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Gleiche Löhne erst im Jahr 2104

Die Bezahlung auf dem Bau liegt zwischen West und Ost noch weit auseinander

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.
Wegen der harten Arbeit schafft es kaum ein Dachdecker bis zur Rente.
Wegen der harten Arbeit schafft es kaum ein Dachdecker bis zur Rente.

Die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) will Ergebnisse sehen. Wenn sie sich diesen Mittwoch mit den Arbeitgebern des Bauhauptgewerbes zu Verhandlungen trifft, soll am Ende ein neuer Tarifvertrag stehen. »Sonst wird es mehr als ungemütlich«, erklärte IG-BAU-Chef Robert Feiger im Vorfeld der vierten Verhandlungsrunde und kündigte mögliche Streiks an: »Denn wenn auch die sich anschließende Schlichtung scheitert, kommt der Arbeitskampf.«

Neben einer Lohnerhöhung von 5,3 Prozent und einer Bezahlung für die oft sehr langen Fahrten zum Einsatzort für die rund 890 000 Beschäftigten fordert die IG BAU eine Angleichung der Ostlöhne auf Westniveau. Und da ist noch einiges zu machen, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage des Linke-Bundestagsabgeordneten Pascal Meiser zeigt, die »nd« vorliegt. Demnach verdienten Vollzeitbeschäftigte des Bauhauptgewerbes in den alten Bundesländern weitaus mehr als in den neuen. Lag der mittlere Lohn in der Branche vergangenes Jahr in Westdeutschland bei 3355 Euro brutto im Monat, so waren es in Ostdeutschland nur 2713 Euro.

Für Meiser ist es »besonders skandalös«, dass die Beschäftigten am Bau im Osten mehr als 30 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen im Westen. »Wenn es bei der Lohnangleichung am Bau im Tempo der letzten zehn Jahre weitergeht, wird es in der Branche frühestens im 22. Jahrhundert gleichen Lohn für gleiche Arbeit geben«, rechnet der gewerkschaftspolitische Sprecher seiner Fraktion vor. Denn seit 2010 nahm die Ost-West-Lücke lediglich um 77 Euro ab.

Vor einem Jahrzehnt lag der mittlere Bruttomonatslohn für Vollzeitbeschäftigte im Westen bei 2691 Euro, im Osten bei 1972 Euro. Das macht eine Differenz von 719 Euro. Heute liegt sie noch bei 642 Euro. Ginge die Lohnangleichung in diesen Trippelschritten weiter, würden erst im Jahr 2104 auf dem Bau gleiche Gehälter bezahlt. Die Ungleichheit würde noch 83 Jahre bestehen. Für Meiser ist die Forderung der IG BAU nach einer Ost-West-Angleichung in der laufenden Tarifrunde deshalb absolut berechtigt. »Der Osten darf nicht länger die Billigwirtschaftszone Deutschlands bleiben«, so der Bundestagsabgeordnete.

Denn die Immobilienpreise steigen nicht nur in den alten Bundesländern, sondern auch in vielen Regionen der neuen Bundesländer. So zogen laut dem Wohnatlas der Postbank die Immobilienpreise im Brandenburger Landkreis Potsdam-Mittelmark im vergangenen Jahr um knapp 25 Prozent an. Es ist damit der schnellste Anstieg, den ein Landkreis im gesamten Bundesgebiet verzeichnete. In den ostdeutschen Mittelstädten mit einer Einwohnerzahl von 100 000 bis 600 000 stiegen die Preise laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft für die Sparda Banken seit dem Jahr 2005 um 71,7 Prozent an. Die Immobilien verteuerten sich damit nur unwesentlich geringer als in den westdeutschen Mittelstädten, wo die Teuerungsrate im Schnitt bei 73 Prozent liegt.

Von der Explosion bei den Wohnungs- und Häuserpreisen profitiert die Bauwirtschaft. Von Dezember 2010 bis Dezember 2020 stiegen ihre Umsätze in Deutschland um 93 Prozent. Die Löhne stiegen im selben Zeitraum lediglich um 26 Prozent, nach Abzug der Inflation blieben den Beschäftigten der Branche lediglich elf Prozent mehr Kaufkraft im Geldbeutel.

Was angesichts der derzeit laufenden Tarifverhandlungen hinzukommt: Im Gegensatz zu anderen Bereichen der Wirtschaft war die Bauindustrie fast gar nicht von den Beschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie betroffen. »Das Baugewerbe war die Konjunkturlokomotive auch in den schlimmsten Tagen der Pandemie, und die Beschäftigten leisten nach wie vor hervorragenden Einsatz, Wirtschaftskurven und Auftragslage zeigen nach oben, Fachkräfte werden dringend benötigt«, fordert IG-BAU-Chef Feiger deshalb die Gegenseite bei den Tarifverhandlungen auf, »ein ordentliches Angebot für die Beschäftigten zu machen«.

Zwar erklärten sich die Arbeitgeber zu einer verbindlichen Ost-West-Anpassung bereit, doch ihr Angebot vom Mai liegt mit einem Gesamtvolumen von drei Prozent weit unter den Erwartungen der Gewerkschaft. Das sieht auch Linke-Gewerkschaftsexperte Meiser so: »Der anhaltende Boom im Bauhauptgewerbe darf nicht länger an den Beschäftigten vorbeigehen. Allein die Mietsteigerungen fressen inzwischen vielerorts die Lohnsteigerung mehr als auf.« Es könne nicht sein, dass diejenigen, die für den dringend notwendigen Bau neuer Wohnungen sorgen, sich am Ende in Städten wie Berlin selbst kaum mehr eine Wohnung leisten können.

Hinzu kommt, dass die Beschäftigten auf dem Bau ein besonders großes Arbeitspensum haben. Laut der IG BAU kommen sie im Schnitt auf 1468 Arbeitsstunden im Jahr. Das sind 138 Stunden und damit 10,4 Prozent mehr als der Durchschnitt aller Branchen. »Für viele Baubeschäftigte sind Überstunden an der Tagesordnung«, sagt Feiger. »Kaum ein Dachdecker schafft es bis zur Rente. Nur jeder Zehnte arbeitet noch zwischen dem 60. und 65. Lebensjahr.«

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