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Das einzig originär Neue

Wie die Klimakrise die Kulturschaffenden der Millennials-Generation rettet

  • Von Lasse Thiele
  • Lesedauer: 3 Min.

Heute möchte ich kurz aus dem medialen Wahlkampfsumpf auftauchen und die Klimakrise aus einem etwas anderen, generationenpolitischen Winkel beleuchten. Denn fest steht: Als Millennial – das sind wir Jungen, nicht immer ganz Unverbrauchten der Geburtsjahrgänge 1981 bis 1996 – hat man es grundsätzlich nicht leicht. Ein englischsprachiges Meme, das kürzlich kursierte, als eine leckgeschlagene Pipeline den Golf von Mexiko in Brand gesetzt hatte, bringt das Elend ganz gut auf den Punkt. Es zeigt zuerst ein kerniges Paar: meine Eltern in ihren 30ern, beschäftigt mit Hauskauf. Dann eine zerzauste Schreckgestalt: ich in meinen 30ern. Und bei mir so? »Der Ozean brennt wieder.« Müsste gefühlt eine Metapher sein, ist aber 2021 eine bloße sachliche Feststellung.

Wohnungsnot, Prekarität und eskalierende Klimakrise: Der Grundpegel an Zynismus, den viele Vertreter*innen meiner Generation vor sich hertragen (ich weiß natürlich, wovon ich rede), speist sich aus unerschöpflichen Quellen. Für Intellektuelle und Kulturschaffende kommt eine zusätzliche Hypothek hinzu: Diese Generation lebt im historischen Unglück, keine Chance zu besitzen, einen einzigen originellen Gedanken zu fassen. Alles, was wir denken, aussprechen oder aufschreiben, ist zuvor schon zigfach gesagt worden, und das wahrscheinlich eloquenter. Die Vorgenerationen haben noch mal kräftig abgeräumt: Poststrukturalismus, Gonzo-Journalismus, Queertheorie, Cyberpunk, alles da gewesen. Längst wirkt jede Idee, jedes kulturelle Werk wie ein schaler Aufguss, wenn man ausreichend schlecht gelaunt draufblickt, oder im besten Fall wie eine gelungene Referenz. Und selbst dieses Phänomen hat Fredric Jameson schon vor über 30 Jahren theoretisiert, natürlich wesentlich differenzierter und eloquenter. Und jetzt? Die Wunscharbeitgeber ganzer Philosophie-Studiengänge sind heute dem Vernehmen nach deutsche Autokonzerne – die stellen immerhin großzügig ein in der Abteilung Unternehmensphilosophie. Leider kein Witz, auch wenn kein Hegelscher Idealismus der Welt den SUV zu einem vernünftigen Kulturgut wunschdenken wird.

Wenn nun ohnehin alles ruiniert ist, kann man ruhig auch ein wenig lindnern: Probleme als dornige Chancen. Denn in dieser Hinsicht kommt die Klimakrise quasi als historischer Glücksfall daher. Sie ist vielleicht das einzig originär Neue im Erleben dieser Generation. (Selbst den Digitalisierungsdingsbums haben Ältere schon kulturell abgehandelt.) Nie war Existenzialismus berechtigter als heute, wo er längst zum Klischee verkommen ist. Da müsste doch was zu holen sein.Doch hier muss sich meine Generation ranhalten, auch dieses Feld wird ja längst von intellektuell (oder wenigstens kulturindustriell) geschäftstüchtigen Boo-mern beackert. Ein frühes Zeugnis ist Roland Emmerichs Blockbuster »The Day After Tomorrow« (2004), bei dem der halbe Planet innerhalb von Tagen überfriert. Drollig. Wäre es doch nur so kurz und schmerzlos.

Mittlerweile ist einiges dazugekommen: von Al Gores Powerpoint-Übungen über diverse Anthropozän-Ausstellungen bis zu den Science-Fiction-Werken von Kim Stanley Robinson. Oder dem berühmten Schriftsteller Jonathan Franzen, Jahrgang 1959, der unlängst den Klimakampf für verloren erklärte und dafür die positiven Seiten des bescheiden-entschleunigten Subsistenzwirtschaftens skizzierte. Er bekam dafür prompt auf den Deckel, weil die Klimakrisenwelt aus Sicht eines gemüsegärtnernden weißen Millionärs irgendwie doch romantischer erscheint als dort, wo Menschen wirklich subsistenzwirtschaften. Also, da ist noch Luft nach oben, wenn Science-Fiction zu Real Fiction wird: Wie werden die Generationen die Klimakrise kulturell verarbeiten, die ihr Leben mittendrin verbringen?

Zeit für den Schlussappell: Denkende und kulturschaffende Millennials aller Länder, beeilt euch! Vergesst Twitterdepressionen und Bernie-Memes. Es gilt, eine veritable Zivilisationskrise auszuquetschen, solange es noch geht. Gönnt den Boomern keinen Vorsprung – das hier ist unsere Krise, auch wenn sie sie zugegebenermaßen erfunden haben (danke für nichts!). Wenn ihr euch dabei auch noch auf die richtige Seite der Geschichte stellen mögt, statt BMW zu verkaufen, wird die Klimabewegung es euch danken. Vielleicht mit einem freien Baumhaus?

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