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Im Halbschlaf bleibt alles beim Alten

… und täglich salutiert das uniformierte Murmeltier, beschreibt Sasha Filipenko

  • Lesedauer: 10 Min.

Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunglückt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. In der Familie und im privaten Umfeld des jungen Franzisk in Minsk hat sich alles verändert: Seine Freundin hat sich längst woanders umgeschaut, seine Mutter eine neue Familie, seine geliebte Großmutter, die sich als Einzige um ihn gekümmert hat, ist nicht mehr. Aber in seinem Land ist alles noch genau wie vorher: Ein autoritärer Präsident ist an der Macht, die jungen Leute verlassen in Scharen das Land, und jeder Protest wird sogleich erstickt. Wohin wird Zisk in diesem erstarrten Land gehen?

Aus dem Vorwort

Nach dem ›Russkaja Premija‹ für »Der ehemalige Sohn« wurde der Roman nicht nur gelobt, sondern es hagelte, wie üblich, auch Kritik. Der häufigste Vorwurf lautete kurz und bündig: So etwas gibt es nicht. Zum Glück oder zum Unglück haben die Ereignisse von 2020 wieder einmal gezeigt, dass ich bei meiner Beschreibung des ins Koma gefallenen Belarus ehrlich mit mir selbst und mit meinen Lesern war. Dieses Buch ist ein Versuch zu analysieren, warum mein Land eines Tages in einen lethargischen Schlaf sank, aus dem es scheinbar gar nicht wieder aufwachen wollte. Dieses Buch ist (zumindest hoffe ich das) eine Erklärung dafür, warum die Belarussen 2020 nicht mehr weiterschlafen wollten und aus ihrem Koma erwachten. Dieses Buch ist ein Versuch zu begreifen, warum wir zu ehemaligen Söhnen und Töchtern des eigenen Landes und ehemaligen Kindern der eigenen Eltern wurden. Dieses Buch ist im Grunde ein Lexikon von Anlässen, ein Wörterbuch von Gründen für die Belarussen, ihre Häuser zu verlassen. Zum Glück für den Autor, aber zum Leidwesen der Belarussen sind ganze Seiten aus meinem Roman Wirklichkeit geworden, und es kommen immer noch mehr dazu.

Es ehrt mich, dass nicht nur Kritikerinnen und Leser auf mein Buch aufmerksam wurden, sondern auch die Staatsmacht: In den meisten Minsker Buchläden ist »Der ehemalige Sohn« zwar erhältlich, aber nur unter der Hand, er steht nicht in den Regalen. Und der belarussischen Nationalbibliothek wurde dringend empfohlen, das Buch nicht in den Katalog aufzunehmen. Dieses Buch erzählt von einem Land mitten in Europa, in dem das oben Beschriebene möglich ist. Vor allem aber handelt es von der Liebe - von der Liebe, die die Kraft hat, einen Menschen zu heilen und ein ganzes Land aus dem Tiefschlaf zu wecken. Meine inständige Hoffnung ist, dass dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird …

Der Frühling war fast vorbei. Die Uhrzeiger rückten auf halb neun. Wie ein Tiefflieger setzte die Sonne zur Landung an. Vereinzelt überdeckten Brücken in Rohre gezwängte Flüsse. Steigende Luftfeuchtigkeit, dampfender Schweiß. In der syphilitischen Stadt schmolz vor Hitze der Asphalt. Akrobaten stürzten ab. Wie Saiten zogen sich die Oberleitungen. Entlang der Linien fuhren leere Trolleybusse. Die obersten Knöpfe standen offen, die Kleidung blich aus. Wasser verkaufte sich so gut wie sonst nie. In den Hauseinfahrten und Gassen hing Schwüle. Die Erde bettelte um Regen. Die erste Sonnenbräune war da, und die Alten konnten sich nicht einmal vor laufender Kamera an solche Temperaturen erinnern.

Schwer wie ein alter Mann schnaufte der Kassettenrekorder, während er den Ton aufzeichnete. Zisk drückte auf das schwarze Quadrat, und der Apparat verstummte. Jetzt musste er nur noch das Band zurückspulen, die Aufnahme einschalten und sich unbemerkt in den Flur schleichen. Ein erprobter Trick, Zisk hatte ihn schon etliche Male angewandt. Der Rekorder übte - und Großmutter glaubte es.

Alles lief nach Plan. Franzisk hockte vor der Eingangstür, die Schlüssel in der Hand, die Schuhe gebunden - als plötzlich sein Knie verräterisch laut knackte. Das Flattern des Fächers verstummte, für einen Moment war es still. Die Großmutter entschuldigte sich bei ihrer Gesprächspartnerin und wandte sich an den Enkel: »Du gehst hinaus? Ich glaube nicht, dass ich dich um irgendetwas gebeten habe.« Franzisk sagte nichts, die Großmutter wartete seine Antwort gar nicht erst ab. »Du solltest dich schämen, deine Mitmenschen zu hintergehen! Dass du dich auf Kassette aufgenommen hast, ist löblich. Erstens hast du die Etüde endlich fertiggespielt, worauf der Urheber stolz wäre. Zweitens kannst du jetzt deine Fehler hören. Das wirkt Wunder, mein Lieber!«

»Babuschka, warum darf ich denn nicht raus?«

»Darum!«

»Genug gepredigt, Ba! Sie hören ohnehin gleich auf. In einer halben Stunde ist es finster, ich will wenigstens noch Four Square spielen …«

»Dann wirst du eben Straßenmusikant. Viel Spaß!«

»Fußballspielen im Hof hat noch keinen zum Straßenmusikanten gemacht! Aber von der Musik den Verstand verloren haben schon viele. Kann ich bitte gehen?«

»Nein! Es sind nur noch ein paar Tage bis zur Prüfung. Und du läufst eh schon Gefahr rauszufliegen.«

»Die Prüfung ist erst nach der Notenkonferenz. Nach der Notenkonferenz schmeißen sie keinen mehr raus. Und außerdem, vielleicht bestehe ich ja mit Bravour?«

»Das wage ich zu bezweifeln. Marsch in dein Zimmer!«

»Babuschka, bei dem Wetter!«

»Das Wetter ist wirklich schön, da gibt’s nichts zu meckern. Und mit jedem Tag wird es schöner, mein Lieber. Genieß es - nach der Prüfung!«

»Und wenn mir etwas zustößt? Wenn das meine letzte Gelegenheit ist rauszugehen?«

»Du bist doch schon groß, oder nicht? Ich hätte angenommen, dass dir dieses Argument mittlerweile selbst zum Hals heraushängt. Geh jetzt bitte in dein Zimmer, und mach dir nicht so viele Gedanken, zu Hause kann dir nichts passieren. Weißt du noch, wie der große Dichter geschrieben hat: Geh nicht aus dem Zimmer raus, mach nicht diesen Fehler.«

»Der war übrigens ein Nichtsnutz. Sogar ein staatlich anerkannter!«

»Seit wann hältst du was auf den Staat? Rein mit dir, marsch!«

Franzisk schnalzte genervt mit der Zunge, schleuderte die Sportschuhe hin und ging zurück in sein Zimmer. Er knallte die Tür zu und warf sich aufs Bett, verletzt und von jugendlichem Zorn erfüllt. »Die alte Hexe spielt schon wieder die ewige Leier. Bildung … Zukunft … Kühe hüten … Was hat die überhaupt für eine Ahnung von meiner Zukunft? Die reden von Zukunft, und vor zwei Wochen ist ein Junge aus der Parallelklasse einfach mitten im Unterricht gestorben. Herzstillstand. Was hat das ganze Lernen für einen Sinn? Was sollen all diese zweistimmigen Diktate und Dreiklangketten? Wer braucht diese Fach- und Klavierprüfungen, wen interessiert dieses bescheuerte Orchester dreimal die Woche, wenn man einfach so, fünf Minuten vor der Pause, den Löffel abgeben kann?«

Jedes Jahr gegen Frühlingsende fasste der Lehrkörper (in Person des Lyzeumsdirektors) denselben heiligen Gedanken: »Die Arche des Wissens kann nicht alle aufnehmen, liebe Kollegen! Wer nachlässt, muss über Bord! Wer zurückbleibt, wird es nicht schaffen, die Welt des Wissens zu errudern! Wer untergeht, soll sich andernorts abstrampeln!« Nach diesen linguistischen Ausschweifungen fasste der Lyzeumsdirektor, den sie wegen seiner Leibesfülle Kogel nannten, zusammen: »Verehrte Eltern, bei uns kann man, zum Glück oder leider, kein Schuljahr wiederholen. Das habe ich Ihnen immer geradeheraus gesagt. Ljudmila Nikolajewna, schließen Sie bitte die Tür, die Kinder horchen schon wieder.«

Die, die der Grund für den Ehrentag waren, ließ man nicht in den Saal. Es gab nicht genug Stühle, es gab nicht genug Worte. Damit sie sich nicht an der Tür drängten, hatte sich der Direktor etwas Einfaches und, wie ihm schien, äußerst Findiges ausgedacht. Jedes Jahr lud er am Tag der Notenkonferenz einen Gast in die Schule ein. Wie das Amen im Gebet war es jedes Mal ein Kriegsveteran. Mit Orden immer, mit Gehstock je nachdem. Auf die Bühne in der Aula stellte man einen Tisch und eine Vase mit drei Nelken, echte oder aus Plastik (was gerade aufzutreiben war). Dann stieg der Veteran selbst auf die Bühne. Die Gymnasiasten applaudierten und kommentierten: »Schau, der trägt drunter schon den Holzpyjama … Gleich fängt er an zu labern, der alte Knacker … Erzählt auf Staatskosten olle Geschichten.« Neben den Veteranen setzte sich die Beauftragte für Bildungsarbeit: »Entschuldigen Sie bitte, ich musste durch das ganze Schulhaus.« Der Veteran nickte verständnisvoll, hustete, zupfte seine Feiertagskrawatte zurecht und begann leise und ideologisch wasserdicht vom Krieg zu erzählen. Obwohl die Lyzeumsschüler bei diesen Helden- und Ruhmesgeschichten reihenweise einschliefen, suchte der Direktor kein neues Unterhaltungsprogramm.

Er gehörte zu jener Sorte von Trainern, die ihre ganze Karriere hindurch mit immer derselben Aufstellung arbeiten. »Wozu etwas Neues erfinden? Wer braucht andere Kandidaten? Ljudmila Nikolajewna, laden wir doch diesen … na, wie heißt er denn … der letztes Jahr da war …« Wirklich, nach neuen Kandidaten suchte niemand.

Nicht ohne Grund nahmen deshalb viele Schüler an, dass es in ganz Belarus nur einen einzigen Partisanen gegeben habe. Der seine Zeit schon immer damit verbracht habe, von Schule zu Schule zu wandern und den Kindern die Ohren vollzusülzen.

Am Ende dieser Abende hob die Bildungsbeauftragte den Blick zum Porträt des Präsidenten der jungen Republik und fasste zufrieden zusammen: »Nun, Kinder? Früher gab es Gott sei Dank den Vater aller Völker, und jetzt haben wir Gott sei Dank unseren Batka! Also müsst ihr nicht fürchten, dass uns ein Krieg droht!« Nach diesen weltbewegenden Worten sprang sie auf und rannte in Richtung Saal. Der Veteran lächelte irritiert und entfernte sich.

An jenem heißen Maitag sollte alles nach lang erprobtem Szenario ablaufen. Goldene Worte über Heldentaten, verstaubte Gedichte über soldatische Ehre. »Wir haben für die Heimat gekämpft, für eure Zukunft, niemand hat uns dazu überredet, niemand bedroht, es gab keine Sperrtruppen, wir brannten immer darauf zu kämpfen!«

An jenem fatal heißen Maitag waren weder beim Hauptdarsteller noch bei den zahlreichen Zuhörern Kommunikationsprobleme zu erwarten. Der Veteran wusste, dass er den Kindern den Auslauf raubte, die Kinder wussten, dass sie dem Veteranen Respekt zollen mussten, denn wäre er nicht gewesen, wer weiß, was jetzt überhaupt wäre. Franzisk bemalte die Rückseite der Stuhllehne vor sich und hörte mit halbem Ohr den Begrüßungsworten zu. Sein bester Freund Stassik Krukowski rubbelte verbissen an einem Fleck auf seinen Jeans. Neben ihnen wurde geflüstert, geknufft, wurden Briefchen weitergegeben. Einige stellten noch schnell die letzte Solfeggio-Aufgabe fertig, während andere verzweifelt ein Schnarchen imitierten. Mit einem Wort, die Veranstaltung verlief in der gewohnt harmonischen Atmosphäre, doch plötzlich horchte der Saal auf, und die Schüler verstummten. Der Veteran hatte etwas gesagt, was er nicht sagen durfte.

Die Bildungsmaschinerie geriet ins Stocken. Jemandem war ein Fehler unterlaufen, jemand hatte nicht genau hingeschaut. Hatte überhaupt nicht hingeschaut! Hatte einen Balken übersehen. In einem fremden Auge. Ein »falscher« Mensch war ins Lyzeum eingeladen worden. Erst jetzt sahen alle, dass er ohne Orden gekommen war und seine Erzählung einen anderen, unpathetischen Krieg betraf, den Krieg, den er erlebt hatte. »Kinder, ich sage euch gleich direkt, dass ich nicht gegen die Deutschen gekämpft habe. Seht mal, ich habe auch keine Auszeichnungen. Mir haben sie keine gegeben. Ich bin kein Veteran im herkömmlichen Sinn. Soll ich überhaupt weitersprechen?«

Die erschrockene Bildungsbeauftragte nickte mit bebender Turmfrisur.

»Dann fahre ich fort, wenn’s recht ist. Mich lädt man nicht zu Paraden ein. Ich würde auch nicht hingehen. Es wundert mich, dass euer Geschichtslehrer, Waleri Semjonowitsch, mich eingeladen hat. Ich soll euch erzählen, wie alles war … Und wie war alles? Beschissen war es, Kinder!«

Sasha Filipenko
Der ehemalige Sohn
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
Diogenes Verlag
320 S., geb., 23,00 €

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