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Dasselbe Ding durch tausend Augen

Im britischen Drama »The Father« spielt Anthony Hopkins einen demenzkranken Mann. Das Werk ist berührend, aber kaum bewegend, nicht prägend zwar, doch interessant

Das Licht geht an, das Licht geht aus. Eben erst aufgestanden, und jetzt schon Abendbrot. Warum trage ich Pyjama? War das Sofa da nicht eigentlich beige? Wo ist das Bild hin, das da immer hing? Wer ist dieser Typ, der behauptet, das hier sei seine Wohnung?
»Memento« (2000), »Iris« (2001), »Small World« (2010), »Honig im Kopf« (2014), »Still Alice« (2014), »Findet Dorie« (2016) – Wir sind aus mehr oder weniger guten Filmen gewohnt, das Thema Demenzerkrankung objektiv zu verfolgen, das heißt, wir sehen einen Filmhelden, der keine Orientierung hat oder sie allmählich verliert. Sein Schicksal packt uns, wenn er nicht gerade von Dieter Hallervorden gespielt wird, im Innersten an. Florian Zeller versucht in »The Father«, der Filmadaption seines 2012 verfassten Bühnenstücks »Le Père«, diesen Weg abzukürzen. Er setzt gleich beim Subjekt an, dessen Wahrnehmung wir ganz zu teilen scheinen. Und damit die Unsicherheit, was nun wirklich und was eingebildet, was lediglich vergangen und was falsch erinnert sei. Dieser Ansatz ist so verlockend wie unhaltbar. Folglich scheitert Zeller gründlich und nimmt einen dennoch gefangen. Der Thriller frisst hier das Charakterdrama. Das Werk ist berührend, aber kaum bewegend, nicht prägend zwar, doch interessant. Es gibt diese Sorte Unsinn, mit der man sich gern beschäftigen lässt. Das kommt, weil sie Wirkung hat, und solche Wirkungen passieren nie zufällig; sie verraten künstlerische Klasse.
Anne (Olivia Colman) lebt in der Londoner Wohnung ihres Vaters Anthony (Anthony Hopkins), der zu stolz scheint, seine Demenzerkrankung einzugestehen, allein aber nicht mehr zurechtkommt. Als sie ihm mitteilt, dass sie nach Paris zu ihrem neuen Freund ziehen werde, ist Anthony verwirrt. Später bemerkt er, dass ein Fremder (Mark Gattis) in der Wohnung sitzt. Der Mann behauptet, seit zehn Jahren mit Anne verheiratet zu sein, dass das Apartment ihm gehöre und Anthony hier als Gast lebe. Er ruft Anne an, die schnell vom Einkauf zurückkommt, um die Situation zu erklären. Es betritt aber eine andere Anne (gespielt von Olivia Williams) das Apartment, die Anthony noch nie gesehen zu haben glaubt. Auch Paul erscheint später noch in anderer Gestalt (Rufus Sewell). Bald ist nichts mehr fest: Personen, Beziehungen, die Dinge im Raum ändern sich fortwährend. Anthony kann seiner Erinnerung und seiner Wahrnehmung nicht trauen.
Es ist fast schon banal zu erwähnen, dass Anthony Hopkins und Olivia Colman brillante Schauspieler sind, und vielleicht ist dieser Father, der im Film ebenfalls Anthony heißt und tatsächlich das echte Geburtsdatum seines Darstellers angibt (31. Dezember 1937), Hopkins’ größte Leistung seit je. Immer wirkungsvoll und zu keiner Zeit übertrieben, formt Hopkins einen Charakter, der Konstantin Stanislawski ebenso glücklich gemacht hätte wie Michael Caine (»Acting in Film«). Indessen lebt »The Father« nicht allein vom Charisma seiner Hauptdarsteller. Das Kammerspiel wird zum Kameraspiel. Man merkt dem Film an, dass er auf einem Theaterstück beruht, Einheit von Ort, Handlung und Zeit sind (oder scheinen) bewahrt. Trotzdem wurde hier nicht bloß brav ein Bühnengeschehen abgefilmt. Die Kamera nutzt die Möglichkeiten der Szene. Immer wieder sehen wir denselben Raum, dieselbe Szene, aus einer anderen Perspektive, dasselbe Ding durch tausend Augen.
Auf die Art hat der Zuschauer auch szenisch nie das Gefühl, mit dem Raum vertraut zu werden. Der Hintergedanke dieses Mittels erklärt sich mit Rücksicht auf den Plot fast von selbst. Die Umwelt erlebt einen Demenzkranken als fortwährend irritiert, weil für ihn sich alles permanent ändert. Der Film zeigt die Umwelt aus der Perspektive des Erkrankten; sie ändert sich tatsächlich. Immer wieder sucht der alte Herr nach seiner Uhr, wenigstens die Zeit festzuhalten, da alles andere schwindet, und wenn Anthony irgendwann ganz beiläufig »world is turning« sagt, erhält diese Binsenweisheit vorm Hintergrund seiner subjektiven Lage eine zweite Bedeutung.
Es sind nicht feste parallele Settings, zwischen denen Anthony springt. Sie vermischen sich: Zunächst lebt Anne bei Anthony in der Wohnung und ist frisch verliebt in James, dann soll sie seit zehn Jahren verheiratet sein mit Paul, und die Wohnung, in der Anthony lebt, gehört Paul, dann wird Anne eine andere Person, dann ist diese Anne seit Jahren geschieden, dann wechselt die Wohnungseinrichtung, dann ist die erste Anne wieder da, aber die Wohnung gehört nicht wieder Anthony, sondern Anne, die nun verheiratet ist mit Paul, aber einem anderen Paul, während Anne von einer Begegnung redet, die Anthony mit der anderen Anne hatte usw. usf. Personen, Beziehungen und Szenenbild wirbeln sich untereinander ebenso durch, wie sie Anthony durchwirbeln.
Der (erahnbare) Twist am Ende muss das fluide Geschehen wieder objektiv machen. Man atmet fast auf, wenn alles wieder seinen festen Ort und seine feste Zeit hat. Was dem Zuschauer da angeboten wird, schafft eine Klammer, und dennoch purzelt rechts und links zu viel des über die Handlung hinweg Angehäuften hinunter. Der Film geht in seinem eigenen Ende nicht auf, und man merkt, dass eine ordnende Idee hinter dem Ganzen von Beginn an gefehlt hat.
Und natürlich funktioniert schon, wie eingangs angedeutet, die Prämisse selbst nicht. Die Irritation des Demenzkranken ist permanent neu, aber nicht an permanent neuen Gegenständen. Ihn irritiert die immer gleiche Welt um ihn herum immer neu. Das Problem, das sich Zeller hier vorgenommen hat, ist dramatisch gar nicht darstellbar. Gewiss: Szene für Szene – also nicht mit dem Anspruch jener Einheit, die der Film selbst durch seine Auflösung am Schluss für sich anmeldet – erweist sich »The Father« als faszinierendes, tiefsinniges, psychologisch sensibles, impressionistisches Meisterstück. Als Ganzes funktioniert es nicht.
So entsteht hier, vermutlich ungewollt, etwas anderes. Dieses Demenzdrama taugt vielleicht zur Parabel auf das gefilterte Bewusstsein unseres Zeitalters, das sich, gefangen in Sozialen Medien, den Narrativen seiner Komfortzone hingibt und jedes Mal wie in eine andere Welt tritt, wenn es die sinnliche Gewissheit der eigenen Bubble verlässt.

»The Father«: Großbritannien 2020. Regie: Florian Zeller. Drehbuch: Florian Zeller, Christopher Hampton. Mit: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Mark Gatiss, Olivia Williams, Rufus Sewell, 97 Minuten. Jetzt im Kino.

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