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Alles muss anders werden

Vor der Wahl ist nach der Wahl: Vier Vorschläge für endlich andere Verhältnisse

  • Von Bini Adamczak, Barbara Kirchner, Mira Landwehr, Jule Govrin
  • Lesedauer: 7 Min.
Nach der Bundestagswahl ist Angela Merkel nur noch ein Spielzeug-Teddy. Aber was passiert mit uns und unserem Leben?
Nach der Bundestagswahl ist Angela Merkel nur noch ein Spielzeug-Teddy. Aber was passiert mit uns und unserem Leben?

Wer von Demokratie nicht schweigen will, sollte von Enteignung sprechen

Im Juni 2019 unterlief zwei reichen Deutschen ein ungewohnter Fehler: sie gingen an die Öffentlichkeit, um über ihr Geld zu sprechen. Nachdem es eine öffentliche Diskussion über die Vergesellschaftung von BMW gegeben hatte, wollten die Konzern Erbinnen Susanne Klatten und Stefan Quandt ihre Sicht der Dinge darstellen. In der Managerzeitung fragten sie: »Wer würde denn mit uns tauschen wollen?« Viele Menschen, klagte Klatten, meinten sie würde ständig auf einer Jacht sitzen, aber: »Wir arbeiten hart dafür«.

Wer wollte das bestreiten? 2018 haben die beiden Milliardäre eine Dividende von 3,07 Millionen Euro ausgeschüttet bekommen – pro Tag. Um so viel zu verdienen müsste ein beliebiges Geschwisterpaar mit einem mittleren deutschen Monatseinkommen von etwa 1400 Euro (zusammen 2800 Euro) ganze 91 Jahre lang arbeiten. Um also soviel Geld zusammen zu bekommen wie Quandt/Klatten in einem einzigen Jahr geschenkt kriegen, würden gewöhnliche Lohnabhängige 33 Tausend Jahre lang arbeiten müssen.

Wie viele Jahre »harter Arbeit« bräuchten zwei Menschen mit mittleren Einkommen wohl, um das Gesamtvermögen der beiden BMW Geschwister zu erwirtschaften, das zum Zeitpunkt des Interviews geschätzte 34 Milliarden Euro betrug? Wer sich jemals gegen Enteignung geäußert haben sollte mit dem Argument, ungleiche Einkommen basierten auf Qualifikation, Verantwortung, Risiko oder gar Fleiß, möge den Moment der Scham bitte an sich vorbei ziehen lassen und es dann nie wieder tun.

Bini Adamczak
Bini Adamczak ist Autorin des in mehr als 20 Sprachen übersetzten Buchs »Kommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird« und Mitgründerin der Initiative #ZeroCovid

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Mehr Bürokratie wagen

Härtere Fortbildungsverpflichtungen und ständige Prüfungen für Politik und Wirtschaft wären ein Anfang. Wer von Stadtrat bis Bundestag bis Aufsichtsrat bei IRGENDWAS abstimmt oder bestimmt, muss andauernd getestet werden: Können Sie Türkisch? Wissen Sie, was ein Virus ist? Können Sie ein Integral rechnen, das Wort »Energie« richtig gebrauchen, ein einfaches Computerprogramm schreiben?

Tests spezifisch nach Themen: Wenn du bei Gendergesetzen mitentscheidest, musst du von Hormonfunktionen bis Judith Butler alles kennen. Es interessiert nicht, ob du es GLAUBST. Sei ruhig konservativ oder religiös oder verrückt. Aber wenn du es nicht KENNST und KANNST, darfst du nicht darüber diskutieren und nicht mitentscheiden.
Dreimal versagen heißt: den Zugang verlieren, aus dem Job fliegen, ohne Pension – egal, wer dich gewählt oder ernannt hat. Dasselbe in jedem Betrieb, bei jeder LEITUNG, überall. Begründung: Wettbewerb, Weltmarkt, Informationsgesellschaft. Also gar nichts schlimm Linkes, sondern nur die Musik, die sie selber ständig spielen, aber mit ernsterem Text. Gilt alles nicht für schlecht bezahlte Jobs, nur für »Verantwortung«, aber da kompromisslos.

Für die Tests werden kleine und große Behörden eingerichtet. Dort dürfen nur Leute arbeiten, deren Eltern schlecht ausgebildet waren oder schlecht verdient haben (Obergrenzen bestimmen!). Sinn: »soziales Wachstum« (statt Inlandsproduktwachstum oder sonst ein für die Mehrheit nutzloses Deppenmaß). Die Macht weg von den Dummen, Erbinnen und Erben, hin zu den bis jetzt Benachteiligten. Mehr Bürokratie wagen (wohin »Freiheit« führt, sieht man ja in den USA, ein Jammer).

Barbara Kirchner
Barbara Kirchner leitet die Arbeitsgruppe für Theoretische Chemie und Flüssige Phasen an der Universität Bonn. Sie veröffentlicht Texte in Zeitungen und Zeitschriften und ist Autorin mehrerer Science-Fiction-Romane.

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Lohnarbeit abschaffen

Was weg muss, ist die Körper und Geist zerstörende Lohnarbeit. Damit einhergehend: die groteske Identifikation der Individuen mit der Lohnarbeit. Stattdessen, in einem ersten Schritt: radikale Arbeitszeitverkürzung für alle durch Abschaffung aller Jobs, die die kapitalistische Idiotie gebiert. Als da wären: Anlageberater (m/w/d), Projektmanager (m/w/d), Aufsichtsratsvorsitzender (m/w/d), Senior Sales Manager (m/w/d), Marketing Communicator (m/w/d) und wie sie sonst heißen. Und Vermieter (m/w/d) selbstverständlich.

Die übrig bleibende, notwendige Arbeit wird in einem zweiten Schritt transformiert in konsensuale Gesellschaftsarbeit – alle, die können, arbeiten eine notwendige Weile für die Gesellschaft. Und die Zeit wird nicht mehr im Stunden- und Minutentakt gemessen, bewertet, getaktet. Zeit verwandelt sich in Leben.

Die Menschen werden Schwestern, Freundinnen, Zuhörer, Trösterinnen, Vorleser, Liebhaberinnen, Quatschmacher, Entdeckerinnen. Wenn sie wollen. Und sie sind jeden Tag etwas und jemand anderes. Wenn sie wollen.

Sie erinnern sich an Hedwig Dohm und Karl Marx. Und sie werden, die sie sind. Jede nach ihren Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.

Denn dass Menschen Menschen sein dürfen und keine Verlängerungsteile von Maschinen sein müssen, die überflüssige Waren produzieren in einem System, das am Ende der Bilanz immer auch überflüssige Menschen produziert – dies ist die Voraussetzung für alles Weitere. Für eine Welt, in der alle ohne Angst unterschiedlich sein können. In der das Gröbste obsiegt: dass keine*r mehr hungern soll.

Mira Landwehr
Mira Landwehr befasst sich mit Gesellschaftstheorie und versucht, möglichst wenig fremdbestimmt zu arbeiten, ertappt sich jedoch immer wieder dabei.

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Verschieden und gleich sein

Revolutionäre Idee: einander als gleich zu betrachten. Nicht Gleichheit im FDP-Jargon der Chancengleichheit. Nicht Gleichheit im lauwarmen Bekenntnis zu Menschenrechten, die man als Berufspolitikerin so gerne wählt, um vollmundig Wirtschaftsmaßnahmen der Ungleichheit zu kundzutun.

Nicht Gleichheit im Feel-Good-Vokabular, während man der Obdachlosen beim Biosupermarkteingang einen Euro spendet, um das Shopping-Erlebnis abzurunden. Sondern Gleichheit, weil wir, mehr ungewollt als gewollt, gemeinsam in der menschlichen Misere festhängen.

Die antiken Philosophen beschworen das Pneuma, das alle Körper miteinander verbindet. Mit solch kosmologischem Einschlag gedacht sind wir nichts weiter als eine riesige, wabernde und labernde Atemseele. Dein Atem ist mein Atem, ist unser Atem, etc. Zugegebenermaßen ein unappetitlicher Gedanke in Zeiten von Corona.

Aber dennoch: Wenn unsere Körper in einer amorphen Masse, im uns durchdringenden, durchfließenden, umwabernden Pneuma verwoben sind, wäre folgendes nicht allzu abwegig: das Geld abschaffen und die Grenzen gleich mit dazu. Kapitalien aller Art aus dem nekropolitischen Kalkül rauszurechnen, einfach aufhören, mit Menschenkörpern zu bilanzieren.

Unsere Körper als Einzelkörper einzurichten, mit von Kinderhand gefertigter Kleidung einzukleistern, sie im Rauschen auf allen sozialen Kanälen abzuschotten, als Körperkapital zu kuratieren, fit und fertig für den Markt zu machen, zu stählen, damit sie selbstoptimiert unser ach so authentisches Selbst bewerben – Schluss damit.

Weg mit der erstickenden Plastikhülle, die unser gepflegtes, gehegtes Ich von den Störquellen des Sozialen schützen soll. Hinfort die Hackordnung des atemraubenden Wettkampfs um Profit und Prestige, den die wenigsten gewinnen.

Was bleibt? Die altmodisch anmutende Idee, dass unsere Körper gleichermaßen Schutz und Sorge verdienen, unabhängig von Geburtsort und Geschlecht, Bankkonto und Beruf usw. usf. Uns im Hauch der Atemseele bewegen und begreifen. Als abhängige Aerosole im Globalkörper. Old school revolutionär, aber immer noch revolutionär: die Idee, uns als verschieden anzuerkennen und dennoch als Gleiche zu behandeln.

Jule Govrin
Jule Govrin ist politische Philosophin und forscht an der Schnittstelle von Feministischer Philosophie, Politischer Theorie, Sozialphilosophie und Ästhetik.

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