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»Meine Vagina macht dicht«

Schätzungsweise 15 Prozent aller Menschen mit Vagina haben schon mal die »sexuelle Funktionsstörung« Vaginismus erlebt. Sex kann man trotzdem haben

  • Von Leonie Meier
  • Lesedauer: 5 Min.
Vaginismus: »Meine Vagina macht dicht«

»Entspannen Sie sich mal! Wenn Sie so angespannt sind, müssen Sie sich nicht wundern, dass da kein Penis reingeht!«, faucht mich die Gynäkologin an während ich breitbeinig auf dem Stuhl in ihrer Praxis sitze. Ich hatte ihr mein Geheimnis anvertraut. Jetzt fand ich es bei ihr nicht mehr so gut aufgehoben. Mein erstes Mal mit meinem ersten Freund war gescheitert. Auch mein zweites und drittes und viertes Mal. Immer wenn wir versuchten, seinen Penis einzuführen, hatte ich allein vom Versuch so starke Schmerzen, dass wir abbrechen mussten. Ich fühlte mich wie der größte Freak aller Zeiten. Wem tat denn bitte Sex weh? Ok, allen Mädels und Frauen beim ersten Mal – mit diesem Irrglauben war ich ja aufgewachsen. Aber wem tat Sex so arg weh, dass es gar nicht ging? Mit Sicherheit niemandem auf der ganzen Welt außer mir.

Der Beckenboden im Survival Mode

Was weder ich noch meine Gynäkologin zu dem Zeitpunkt wussten: Ich habe Vaginismus. Eine sogenannte sexuelle Funktionsstörung, die für eine nicht steuerbare, starke Kontraktion des Beckenbodens sorgt, sodass ein Einführen schmerzhaft bis unmöglich ist. Die Kontraktion, die Schmerzen, die gefühlte Wand entstehen durch einen Kreislauf. Der Körper hat sich irgendwann mal im Schmerzgedächtnis abgespeichert, dass Penetration wehtut und bedrohlich ist. Deshalb schaltet er in den Survival Mode und geht in eine Schockstarre. Betroffene können es nicht aktiv steuern, es fühlt sich an als würde der Körper gegen einen arbeiten. Im Grunde ist es aber ein Schutzmechanismus. Schätzungsweise sind 15 Prozent aller Menschen mit Vagina irgendwann mal in ihrem Leben von einer Ausprägung von Vaginismus betroffen. Es dauerte aber noch eine ganze Weile und viele Google-Suchen bis ich diese Diagnose fand.

Politisierung über meine Vagina

Das ist jetzt ungefähr fünf Jahre her und der Vaginismus hat mich von jeder normalen gynäkologischen Untersuchung abgehalten. Wovon er mich nicht abgehalten hat, ist guter Sex. Zwar dachte ich zuerst, noch »Jungfrau« zu sein und keinen richtigen Sex haben zu können. Aber durch den Austausch mit anderen Betroffenen merkte ich ziemlich schnell, dass es noch so viel mehr gibt als nur Penis-in-Vagina-Sex. Außerdem begann ich feministische Literatur zu dem Thema zu lesen wie Liv Strömquists Graphic Novel »Der Ursprung der Welt« über die Kulturgeschichte der Vulva. Mir wurde klar, wie sehr unsere Vorstellungen von Sex durch patriarchale Muster geprägt sind. Insofern hat mich meine Vagina auch noch mehr politisiert. Viele denken, nur Penetration sei richtiger Sex. Streicheln, lecken, stimulieren mit Händen und Mündern sei ja nur Vorspiel. Ein eher lästiges Beiwerk auf das man eigentlich auch verzichten könnte.

Circlusion statt Penetration

Und warum könnte man darauf verzichten? Weil es meistens das ist, was den Menschen mit Vulva fokussiert und zum Orgasmus bringt. Das ist meine Art, Sex zu haben und es ist für mich nicht nur Zärtlichkeit und Intimität, sondern eben auch richtiger Sex. Außerdem würde ich zwei Menschen, die beide eine Vulva haben und intim werden, auch nicht absprechen, dass sie Sex haben, nur weil nicht zwangsläufig jemand penetriert wird. Also möchte ich es mir selbst auch nicht absprechen. Und überhaupt ist penetrieren auch kein schönes Wort. Ich habe den Begriff Circlusion kennengelernt – das Aufnehmen oder Umschließen. Das stellt die Vagina als aktiven Part in den Mittelpunkt und mir gefällt das Bild viel besser. Schließlich passt sich der Penis beim Einführen auch an die leicht gebogene Form der Vagina an.

Achtsamer Sex: Täglich schießen 60.000 Gedanken durch unseren Kopf. Achtsamkeit zu trainieren, hilft im Moment zu sein - und kann sogar den Sex verbessern.

Wie rede ich jetzt darüber?

Mittlerweile habe ich also neue Wege und auch eine neue Sprache gefunden, um meine Art von Sex zu leben und zu beschreiben. Das hat mich allerdings auch viel Kommunikation gekostet. Ich bin absolut gegen jede Art von Zuckerguss auf schwierigen Situationen, aber wenn mich der Vaginismus eins gelehrt hat, dann über Sex zu reden. Mit meinen Freundinnen. Im Internet. Und mit meinem Partner. Als mein Freund und ich vor fünf Jahren zusammenkamen, wusste ich, dass ich Vaginismus habe, aber noch nicht, was man dagegen tun kann. Genau so habe ich ihm das auch erklärt. Circlusion beim Sex war für mich auf unbestimmte Zeit ausgeschlossen und ich wollte von Anfang an sicher sein, dass ich selbst der Grund bin, das zu ändern – ohne weiteren Druck von außen.

Circlusion als Teil, nicht als Ganzes

Für meinen Freund war das okay. Nachdem die Grenze klar war hatten wir Raum, um herauszufinden was geht und was sich gut anfühlt. Es erfordert viel Kommunikation. Aber es lohnt sich. Ich bin oft neidisch auf Menschen, die keine Schmerzen bei sexueller Aktivität haben. Worauf ich nicht neidisch bin, sind jene, die sich deshalb nur im vorgefertigten Muster von Sex bewegen und keinen Raum haben, ihre eigene individuelle Lust zu entdecken. Momentan behandle ich den Vaginismus mit einem Mix aus Physiotherapie, Botox und Sexualtherapie. Wenn ich irgendwann mal keine Schmerzen mit dem Einführen mehr habe, wird Circlusion ein weiterer Baustein meines Sexlebens werden. Aber nicht der Mittelpunkt.

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