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Die Streikmacht der GDL kommt aus dem Osten

Warum die Lokführergewerkschaft GDL in Ostdeutschland stärker ist als im Westen

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 4 Min.
Gespräch unter Kollegen am Hauptbahnhof Dresden während eines Streiks der GDL 2011: Dass die Gewerkschaft in Ostdeutschland stärker ist, hat mit der Wende zu tun.
Gespräch unter Kollegen am Hauptbahnhof Dresden während eines Streiks der GDL 2011: Dass die Gewerkschaft in Ostdeutschland stärker ist, hat mit der Wende zu tun.

Die erbitterte Tarifauseinandersetzung bei der Deutschen Bahn hat nicht zum ersten Mal eine Organisation in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, die bis vor 15 Jahren weitgehend unbekannt war. Doch seitdem hat es die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) geschafft, sich als kampfkräftige Gewerkschaft zu profilieren, die bereit ist, ihre Durchsetzungsmacht im Sinne ihrer Mitglieder einzusetzen. Dabei wird immer wieder konstatiert, dass die GDL in den neuen Bundesländern besonders schlagkräftig ist, was sich bei Arbeitskämpfen darin manifestiert, dass die Ersatz- und Notfahrpläne der Deutschen Bahn wesentlich dünner ausfallen als im Rest der Republik. Das erklärt sich aus den radikalen Umbrüchen im Eisenbahnverkehr nach der Wende 1990.

Die Zusammenführung der Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn war eine Herkulesaufgabe. In der DDR hatte der Schienenverkehr einen wesentlich höheren Stellenwert als in der BRD. Ihr Anteil an der Gesamtbeförderungsleistung lag im Personenverkehr bei deutlich über 40 Prozent, im Güterverkehr waren es sogar 77 Prozent. In der DDR war per Gesetz vorgeschrieben, dass Güter ab 50 Kilometer Entfernung auf die Schiene müssen, wenn Versender und Empfänger einen Gleisanschluss haben. Ab 1981 galt dies sogar ab zehn Kilometern. In der BRD lag der Marktanteil der Schiene im Personenverkehr zu diesem Zeitpunkt nur noch bei sechs Prozent, im Güterverkehr waren es 21 Prozent. Die Bundesbahn hatte bereits eine erhebliche Schrumpfkur hinter sich. Viele Gleise wurden bereits in den 1970er und 1980er Jahren stillgelegt, die Belegschaft wurde von 1949 bis 1989 mehr als halbiert, von 539 000 auf 255 000.

Von vornherein war klar, dass bei der Reichsbahn ein großer Personalabbau bevorsteht. Teilweise geschah das durch Vorruhestandsregelungen und »freiwilliges« Ausscheiden mit einer Abfindung, doch später gab es auch Entlassungen. Davor mussten sich Mitarbeiter der Bundesbahn nicht fürchten, denn die befanden sich größtenteils im Beamtenverhältnis, auch Lokführer. Demzufolge war die GDL zu dieser Zeit eine reine Beamtengewerkschaft, ohne Tarifmacht und Streikrecht.

In der DDR waren die Reichsbahner wie faktisch alle Beschäftigten im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund organisiert, der nach der Wende rasch zerfiel. Die Angst und Wut der Reichsbahner über die absehbare Entwicklung wuchs schnell, zumal die alten Betriebsgewerkschaftsleitungen schnell von abgesandten Bundesbahnbeamten instrumentalisiert wurden. Einige Kollegen wandten sich dann an die GDL in Westdeutschland und baten um Unterstützung. Das nahm schnell Formen an, und am 24. Januar 1990 fand auf einer Versammlung im Bahnbetriebswerk Halle die Gründungsversammlung der GDL als erste freie Gewerkschaft der DDR statt. Die ersten Mitglieder waren knapp 500 der insgesamt 600 Lokführer aus Halle.

Der Aufbau der GDL ging zügig voran. Anfangs forderte sie die Eingliederung der Reichsbahner als Beamte in die Bundesbahn, was nicht durchsetzbar war. Aber sie nutzte den »Vorteil«, dass die Reichsbahner normale Tarifbeschäftigte waren. Im Juli 1990 gab es massive Warnstreiks, da die jetzt in DM auszuzahlenden Löhne gegenüber der alten Vergütung halbiert werden sollten. Die Reichsbahndirektion lenkte schnell ein, die Löhne wurden 1:1 ausgezahlt, die GDL wurde offiziell als Tarifpartner anerkannt und von der großen Mehrheit der Reichbahn-Lokführer als deren Interessenvertretung wahrgenommen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Es gab weitere Streiks, etwa im Juli 1991 gegen die Eingruppierung aller Reichsbahner als Berufsanfänger. Auch der war erfolgreich.

Es dauerte lange, bis die GDL auch im Westen eine vergleichbare Durchsetzungsmacht erreichte. Mit der Bahnreform von 1994 wurden die Bundesbahn und die Deutsche Reichsbahn in die neu gebildete Deutsche Bahn AG eingegliedert, die sich im Alleinbesitz des Bundes befindet. Damit gab es bei Neueinstellungen keine Verbeamtungen mehr, was der GDL neue Spielräume ermöglichte. Später plante der Bund, die Bahn in Teilen an die Börse zu bringen, verbunden mit einem rigorosen Sparprogramm. In der DGB-Gewerkschaft Transnet und besonders in deren Vorsitzenden Norbert Hansen fand die Bahn AG einen willigen Unterstützer.

Die GDL löste sich 2005 aus der Tarifgemeinschaft mit Transnet und erkämpfte im Winter 2007/2008 mit massiven Streiks einen eigenständigen Tarifvertrag mit einer Lohnerhöhung um elf Prozent und der Verkürzung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde bei vollem Lohnausgleich. Auch 2014/2015 setzte sich die GDL mit mehreren Streikwellen weitgehend durch. Längst ist sie zu einer gesamtdeutschen Tarifmacht geworden. Und in Ostdeutschland, wo es keine Beamten aus dem Altbestand gibt, die von der Bahn während der Streiks eingesetzt werden können, ist ihre Kampfkraft besonders stark.

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