Werbung
  • Politik
  • 11. September 2001 in Manhattan

Im Staubnebel der Erinnerung

Der berufliche Ehrgeiz, über ein Welterlebnis zu berichten: Unser Autor war am 11. September 2001 in Manhattan

  • Von Max Böhnel
  • Lesedauer: 5 Min.
11. September 2001 in Manhattan: Im Staubnebel der Erinnerung

Die erste Maske, die ich trug, ist versifft von Staub und Flecken. Ihr Nasenbügel steht an einer Seite ab. Ein gelbes Gummiband hängt lose. Statt im Mülleimer landete sie in meinem Arbeitszimmer. Zerknautscht liegt sie seit fast 20 Jahren unangetastet auf dem Bücherregal über dem Schreibtisch. Ein Kollege, der damals ebenfalls in New York wohnte, verglich seine dreckverkrusteten, absichtlich ungereinigten Stiefel, mit »Reliquien aus dem Mittelalter«. Viele hielten damals an solchen 9/11-Erinnerungsgegenständen fest. Weshalb ich die eklige Maske aufbewahrte, ist mir bis heute nicht klar. Sicher ist: sie wegzuwerfen wäre dem Auslöschen essenzieller Erinnerungen gleichgekommen.

Das zweite Flugzeug, das sich ins World Trade Center bohrte, erlebte ich live im Fernsehen mit, aus 15 Kilometern Luftlinie Entfernung. Das TV hatte ich auf einen Anruf meiner Frau hin eingeschaltet, die mir von dem ersten brennenden Turm berichtet hatte. Sie sah ihn auf dem Weg zur Arbeit vom Zugfenster aus. Dann brach unser Gespräch ab, weil sie in einen Tunnel unter Downtown Manhattan abtauchte. Stunden später stellte sich heraus, dass sie sich etwa zum selben Zeitpunkt, als oben der zweite Flieger einschlug, direkt unter dem Word Trade Center befand. Sie hatte unser fünf Monate altes Baby bei sich. Keine Stunde später begräbt der einstürzende South Tower, dann eine halbe Stunde darauf der North Tower das südliche Manhattan unter sich. Zu dem Zeitpunkt sind meine Liebsten aber schon in Sicherheit, ebenso weitere Familienangehörige, Freunde und Bekannte.

Um ehrlich zu sein: 20 Jahre später ist die Erinnerung an 9/11 stark verblasst. Statt eines Gesamtbildes, das die persönliche Unsicherheit widerspiegeln würde sowie die Sorge um das unmittelbare Umfeld und gleichzeitig den beruflichen Ehrgeiz, über ein Weltereignis zu berichten, sind nur noch Bruchstücke im Gedächtnis vorhanden. Aus purem Zufall schaffte ich es am späten Nachmittag des 11. September vom Nachbarstaat New Jersey aus ins dann schon total abgeriegelte Manhattan: Aus irgendeinem Grund folgte ich einer Gruppe von aufgeregten Männern - es waren wohl Zivilpolizisten - in eine U-Bahnstation, wo ein Sonderzug auf sie wartete und losfuhr, mit mir als Passagier. Eine Viertelstunde später fand ich mich, von ihnen während der gesamten Fahrt über unbeachtet, in Downtown Manhattan wieder, mit ausgebrannten Autos, stinkendem Staub, der teils bis zu den Knien ging, graunebliger Luft, heulenden Sirenen und Polizei-Absperrungen. Die U-Bahn-Polizisten verschwanden im Staubnebel. Irgendjemand drückte mir eine Maske - jene Maske! - in die Hand. Das Chaos verwirrte mich. Ich war abends nicht in der Lage, es zu beschreiben. Ein anderes Bruchstück: der glasklare, sonnig-warme Spätsommerhimmel an jenem Tag. Wer damals dabei war und heute den Begriff »Nine-Eleven-Wetter« hört, weiß genau, was gemeint ist. Eine weitere Begebenheit aus unserem Wohnort, dem sicheren Brooklyn. Obwohl die Wohnung drei Kilometer Luftlinie von Ground Zero entfernt lag, waren in den Tagen danach bei einem bestimmten Windstand die Sirenen weit entfernter Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge zu hören. Dazu kam der Geruch von Verbranntem. In unserem WG-Gärtchen war verkokeltes Papier gelandet: tonnenweise waberte versengtes Büromaterial aus den Hunderten von zerstäubten Räumen des ehemaligen World Trade Center durch die Luft und landete auf unseren Tomaten, Gurken und im Gras.

Im weiteren Sinne bruchstückhaft scheint auch der öffentliche Umgang mit 9/11 zu sein. Denn weder das Ereignis selbst noch seine Folgen sind aufgearbeitet. So befinden sich mutmaßlich Verantwortliche für den Massenmord auch 20 Jahre danach noch in US-Militärgewahrsam in Guantanamo Bay, ohne dass es einen Gerichtstermin gäbe. Am Dienstag hatten fünf Männer, allen voran der als 9/11-Chefplaner verdächtigte Chalid Scheich Muhammad, zum ersten Mal seit Februar 2020 wieder einen Auftritt. Doch der geplante Vor-Gerichtstermin wurde aus prozeduralen Gründen nach kurzer Zeit wieder verschoben.

Seit Jahren versuchen die militärischen Ermittler, Todesurteile gegen Muhammad, seinen Neffen und drei weitere Männer wegen »Verschwörung mit den 9/11-Entführern« zu erwirken. Doch die Verteidiger weisen - zurecht - darauf hin, dass das Beweismaterial, nämlich Geständnisse, unter schwerer CIA-Folter, darunter dem berüchtigten Waterboarding, zustande kam und damit nicht verwendbar ist. Juristische Beobachter sind der Meinung, dass es in den so oder so kaum einsichtigen Verfahren auf absehbare Zeit keine Fortschritte geben wird. Auch der sogenannte Antiterror-Krieg ist von einer Aufarbeitung weit entfernt, auch wenn sich die USA erst vor Kurzem aus Afghanistan verabschiedet haben.

US-Präsident Joe Biden behauptete wiederholt, das ursprüngliche Ziel des Krieges in Afghanistan sei erreicht worden, als Terroristenführer Osama bin Laden getötet und Al-Qaida unschädlich gemacht worden sei. Unerwähnt ließ er aber dabei die Kosten und die Todesopfer, die der War on Terror seiner Vorgängerregierungen - einer, der von Barack Obama, gehörte er selbst an - gefordert haben. Die Leiterin des National Priorities Project, Lindsay Koshgarian, die Militärausgaben und -budgets der USA analysiert, veröffentlichte Anfang September entsprechende Zahlen. Danach gaben US-Regierungen in den vergangenen 20 Jahren 21 Billionen Dollar für die Militarisierung im Aus- und Inland aus. Davon gingen fast drei Viertel, nämlich 16 Billionen Dollar, ans Militär, und davon wiederum mehr als die Hälfte an Vertragsfirmen.

Das Forschungsprojekt Costs of War der Brown University im US-Bundesstaat Rhode Island kam bei der Frage nach den Opfern des War on Terror auf die geschätzte Zahl von 387 000 Toten. Genauer wollte die pazifistisch orientierte Nichtregierungsorganisation Airwars wissen, wie viele Zivilisten seit den 9/11-Anschlägen Opfer von US-Luftangriffen, inklusive Drohnenattacken, geworden waren. Das Ergebnis liegt zwischen 22 679 und 48 308. Im Durchschnitt hätten US-Luftangriffe seit 2001 pro Jahr mehr als 1000 Zivilisten umgebracht, so Airwars.

Doch diese erschreckenden Zahlen und die innen- und außenpolitischen Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen wären, finden sich weder im Mainstream-Diskurs der Medien noch in den Politikerreden wieder. Zwar ordnete Präsident Biden die Freigabe von bislang unter Verschluss gehaltenen FBI-Ermittlungen zu den Anschlägen vom 11. September 2001 an. Doch was in den Dokumenten unter »nationale Sicherheit« fällt und damit geheim bleibt, liegt im Ermessen des Justizministeriums. Ein Gruppe von Familienmitgliedern von 9/11-Opfern hatte Biden aufgefordert, Akten entweder freizugeben oder den Gedenkfeiern für ihre Angehörigen fernzubleiben.

Jedenfalls wird eine Retrospektive von 9/11 und den Jahren danach wahrscheinlich nur schlaglichtartig in den Vordergrund treten, nicht zuletzt, weil andere Themen überlagern, allen voran die nicht enden wollende Corona-Pandemie.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
0
Beiträge gelesen

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und kaufe eine virtuelle Ausgabe des »nd«

0
Beiträge auf nd-aktuell gelesen

Hilf mit, die Seiten zu füllen!

Zahlungsmethode