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  • Die Welt jenseits der Stille

Über Menschen

Was alle trennt, verbindet sie: Der Corona-Dokumentarfilm »Die Welt jenseits der Stille« müsste Kitsch sein, ist es aber nicht

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 5 Min.

Das Vorurteil ist keine Himmelsmacht, aber eine Macht ist es: Ein Film, der zwölf tapfere Geschichten aus zwölf Weltgegenden erzählen lässt von Menschen, die tapfer durch den Lockdown gehen, das muss eigentlich ein zweistündiges »37 Grad«-Inferno aus Mut, Kraft und Hoffnung werden gerade dann, wenn Menschen in der Stille zu sich selbst und letztlich zueinander finden. Denn wie spricht der Papst gleich eingangs? »Dies ist nicht die Zeit für Differenzen, denn die ganze Welt muss sich im Kampf gegen Corona vereinen.« Amen.

Nun steht der Fernseher, aus dem der Papst spricht, aber in einem römischen Wohnzimmer, und die Frau, die sich da bekreuzigt, ist die polnische Pflegerin der greisen Dame, die hier wohnte, gestürzt war und wegen Corona nicht so behandelt werden konnte, wie es nötig gewesen wäre. Also liegt sie jetzt auf dem Friedhof, und ihre Pflegerin (und Freundin) kann nicht nach Polen zurück, sitzt rauchend auf dem Balkon und guckt auf die Straße, auf der es den ganzen Tag aussieht wie früh am Morgen. Das Knistern der Zigarette macht die Stille dick, und allein dies eine starke Geschichte, die reichen würde für einen fiktionalen Kammerspielfilm.

Derweil hockt in Berlin ein junger chinesischer Kung-Fu-Lehrer allein in seiner Trainingshalle und ärgert sich über die Unvernunft der Leute und das lasche deutsche Corona-Regiment, in Moskau gibt ein DJ und Musiker (»Eigentlich handeln alle meine Songs vom Weltuntergang«) Konzerte übers Internet, in Kuala Lumpur nimmt ein blinder junger Telefonist die Stille noch einmal anders wahr, und im brasilianischen Regenwald werden im Stamm der Kuikuro fast alle krank und der Dorfälteste funkt dem Häuptling, er habe Angst. Man kommt viel herum in diesem Film, und weil es ständig um Corona geht, geht es gar nicht um Corona, das mehr Motiv denn Thema ist. Was alle trennt, verbindet sie, und in den geleerten Städten sind die Menschen nicht unbedingt mit sich allein, aber doch mit sich beschäftigt. Das ändert die Perspektive, Kitsch hin oder her.

Auf einmal etwa fühlt der Pizzabote Jorge, der vor bald 20 Jahren aus Santo Domingo nach New York gekommen ist, sich »nützlich«, weil er den Leuten das Essen nach Hause bringt: »Sie können ja nicht mehr essen gehen«, sagt er treuherzig, als sei es für Manhattanites eine Zumutung, mal eine Pfanne aus dem Schrank zu holen. Er selbst hat seine Wohnung in Queens verloren, wartet auf ein Sozialappartement und trinkt, sagt er, fünf Literflaschen Cola am Tag, immer schon, während sich das Paar, zwei kleine Kinder, das sich vor seinem Häuschen in einer bolivianischen Küstenstadt selbst filmt, eigentlich trennen will, wegen Corona aber nicht voneinander loskann: eine inverse, ironische, für den Film durchaus glückliche Konstellation. Und die junge Israelin, mit ihrer orthodoxen Familie über Kreuz und trotzdem in Krisenzeiten zu ihr zurückgekehrt, sitzt am Strand von Haifa und sagt, das mit der Freiheit, das kriege sie nicht zu Ende gedacht. Dazu rauscht dann das Meer.

Ein Dokumentarfilm taugt, wenn er eine Geschichte nicht erzählt, sondern erzählen lässt, und hier sind es derern zwölf, die sich so selbstverständlich auffalten, dass es weder lang noch peinlich wird. Dabei weiß der Film von Manuel Fenn sehr genau, was er tut und was er will, und kontrovers sein will er nicht. Seine Mitwirkenden halten sich an die Vorschriften (außer Jorge vielleicht), und wer keine Lust hat, Mund und Nase zu bedecken, dem sieht der junge Verwaltungsangestellte, der in einer Favela von Rio de Janeiro Masken verteilt, sich von seinem Liebsten isoliert hält und Bolsonaro »Arschloch« schimpft, verständnislos hinterher. Die Kuikuro bauen gemeinsam ein »Hygienehaus«, der Polizist in Nairobi bittet die Schuhputzerin, die er nicht zur Tochter lassen kann, freundlich: »Lassen sie uns als Kenianer zusammenhalten«, und der iranische Schafhirte zieht samt Herde seiner Wege, und nur die Kameradrohne begleitet ihn.

Könnte natürlich sein, dass Schafhirten eh meist allein sind, wie die menschenleere Joggingstrecke von Berlin-Mitte nicht Corona geschuldet scheint (lasches Regiment!), sondern der Tageszeit. Suggestion und Effekt sind nichts, was der Film ablehnt, und ob der kleine Londoner Junge, der seine argentinischen Großeltern nur aus dem Computer kennt und dessen Mutter sich durch den Lockdown ins alte Rollenmuster versetzt sieht, nun zufällig oder inszeniert durchs hohe Gras in eine Zukunft hinter der Leinwand stiefelt, wird nicht zu klären sein. »Ein melancholischer, kluger Film, der das Leben preist«, wirbt der Verleih mit einem Pressezitat, und dass Fenn etwas anderes als großes Dokumentarkino vorgeschwebt ist, lässt sich ausschließen. Aber das Menschliche, allzu menschliche über den Kitsch hinauszuführen – oder vielleicht besser: an ihm entlang – und im Trivialen zu einer Sprache kommen zu lassen, die (beinah) ohne Phrase ist, ist eine Leistung, die nicht kleiner wird durch den Umstand, dass die Verschränkung von Allgemeinem und Besonderem in der Pandemie zur leichten Übung wird. Wäre Corona die Apokalypse, wäre die Welt hernach bei den verschiedenen und sich doch gleichenden Menschen, die der Film versammelt, jedenfalls in guten Händen, wie die Überraschung ist, dass es den gesunden Menschenverstand vielleicht doch gibt. Zumindest dann, wenn so viele krank sind.

»Die Welt jenseits der Stille«: Deutschland 2021. Regie: Manuel Fenn. 119 Minuten. Start: 2. September.

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