Werbung

Schmerzhafter Blick in den Spiegel

30 Jahre nach Pogromen gegen Asylsuchende und DDR-Vertragsarbeiter in Hoyerswerda befasst man sich in der Stadt mit Schicksalen von Abgeschobenen

  • Von Michael Bartsch, Hoyerswerda
  • Lesedauer: 5 Min.

Wer in diesen Tagen Hoyerswerda besucht, wird von Freundlichkeit geradezu erschlagen. Spontane Hinweise auf eine freie Parklücke am Markt stimmen ebenso heiter wie die auf einen Imbiss. Dort trifft man auf einen Südosteuropäer auf Montage, der nur gute Worte für die Stadt findet. Eine ältere »Hoyerswerdsche« lobt im Gegenzug die »Ausländer« und die Ruhe um das Asylbewerberheim. Aber auch sie hielte es für besser, wenn über die Pogrome vor 30 Jahren nicht mehr so viel gesprochen würde.

Damals, am 17. September 1991, begann die Serie rassistischer Ausschreitungen mit einem Überfall von 15 Vermummten auf Menschen vietnamesischer Herkunft auf einem Wochenmarkt der Stadt im Norden Sachsens. Es folgten Hetzjagden und Ausschreitungen vor einem Heim für vietnamesische und mosambikanische DDR-Vertragsarbeiter in der Albert-Schweitzer-Straße und ähnliche Versammlungen vor dem Asylbewerberheim in der Thomas-Müntzer-Straße. Personen, die Feuerwerkskörper, Steine und Molotowcocktails auf die Unterkünfte der Migranten und Geflüchteten warfen, wurden von einem Mob von mehreren Hundert Menschen bejubelt, Polizisten, die in zu geringer Mannschaftsstärke vor Ort waren, angegriffen. In der Folge konnten Nazis die Pogrome als Sieg für sich verbuchen, denn die Vertragsarbeiter wurden aus der Stadt gebracht, viele von ihnen in ihre Herkunftsländer abgeschoben.

Die Frau am Imbiss meint, das Reden über all das reiße nur Narben wieder auf, die durch eine positive Entwicklung allmählich verheilten. Hoyerswerda brauche Ruhe, zu sich selbst zu finden. Dass Alltag und Stadtthemen längst ganz andere geworden sind, bestätigt eine Seniorin in der Nähe des 2014 - 23 Jahre nach den Vorfällen, bei denen mindestens 32 Menschen verletzt wurden - aufgestellten Gedenkbogens gegenüber den beiden damals attackierten Wohnblöcken. Ob sie wisse, woran der stählerne Torbogen mit dem Regenbogen erinnere? »An die Einheit, glaube ich …«, antwortet sie, ehe sie nach einem kurzen Hinweis einen lauten »Ach ja«-Seufzer ausstößt. Eine weitere hinzukommende Passantin legt Wert auf die Feststellung, dass damals nicht nur Skinheads aus der Region an den Angriffen beteiligt waren, sondern auch »auswärtige Nazis mit Bussen herangekarrt« wurden.

Uwe Proksch, 1994 Initiator und noch immer Geschäftsführer der »Kulturfabrik« zwischen Schloss und Markt, legt Wert auf die Vorgeschichte der schlimmen Attacken auf die Vertragsarbeiter. In der DDR seien die mosambikanischen Vertragsarbeiter isoliert gewesen. Man redete öffentlich nicht schlecht über sie, hinter vorgehaltener Hand seien aber schon Ressentiments geäußert worden. Sein Jugendclub »Der Laden«, Vorläufer der Kulturfabrik, verstand sich nicht als links, war aber schon vor dem Herbst 1991 ebenfalls wiederholt Ziel von Skinhead-Angriffen.

Die Szene existierte also bereits. Ihre Entstehung war auch Resultat der Umbrüche nach 1989, die die vom Kohleabbau dominierte Lausitz besonders betrafen. Das Kombinat Schwarze Pumpe beispielsweise, für das die Hoyerswerdaer Neustadt ja so etwas wie eine Schlafstadt war, ging zunächst kaputt. Uwe Proksch erinnert an die maßlose Enttäuschung der Menschen hier nach den Hoffnungen auf den goldenen Westen. Es komme hinzu, dass die Strukturen in Behörden und Polizei so kurz nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik noch wenig gefestigt waren. Es habe große Unsicherheit geherrscht. In Dresden spielten Staatskanzlei und Innenministerium die Attacken zunächst als »Unruhen unter Jugendcliquen« herunter. Zugleich hatten etliche Politiker insbesondere der CDU vor den Übergriffen die Stimmung gegen Migranten mit ihrer »Das Boot ist voll«-Rhetorik angeheizt.

»Das Gefühl war, dass die Geschichte mit uns anfängt« - Früher war in Hoyerswerda alles möglich, für die »Kinder von Hoy«. Ein Gespräch mit der Autorin und Regisseurin Grit Lemke

Jan Krüger, der sich in der 2006 gegründeten Initiative Zivilcourage und im VVN-BdA engagiert, sagt: »Wenn man keine Zukunft mehr für sich sieht, reagiert man sich an den Schwächsten ab - und das waren damals die dunkelhäutigen Vertragsarbeiter.« Heute seien die Grünen für viele die Sündenböcke. Proksch und Krüger bekunden ein gewisses Verständnis für die Mehrheit der Einwohner, die mit Mahnung und Aufarbeitung in Ruhe gelassen werden wollen. Das tut auch Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh, der aber zugleich die Notwendigkeit des Erinnerns betont. Und alle drei Männer denken, dass es im Zuge des endgültigen Ausstiegs aus der Kohleförderung nicht wieder zu Gewaltausbrüchen kommen wird. Zumindest werde es nicht mehr passieren, dass Bürger überwiegend wegschauen und nicht gegenhalten, ist Ruban-Zeh überzeugt. Man kann solchen Optimismus mit dem Hinweis in Zweifel ziehen, dass eine Nazidemo zum 15. Jahrestag der Pogrome 2006 erst zur formalen Gründung des Zivilcourage-Netzwerkes führte. Oder dass es noch 2014 Widerstände gegen das bescheidene Denkmal am Tatort gab. Dennoch kann man Ruban-Zehs Einschätzung folgen, dass inzwischen zivilgesellschaftlich einiges gewachsen sei. Der SPD-Politiker weist auch darauf hin, dass es »nirgendwo so ruhig um Asylbewerberheime bleibt wie bei uns«. Nazis riefen mittlerweile in anderen Städten zu Demos gegen Asylsuchende und Migranten auf, weil es sich Hoyerswerda nicht mehr lohne, meint Ruban-Zeh.

Die Bürger der Stadt werden unterdessen auch, wenn sie nicht an Gedenkveranstaltungen an diesem Wochenende teilnehmen, mit den Schicksalen der damals in ihre Länder zurückgeschickten Vertragsarbeiter konfrontiert sein. Seit Wochenbeginn zeigt eine Ausstellung »Wir waren Kollegen« im Lausitzcenter der Neustadt große Porträts der Abgeschobenen, die in Mosambik noch heute um vorenthaltene Löhne kämpfen und in ihrer Heimat Außenseiter sind.

In der ARD-Mediathek ist der Dokumentarfilm »Hoyerswerda ’91. Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung« von Christian Hans Schulz und Nils Werner (MDR 2021, 45 Minuten) verfügbar.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung