte diesmal aus der Kurve dieses Minitrails getragen - oder war es meine Unfähigkeit?

Da kommt auch schon Kuba angeradelt, unser Bikelehrer, ein lustiger Tscheche, der eigentlich Jakub heißt: »Alles gut?« ruft er von Weitem. Ich nicke und recke den Daumen nach oben: Jaja, bestens! Ist schon ein bisschen peinlich, schnell zurück auf die Schotterpiste, auf der gerade eine Sechsjährige jauchzend vorbeirauscht. Ich stelle mit einem Hydraulikhebel den Sattel tiefer und steige aufs Bike: Ab geht’s, auf in die nächste Kurve: Bremsen! Dann mache ich alles, wie es uns Kuba beigebracht hat: Hintern hoch, Armwinkel locker, Körper stabil in Gorilla-Haltung, Blick geht voraus in die Kurve, uuuuund - rum! Na bitte, geht doch!

Unten angekommen im Auslauf des »Learn-to-ride-Parks«, der erst im Mai eröffnet wurde, geht’s auf den Saalbacher Zauberteppich, der bisher nur im Winter die Skischüler nach oben brachte, seit 2021 aber auch im Sommer Kinder und Erwachsene mit ihren vollgefederten Rädern auf dem Förderband ein paar paar Dutzend Höhenmeter hinaufschleppt. Vier Übungstrails gibt es in dem neuen Lernpark: sandige Schlangenlinien auf grünem Untergrund, nachempfunden den bekanntesten Bike-Trails der Skiregion, die sich aus den Orten Saalbach, Hinterglemm, Saalfelden, Leogang und Fieberbrunn zusammensetzt.

Noch ein paar Mal rattere ich auf »Little Panorama« und »Little Hacklberg« hinab, und schnell kehrt der Glaube an das eigene Können zurück. Gut so, schließlich wollen wir nachher noch auf die große echte Strecke, mit dem Kohlmais-Lift hinauf auf Saalbachs Genießerstrecke: den familientauglichen Panorama-Trail am Kohlmaisberg. Vermutlich ein Paradies für Sechsjährige, aber ist es das auch für Große, die es schon auf der Turmwiese schmeißt?

Nun ja, jeder kann biken, so lautet das Versprechen von Saalbach Hinterglemm, das sich rühmt, im Verbund mit Leogang und Fieberbrunn »Österreichs größte Bike-Region« zu sein. Die Skiregion im Salzburger Land hat als eine der ersten schon vor zwei Jahrzehnten erkannt, welches Potenzial in Mountainbike, Enduro, Downhill und Co. liegt: Mittlerweile locken mehr als 80 Kilometer sogenannter Lines und Trails die Mountainbiker aus aller Herren Länder hierher, neun Bergbahnen bringen Wanderer und Radfahrer den ganzen Sommer über hinauf.

Die sportlichen Radler sind mit Gravel-Bikes unterwegs, wer es gemächlicher mag, wählt das Elektro-Mountainbike. Und wer Aufregung sucht, fährt Downhill, so wie wir es heute ausprobieren. Downhill heißt wörtlich bergab: Und viel mehr ist es nicht. Auf den Schotterpisten geht es vollgefedert ins Tal, über Wurzeln, Steine, Steilkurven und kleine Schanzen. Manchmal fällt man auch. Nun ja, selber schuld.

Wir wollen an unserem ersten Tag das Bergab-Radfahren von der Pike auf lernen. Deswegen sind wir mit der neu eröffneten Saalbacher Bikeschule unterwegs: mit Kuba, in dessen Deutsch ein lustiger tschechisch-salzburgerischer Akzent durchklingt. Er sagt immer Radl statt Rad, eigentlich klingt es wie »Radi«. Heute früh haben wir bei ihm die schicken Radi aus dem Verleih geholt, die Protektoren angelegt und die Helme aufgesetzt. Dann ist unser Lehrer mit uns auf den Parkplatz am Lift geradelt: Auf glattem Asphalt haben wir uns mit dem Fahrrad vertraut gemacht, anderthalb Stunden lang Hütchen umkurvt, Vollbremsungen trainiert und die richtige Kurventechnik auch. Nach unseren Versuchen auf der Turmwiese soll es jetzt auf die Piste gehen: Auf zur Kohlmaisbahn, ab auf den Berg!

Jede zweite Gondel ist mit Halterungen für Mountainbikes ausgestattet. Beim Einsteigen heißt es, nicht trödeln. Kuba hilft beim Räderverladen, schließlich sitzen wir. Die Türen schließen rumpelnd, langsam schweben wir nach oben. Es wird leise, Kühe muhen. Von 1003 Metern geht es nun auf fast 2000 Meter hinauf. Oha, da runter, denke ich. »Wichtig ist es, den Kopf auszuschalten und das Rad laufen zu lassen«, sagt Kuba, der scheinbar Gedanken lesen kann. »Weißt du, den Sport betreiben ganz junge und ganz alte Leute. Du kannst das auch.«

Kuba stammt aus Prag, er ist 34 und Wirtschaftsingenieur. Als Kind schon war er in Saalbach im Skiurlaub, seit acht Jahren kommt er jeden Winter als Skilehrer hierher, neuerdings ist er nun auch Bikelehrer. Nicht nur wegen des Geldes, sagt er, sondern vor allem wegen der Gegend. »Es ist wunderschön hier. Ich kann hier jeden Tag genau das machen, was mir am meisten Spaß macht. Im Winter Skifahren, im Sommer Biken.«

Für die Prüfung als Bikelehrer, erzählt er, musste er mit dem Rad eine fast zwei Meter hohe Rampe hinunterspringen. »Da hatte ich richtig Angst«, verrät er. »Ich hab es mir beim Training vor der Prüfung noch nicht getraut. Erst als die Prüfung war, bin ich da runter. Es hat geklappt. Einmal, dann war aber auch gut.« Auf die richtige Mischung komme es an beim Downhillfahren: »Fokus und Konzentration sind wichtig, aber Angst? Nein!«

Die Gondel ist an der Bergstation angelangt, wir steigen aus: Reichlich Trubel, die Sonne scheint, eine Menge Radler sind heute hier oben unterwegs. Wir genießen erst mal die Aussicht auf das satte Grün der Pinzgauer Grasberge. Kuba erklärt die Namen der umliegenden Gipfel, die ich sofort wieder vergesse. Berge in weiter Ferne auch noch voneinander unterscheiden zu können, das übersteigt meine heutige Lernfähigkeit. Irgendwo hinter den Wolken soll auch die Zugspitze liegen. Keine Ahnung, wie die wirklich aussieht.

Ehe es losgeht, gibt es vom Bikelehrer noch einen wichtigen Tipp. »Bevor wir loslegen, jedes Mal das Rad checken! Bremsbeläge, Reifen, Lenker - sitzt alles? Auch die kleinen Schrauben müssen fest sitzen, alles muss kurz überprüft werden!« Wenn das Material nicht stimmt, könne es schnell lebensgefährlich werden, sagt er. »Heute aber habt ihr Räder frisch aus dem Verleih, da ist alles 100 Prozent sicher!«

Das ist beruhigend zu wissen, aber irgendwie auch selbstverständlich: Schließlich zahlt man pro Tag für so ein Superbike samt Schutzausrüstung je nach Leihdauer um die 80, 90 Euro. Dazu kommen zusätzlich etwa 45 Euro für die Bergbahn - für einen Tag. Für den 2,5-Stunden-Workshop mit Kuba werden bei der Bikeschule noch einmal 49 Euro zusätzlich fällig. Oha: Downhill ist noch teurer als Skifahren.

Es geht auf den echten Trail. Der Blick hinab ist atemberaubend. Wir fahren Kolonne, Kuba langsam vorneweg, wir noch langsamer hinterher. Alles sieht ein wenig steiler und bedrohlicher aus als unten auf der Turmwiese, und an einer breiteren Stelle überholen uns sofort zwei Raser. Hoppla!

Doch besser nicht beirren lassen, einfach Kubas Linie nachfahren. Einfach hinterher. In aller Ruhe rolle ich über Stock und Stein. Scharfe Kurve! Bremsen, Gorillahaltung, einlenken! Und siehe da, nach den ersten zwei schwierigen Spitzkehren kehrt auch bei mir ein Gefühl von Sicherheit ein, so wie unten am Übungshang. Selbst die steile Geröllstelle bringt mich zwar zum Schwitzen, aber nicht aus dem Konzept.

Als der Trail dann quer über eine Alm führt, ist es deutlich weniger steil und ich lasse sogar die Bremsen ganz los. Das Rad nimmt Fahrt auf, der Lenker rattert. Juhu! Es wird rasend schnell, jedenfalls kommt es mir so vor. Alles ist im Fluss, alles in Bewegung, die Landschaft zieht nur noch wie ein buntes Band an einem vorbei. Yeah! Dieses Runterrasen ist leicht berauschend.

Schließlich naht die nächste scharfe Kurve, ich ziehe beide Hydraulikbremsen kräftig an, die Beläge sind frisch, weswegen das Rad bei jeder Bremsung jault, also praktisch ständig. Jetzt allerdings, da die Endorphine durch den Körper strömen, stört das Jaulen nicht mehr. Man ist beseelt, es klingt wie Musik. Man ahnt, was die Biker meinen, wenn sie von dem Flow sprechen, der das Downhillfahren so reizvoll macht. Und man ahnt zudem, dass der Slogan stimmt: Jeder kann biken lernen! Sogar Mittelmutige.

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