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Die Kümmerer am Stadtrand

Bezirksserie zur Berliner Wahl, letzter Teil 12: Der Lichtenberger Ortsteil Neu-Hohenschönhausen kämpft nicht nur um mehr Aufmerksamkeit

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 7 Min.
"Machen Sie ein Foto und schicken Sie es mir": Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (M.) und Linke-Direktkandidatin Ines Schmidt (l.)

Die Rattenplage und der Krach natürlich. Und die hässlichen Glascontainer. Und die fehlende »richtig deutsche« Gaststätte. Um die 15 vorwiegend ältere Männer und Frauen haben sich an diesem etwas trüben Spätsommernachmittag im Lichtenberger Ortsteil Neu-Hohenschönhausen um einen kleinen mobilen Bratwurststand der Linkspartei versammelt und tragen Bezirksbürgermeister Michael Grunst ihre Sorgen und Nöte vor. Linke-Politiker Grunst sagt dann: »Schreiben Sie mir.« Oder: »Machen Sie ein Foto und schicken Sie es mir.«

Es ist Wahlkampf in Berlin. Und die Bratwurstverköstigung am eingerüsteten Mühlenradbrunnen ist in gewisser Weise eine Art Heimspiel für Michael Grunst, der als Bürgermeister wiedergewählt werden möchte, und - mit an seiner Seite - Ines Schmidt, die Linke-Direktkandidatin für das Abgeordnetenhaus im Wahlkreis Lichtenberg 1. Fast alle derjenigen, die an ihrem Stand vorbeischauen, gehören zu den Erstbeziehern des Mühlengrundviertels. Sie sind der Linken erkennbar zugeneigt, wohl auch aus Tradition. »Hier um die Ecke wurde der Grundstein gelegt für das gesamte Wohngebiet Hohenschönhausen, damals, 1984, vom Genossen Erich Honecker«, erzählt etwa Ingolf Hähnel stolz. Der 80-Jährige sagt, er wohne gern in Neu-Hohenschönhausen. Aber ihm sei es wichtig, auch die Probleme zu benennen. Und davon gibt es aus seiner Sicht etliche. Der Bürgermeister spricht von einem »Gebiet mit großen Herausforderungen«.

Das war mal anders. Als die Großsiedlung am Ostberliner Stadtrand in den 80er Jahren hochgezogen wurde, empfanden es viele als Lottogewinn, hier eine Wohnung ergattert zu haben. Dann kam die Wende, und das Neubaugebiet erlebte, wie so viele andere, einen spürbaren Bevölkerungsrückgang. Ingolf Hähnel sagt: »Das stimmt nicht. Niemand ist hier weggegangen. Warum auch?« Die Statistiken sagen etwas anderes. Binnen weniger Jahre verlor der Ortsteil demnach mehr als ein Zehntel seiner Bewohner. Vor allem junge Familien mit Kindern suchten das Weite.

Seit über einem Jahrzehnt steigt die Bevölkerungszahl zwar wieder - allerdings nicht in dem Maße wie in anderen Gegenden Lichtenbergs. Wenn Bürgermeister Grunst den Bezirk wegen des überproportionalen Zuzugs eine der »großen Wachstumsregionen« der Stadt nennt, dann bezieht sich das auf die Ortsteile im Süden, auf Rummelsburg oder Friedrichsfelde. Und dennoch: Auch Neu-Hohenschönhausen wächst langsam. Nicht zuletzt jüngere Menschen ziehen hierher. Viele allerdings - und das ist der Punkt - nicht ganz freiwillig. »Klar ist, dass ein Teil der Leute hierher herausgentrifiziert wird«, sagt Grunst.

Renate Kersten bestätigt das. Sie ist seit neun Jahren Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde vor Ort und weiß um die Probleme und die bisweilen schlechte Stimmung in den Hochhäusern. Sie erzählt von Frauen und Männern, die nur deshalb nach Neu-Hohenschönhausen gezogen sind, weil sie sich Wohnungen in anderen Teilen der Stadt nicht mehr leisten konnten, und hier nun auf Frauen und Männer treffen, denen es genauso ergangen ist. Kersten sagt, sie frage sich oft, »wie wir das hinkriegen, dass die Leute aus ihrer Nörgelei herauskommen«.

Leicht werde es den Menschen aber auch nicht gemacht. Jeder Vierte der unter 65-Jährigen hat Anspruch auf staatliche Unterstützungsleistungen wie Hartz IV und Wohngeld. »Es gibt einfach viele, die zusehen müssen, wie sie über die Runden kommen. Und zur persönlichen Lebenssituation kommt dazu, dass man dann auch noch gebasht wird: ›Du wohnst im Ghetto!‹« Dabei stimme das trostlose Bild von Neu-Hohenschönhausen so überhaupt nicht mehr. »Da ist auch viel an gutem Leben hier«, so Kersten.

Das sieht auch Ines Schmidt so. Sie könne sich nicht erklären, weshalb das so sei, aber es sei anfangs schwer, an die Leute heranzukommen. Wenn es dann gelungen sei, merke man, dass hier »so viele liebe und tolle Menschen« wohnen. 2016 trat Schmidt in Neu-Hohenschönhausen schon einmal direkt an, unterlag mit 25 Prozent aber letztlich knapp der Konkurrenz von Rechtsaußen, Kay Nerstheimer von der AfD, heute konsequenterweise NPD, der auf 26 Prozent kam.

Schmidt zog zwar trotzdem über die Linke-Landesliste ins Abgeordnetenhaus ein. Dass der Wahlkreis aber an eine andere Partei als Die Linke geht, hatte es bis dahin nicht gegeben. Die PDS, Vorgängerin der Linken, holte hier zu ihren besten Zeiten verlässlich 50 Prozent der Stimmen. Zur Wahrheit gehört freilich, dass 2016 in Neu-Hohenschönhausen im Schnitt ohnehin nur noch vier von zehn Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht Gebrauch machten. Die Menschen, sagt Schmidt, fühlten sich unbeachtet, abgehängt: »Da hättest du auch einen Sack hinstellen können, und die hätten trotzdem AfD gewählt.« Bei manchen Terminen im Ortsteil hätten »die Leute fast gekotzt: Öh, ’ne Linke.«

Gelernte Schneiderin, dann Straßenbahnfahrerin, schließlich mehr als 15 Jahre Gesamtfrauenvertreterin der BVG: »Ich bin ja von Hause aus eine Kämpferin«, sagt die 61-Jährige. Sie habe sich trotz verlorener Direktwahl dann reingehängt in die Arbeit vor Ort. Habe sich für die Menschen und das Viertel eingesetzt. Für Alleinerziehende, für die Tafel, zuletzt für Schüler im Homeschooling. »Wenn etwas ist, renne ich los.« Zum Teil ist sie erfolgreich, wie bei der unterirdischen Ärzteversorgung, die nun nach Zusagen der Kassenärztlichen Vereinigung deutlich verbessert werden soll. Zum Teil scheitert sie, wie bei der für eine Taktverdichtung notwendigen Ertüchtigung der Endhaltestelle der Buslinie 256 in Wartenberg. »2016 sind wir damit schon überall schwanger gegangen«, sagt Schmidt. Sie sei von der Senatsverkehrsverwaltung zur BVG gelaufen und zurück. Nichts sei bisher passiert: »Die glauben, das liegt hier kurz vor Polen.«

Danny Freymark kennt das. Der Ortsvorsitzende der CDU Hohenschönhausen verweist seinerseits beispielhaft auf die S-Bahnlinie 75, die er seit Langem gern über Wartenberg bis nach Pankow verlängert sähe. Bislang ein frommer Wunsch, da die S75 in der Senatsverwaltung, im Parlament und bei der Bahn »als die unwichtigste Strecke der Stadt« gelte, so Freymark. »Wenn es um Investitionen im Land Berlin geht, dann geht es zu selten um Investitionen in die Außenbezirke«, sagt der CDU-Politiker, der seit zehn Jahren im Abgeordnetenhaus sitzt. Auch Freymark tritt in Neu-Hohenschönhausen als Direktkandidat für die Abgeordnetenhauswahl an, bereits zum vierten Mal. 2016 holte er immerhin 21 Prozent, für hiesige Verhältnisse ein Rekordergebnis. »Aber klar, die CDU hat hier noch nie gewonnen«, sagt der 38-Jährige. Ins Parlament eingezogen ist er bisher stets über die Bezirksliste seiner Partei.

Freymark ist hier aufgewachsen, im zehnten Stock eines Plattenbaus, nur einen Steinwurf von seinem Bürgerbüro im Warnitzer Bogen entfernt. Er nennt den Ortsteil »meine Hood«. Er erzählt von Bürgerfesten und der Kleidersammlung für Bedürftige, die er und die örtliche CDU regelmäßig organisieren. Auch während des Gesprächs mit »nd« bringt eine Frau einen Kleidersack in Freymarks Büro vorbei, kurz darauf sucht eine Rentnerin das Gespräch. »Wir haben uns ein Image aufgebaut, dass wir ehrlich interessiert sind, dass wir zuhören und helfen können, auch bei sehr persönlichen Themen.« Das Wichtigste sei »Vertrauen und Glaubwürdigkeit«. Er begleite Menschen mit Problemen »teilweise, aber nur in Ausnahmefällen« mit auf Ämter, »um ihnen eine Stimme zu geben«.

Auch wenn politisch Welten zwischen ihm und Ines Schmidt liegen: Das alles ähnelt dem Kümmereransatz der Linke-Politikerin auf verblüffende Weise - mit dem Unterschied, dass Schmidt alle und jeden duzt. Freymark sagt über Ines Schmidt: »Sie ist ’ne Marke. Ich schätze sie. Ich glaube, dass sie dem Parlament guttut.« Und dem Kiez. »Kompliment an Ines Schmidt, aber auch Kompliment an mein Bürgerbüro. Wir beide haben verstanden, dass es wichtig ist, Begegnungen zu ermöglichen und zuzuhören«, sagt Freymark. Deshalb glaube er auch, »dass die AfD das Mandat nicht verteidigen wird, sondern Ines Schmidt oder möglicherweise ich diejenigen sind, die dieses Mandat erringen werden«.

Tatsächlich, sagt Neu-Hohenschönhausens Pfarrerin Renate Kersten, »schauen die Leute schon gut hin: Wer redet nur und wer macht etwas?« Das gelte inzwischen auch für die Bezirkspolitik. Sie jedenfalls sehe da eine Entwicklung zum Positiven. »Im Handeln des Bezirks vor Ort nehme ich wahr, dass es realistischer wird. Da sind jetzt Leute, die verstehen, was hier abgeht, und reagieren darauf angemessen.« Und seien es die hässlichen Glascontainer.

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