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Auf Robbensafari in Schweden

Geheimtipp Östergötland: Die Schärengärten von Gryt vor der Ostküste Schwedens sind weniger bekannt als die vor Stockholm. Gut so

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 7 Min.
Paradiesisches Archipel: Der Schärengarten von Gryt besteht sowohl aus grünen, teilweise bewohnten Inseln als auch aus felsigen, kahlen Schären.
Paradiesisches Archipel: Der Schärengarten von Gryt besteht sowohl aus grünen, teilweise bewohnten Inseln als auch aus felsigen, kahlen Schären.

Früher, hach! Da war das Leben vor Schwedens Küsten rau und wild, und Robben schwammen zu Tausenden vor den flachen Stränden des Königreichs. Die Meeressäuger waren überlebenswichtig: Ihr Fleisch wurden gegessen, ihre Haut zu Leder verarbeitet. Robbentran hielt die Lampen der Fischer am Brennen, aus dem Fell wurden Mützen und Handschuhe gefertigt.

Heutzutage sind die Robben überall in der Ostsee selten geworden. Man muss die Orte kennen, an denen eine Robbensafari in Schweden Erfolg verspricht. In Östergötland, im Südosten des Königreichs, wird man fündig. Schon die Anfahrt von Fryrudden zur Insel Harstena gerät zu einer Reise in die Vergangenheit. Aus dem Jahr 1885 stammt die MS »Ellen af Harstena«, die die Ankömmlinge auf das kleine Schären-Eiland schippert: ein eisernes Dampferchen, auf dem intensiver Kaffeeduft auf die roten Samtbänke ins holzgetäfelte Unterdeck lockt - zu einer Fika, der heiß geliebten Kaffeepause, zu der man jeden Schweden überreden kann, quasi jederzeit.

Klitzekleine Inseln zuhauf

Doch das Wetter ist zu schön fürs Unterdeck, besser mit Kaffee nach oben in die Augustsonne - Seeluft atmen! Eine Brise Frische, durchmischt mit dem Geruch von Fisch, Tang und Brackwasser.

Anderthalb Stunden tuckert die MS »Ellen af Harstena« unter blauem Himmel bei Möwengekreische durch die Archipel-Landschaft. Kleine Inseln ziehen vorbei, manchmal einzelne Holzhäuser darauf, eines soll dem Schriftsteller Henning Mankell gehört haben. Glatte, runde Felsen säumen die Ufer. Vor vielen Jahrtausenden schoben sich die Eismassen hier über das Land und bescherten dem heutigen Schweden die Eilande, die sich zu Tausenden von Lappland die Küste entlang bis in den Süden ziehen: die Schären. Unzählige Gruppen von klitzekleinen Inseln, teilweise nur wenige Dutzend Quadratmeter groß. Pittoresk.

Berühmt und beliebt sind vor allem die Schären vor Stockholm. Dort wimmelt es von Touristen, und wer es sich leisten kann, kauft sich ein Sommerhaus - dort, wo Astrid Lindgrens »Ferien auf Saltkrokan« verfilmt wurde. Der Schärengarten von Gryt indes, in dem die MS »Ellen af Harstena« gerade das Flachwasser durchpflügt, ist ein Geheimtipp. Hier ist die Urlauberdichte deutlich niedriger, die Landschaft aber nicht weniger schön.

Drei Familien leben auf der mit Kiefern und Heidekraut bewachsenen Insel Harstena - im Sommer. Das zwei mal zwei Kilometer große Eiland hat dennoch einen Hafen, ein eigenes Restaurant, einen Kiosk für die wichtigsten Lebensmittel und Angelbedarf, eine kleine Inselbibliothek und zudem, etwas versteckt gelegen, eine Bäckerei, die sensationelle Kanelbullar backt: Zimtschnecken! Kinder lieben die Insel: Außer Baden, Angeln und Kajakfahren gibt es hier eigentlich nicht viel zu tun - genau das Richtige für alle großen und kleinen Abenteurer.

Magnus Lindkvist, der Hafenmeister, ist der wichtigste Mann auf Harstena: Der Blonde mit dem freundlichen Lächeln vermietet die wenigen roten Ferienhäuser auf der Insel. Er verpachtet das »Restaurang Loftet« und die Bäckerei, er verleiht Kajaks und hält den Hafen von Harstena in Schuss. Sein Bruder betreibt den Kiosk und die Fischräucherei, sein Vater ist der Inselfischer. Zudem betreibt Lindkvist auch das Passagierschiff, dass die Urlauber zur Insel bringt. »Willkommen in der Einsamkeit« lacht er, als er den Schlüssel für das Ferienhaus am anderen Ende der Insel aushändigt.

Drei Monate lebt er im Sommer mit Frau und Kindern auf Harstena, den Rest des Jahres verbringen die Lindkvists in der anderthalb Stunden entfernten Stadt Linköping. »Im Sommer ist es ein Paradies hier«, sagt Lindkvist. »Aber außerhalb der Saison gibt es einfach zu wenig zu tun hier.« Man könne sich ja nicht neun Monate lang der Vorbereitung auf die durchaus anstrengende Sommersaison widmen. »Es wird irgendwann zu langweilig und zu einsam.«

Robbenjagd mit dem Königssohn

Natürlich ist es Hafenmeister Lindkvist, der auch die Robbensafari anführt. Aber bevor die Bootstour hinaus zu den Tieren startet, geleitet Lindkvist die Besucher ins Schulmuseum von Harstena. Oje: Alte Karten, Federhalter, Schiefertafeln: All der Tand, den man aus unzähligen Schulmuseen in unzähligen Dörfern kennt - langweilig!

Skipper Magnus Lindkvist fährt die Touristen zum Robbenschutzgebiet Sandsänkan
Skipper Magnus Lindkvist fährt die Touristen zum Robbenschutzgebiet Sandsänkan

Doch zu früh geurteilt. Die »Folk Skola« hat auch eine kleine Sensation zu bieten. Lindkvist wirft den Beamer an und zeigt einen 17-minütigen Dokumentarfilm, den Prinz Wilhelm im Jahr 1947 drehte: »Die Scharmützler und die Robben auf Harstena« - ein kleines Meisterwerk. In seltsam schönen Sepia-Bildern sieht man, wie die Fischer des Nachts Feuerkörbe an ihren Booten anbringen und Aale stechen, wie die Frauen tagsüber Heu ernten, Körbe flechten und an den Felsen Wäsche waschen, oder wie die Männer auf Robbenjagd gehen: Entweder ein jeder für sich mit Kajak und Harpune oder gemeinschaftlich, wenn eine große Robbenkolonie gesichtet worden ist. Zu zehnt rudern die Männer an eine kleine Schäre heran, auf der sich Hunderte Robben sonnen. Die Jäger kommen von hinten, kein Geräusch oder Geruch soll sie verraten. Am Fels angelangt, rennen die Scharmützler los und versuchen, mit ihren langen Knüppeln so viele Tiere wie möglich zu erlegen. Man sieht die Knüppel durch die Luft schwingen und schon bald etliche tote Robben aufgereiht auf den Steinen liegen. Mit ruhiger Erzählerstimme beschreibt Königssohn Wilhelm das Gemetzel: Alltag in Östergötland - damals.

Hinaus ins offene Wasser

Mittlerweile ist eine blaugraue Wolkendecke aufgezogen, es ist früher Nachmittag, als die Safari-Gäste endlich Lindkvists zehn Meter langes Schnellboot im Hafen besteigen dürfen. Nun geht es zu den Robben, die hier längst nicht mehr in so großen Kolonien zu sehen sind wie in dem Film von 1947. Eben jene brutalen Jagdmethoden haben die Bestände im 20. Jahrhundert gefährlich schrumpfen lassen. Seit 1965 ist die Robbenjagd in Schweden verboten, lange standen die Meeressäuger auf der Roten Liste der bedrohten Arten aufgeführt, noch immer stehen die Tiere unter Naturschutz.

Vom Hafen geht es hinaus in offenes Wasser. Wind ist aufgekommen, die Wellen türmen sich fast einen Meter hoch auf. Lindkvist steuert das Boot direkt in die Dünung hinein, das Boot vollführt immer einen Satz, wenn es auf eine Welle trifft. Wasser stiebt auf das offene Vordeck. Die Kinder kreischen vor Vergnügen, sie heben jedes Mal ein klein wenig ab, die Erwachsenen krallen sich ängstlich an die Reling. Lindkvist steht lächelnd am Steuer. Er deutet nach links. »Da, das ist die Schäre, auf der im Film die vielen Robben erlegt wurden«, ruft er. Heute ist hier kein Tier weit und breit zu sehen. Viel zu nah an der Zivilisation.

Lindkvist muss seine Gäste sehr viel weiter hinausfahren, aber er kennt die richtigen Stellen. Am Leuchtturm Sandsänkan wird er fündig, hier ist das Robbenschutzgebiet. Dutzende Robben schwimmen gemächlich in der aufgewühlten Ostsee. Die Tiere sind neugierig. Für wenige Sekunden jeweils recken sie ihre Köpfe nach den Besuchern auf dem Boot, sie scheinen dabei aufrecht im Wasser zu stehen. Die Kinder an Bord juchzen schon wieder: Es ist ein lustiges Durcheinander, ein ständiges Auf- und Abtauchen inmitten von immer größer werdenden Wellen. Aufgeregte Rufe an Bord: Da! Da! Noch eine! Und guck, da!

Aber auch das Meer wird immer lauter und übertönt beinahe sogar den 360-PS-Motor des Bootes. Skipper Lindkvist muss das Boot wenden: Schnell in den Hafen, die unruhige See macht ihm Sorgen. Volle Kraft zurück! Die Kids murren, dann drehen sie sich noch einmal zu den Robben um und winken ihnen zum Abschied zu. Eine Viertelstunde haben sie einander angestarrt, Menschen und Tiere, dann war es vorbei: Alltag in Östergötland - anno 2021 ist es ganz friedlich.

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