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Implosion eines chinesischen Immobilienriesen

Auf den rasanten Aufstieg von Evergrande folgt nun der Niedergang

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 3 Min.
Wenn kein Geld für die Sanierung oder Instandhaltung mehr da ist, muss auch mal gesprengt werden.
Wenn kein Geld für die Sanierung oder Instandhaltung mehr da ist, muss auch mal gesprengt werden.

Nachdem am Montag rund 100 erboste Anleger die Lobby der Hauptzentrale von Evergrande in Shenzhen stürmten und lautstark ihr Geld zurückforderten, postierte das Unternehmen etliche Absperrgitter und Sicherheitskräfte vor dem Haupteingang. Weitere Tumulte möchte der angeschlagene Konzern unter allen Umständen vermeiden.

Spätestens seit vergangenem Mittwoch befindet sich der Immobilienriese in existenzieller Notlage. Die Ratingagentur Fitch setzte die Bonitätsbewertung nämlich auf ein katastrophales »CC« herab. Es seien Zahlungsausfälle angesichts »knapper Liquidität« wahrscheinlich, hieß es in der Begründung. Und dafür gibt es harte Fakten: Chinas zweitgrößter Immobilienkonzern soll Schulden von über 300 Milliarden Dollar angehäuft haben – ähnlich viel wie der einstige Eurokrisenstaat Griechenland. Allein die Firma Skshu Paint wartet auf ausstehende Zahlungen in Höhe von 87 Millionen Dollar.

Der Niedergang von Evergrande ist umso spektakulärer, als es erst vor wenigen Jahren einen rapiden Aufstieg gab: Der 62-jährige Unternehmensgründer Hui Ka Yan galt zeitweilig als reichster Chinese, er wurde von der politischen Elite hofiert und sprach schon mal vor dem Nationalen Volkskongress. Kein Wunder, sorgte er doch für einen Bauboom, der die chinesische Wirtschaft als grundlegender Motor immer weiter antrieb: In über 200 Städten hat Evergrande mit riesigen Apartmentsiedlungen und Bürotürmen seine steinernen Spuren hinterlassen. Auch der jetzige Vorstand Xu Jiayin war noch im Juli bei der 100-Jahr-Feier der Kommunistischen Partei unter den geladenen Gästen am Pekinger Tiananmen-Platz, um der Rede von Staatschef Xi Jinping zu lauschen.

Auf die schützende Hand der Regierung kann Evergrande nicht mehr zählen. Doch ist der Konzern aus Shenzhen »too big too fail«? Zumindest würde seine Pleite Schockwellen durch die gesamte Branche senden, so viel steht fest. Denn wahrscheinlich werden die chinesischen Finanzinstitute dann auch anderen Großkunden genauer auf die Finger schauen, um nicht auf noch mehr Geldern sitzen zu bleiben. Etliche weitere Baukonzerne könnten in Bedrängnis kommen.

Der Immobiliensektor ist vor allem deshalb so erhitzt, weil er von den meisten Chinesen als einzige stabile Wertanlage angesehen wird. Die Währung verliert kontinuierlich durch Inflation an Wert, die Aktienkurse selbst der größten Unternehmen schwanken stark, und im Ausland dürfen die Chinesen aufgrund strikter Kapitalverkehrskontrollen nicht investieren. Also parkt jeder, der es sich leisten kann, sein Erspartes in einem Apartment, selbst wenn die Wohndividende verschwindend gering oder gar im Minus ist.

Offiziell gibt es gar kein privates Wohneigentum in der Volksrepublik. Immobilien werden 70 Jahre lang vom Staat gepachtet. Insbesondere in den großen Ostküstenmetropolen wie Shenzhen und Shanghai oder in Peking kostet ein Apartment jedoch oft das 80-Fache einer Jahresmiete oder mehr.

Die Folge dieser Blase lässt sich auf einem Video sehen, das in Chinas sozialen Medien viral ging und die Sprengung von 15 riesigen Wohntürmen in der südlichen Provinzhauptstadt Kunming zeigt. Über acht Jahre lang standen die neuen Hochhäuser unverputzt herum, denn der Baufirma ging kurz vor Fertigstellung das Geld aus.

Ein ähnliches Schicksal droht nun Evergrande. Den Todesstoß könnte dabei die eigene Regierung verpasst haben: Zu Beginn des Jahres verschärfte der Staat die Schuldenobergrenze für Unternehmen deutlich, und vor Kurzem erließen die Aufsichtsbehörden zusätzliche Regulierungen für die Kreditaufnahme von Unternehmen und für den Immobilienkauf. Die Maßnahmen sind sicher notwendig, doch da sie quasi über Nacht kamen, führte dies zu einem Schock, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind.

Am Montag fielen die Evergrande-Aktien um sechs Prozent. Immer wahrscheinlicher scheint das Szenario, dass die Regierung eingreifen und den Konzern zerschlagen wird, um eine marktweite Panik zu verhindern. Andernfalls könnte Evergrande schlussendlich noch zum chinesischen Pendant von Lehman Brothers werden.

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