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Olympia wird abgeriegelt

Pekings Winterspiele 2022 finden in einer Blase statt, die niemand verlassen darf

  • Von Fabian Kretschmer, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei den Sommerspielen 2008 waren Polizisten und Soldaten allgegenwärtig in Peking. Im Februar sollen sie die Olympia-Blase schützen.
Bei den Sommerspielen 2008 waren Polizisten und Soldaten allgegenwärtig in Peking. Im Februar sollen sie die Olympia-Blase schützen.

Lange war darüber gerätselt worden, wie genau die Olympischen Winterspiele in Peking überhaupt abgehalten werden können. Denn die Volksrepublik verfolgt das Prinzip »Zero Covid« derart dogmatisch wie kaum ein anderes Land: Im Sommer wurden beispielsweise ganze Hafenterminals geschlossen und riesige Wohnbezirke abgeriegelt, nur weil diese eine einzige Corona-Infektion registriert hatten.

Die nun von den lokalen Organisatoren sowie dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vorgestellten Details fallen daher wenig überraschend aus: Die kommenden Winterspiele werden in einer Blase abgehalten, die weitaus abgeschirmter sein soll, als dies während der Sommerspiele in Tokio der Fall war. »Closed-loop management system« nennen die Veranstalter das Konzept. Im Klartext bedeutet dies: Sämtliche Athleten, Betreuer, Freiwilligen und Journalisten werden die Sportveranstaltung in einer Art Parallelwelt verbringen - und zwar von der Anreise bis zum Verlassen des Landes. Die IOC-Stellungnahme spricht von einem »speziellen Transportsystem« für die Spiele, das zwischen den Sportstätten eingerichtet wird.

In Japan konnten die Anreisenden zumindest spätestens nach zwei Wochen Aufenthalt im Land in örtliche Supermärkte gehen, Restaurants besuchen und auch Einheimische treffen. In China hingegen wird all dies nur innerhalb der Olympia-Blase möglich sein.

Der größte Paukenschlag des Olympia-Konzepts sind die Einreisebestimmungen. Sämtliche Besucher aus dem Ausland, die nicht vollständig geimpft sind, werden 21 Tage in Isolation verbringen müssen. In China bedeutet dies zentralisierte Quarantäne in einem zugewiesenen Zimmer. Für die Athleten kommt dies de facto einer Impfpflicht gleich, denn kein Spitzensportler wird es sich leisten können, die kritische Vorbereitungszeit direkt vor den Spielen ohne effizientes Training zu verbringen.

Die Vorteile von Olympia in China liegen auf der Hand: Angesichts der radikalen Maßnahmen wird es wohl kaum zu steigenden Infektionszahlen kommen, wie sie in Japan im Zuge der Sommerspiele registriert wurden. Zudem erlaubt die strenge Umsetzung auch, dass Zuschauer in die Stadien gelassen werden - allerdings nur Einheimische. Publikum aus dem Ausland erhält auch diesmal keinen Zugang.

Sportpolitisch ist die Ankündigung des IOC höchst problematisch. Denn wenn die Winterspiele in einer reinen Kulisse à la »Truman Show« abgehalten werden, bedeutet dies auch, dass weder Journalisten noch Sportfunktionäre hinter die Fassade blicken können. Dort gäbe es mit Sicherheit einiges zu recherchieren: In den vergangenen Jahren hat China Hunderttausende Muslime in Xinjiang in sogenannte Umerziehungslager gesperrt, einen umfassenden Überwachungsstaat installiert und auch in Hongkong die gesamte Opposition mundtot gemacht. Beim jetzigen Konzept der Chinesen mag zwar der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund gestanden haben. Doch die vollständige Kontrolle über anreisende Medienvertreter ist sicherlich ein mehr als willkommener Nebeneffekt - auch für das Internationale Olympische Komitee, das nach den Sommerspielen 2008 in Peking keine Lust auf neuerliche Debatten über die Menschenrechtslage in der Gastgebernation hat.

NGOs fordern bereits seit Monaten zumindest einen diplomatischen Boykott der Spiele: Dieser sähe vor, dass Athleten zwar einreisen dürfen, doch staatliche Repräsentanten aus dem Ausland dem Ereignis fernbleiben. Nun könnte das epidemiologische Konzept die Entscheidungen der Regierungschefs vorwegnehmen: Die wenigsten Spitzenpolitiker möchten wohl 21 Tage in einem Quarantänezimmer verbringen, nur um der Eröffnungsfeier im »Vogelnest«-Stadion von Peking beizuwohnen.

Während sich die Welt langsam öffnet, macht Gastgeber China seine Pforten also weiter dicht. Im südchinesischen Guangzhou eröffnet dieser Tage ein 260 Millionen teures Quarantänezentrum mit 5000 Zimmern, damit die Einreisenden aus dem Ausland nicht mehr in Hotels untergebracht werden müssen. In der neuen Isolation sind diese weit vom Stadtzentrum abgeschirmt, ihre Mahlzeiten werden von Robotern überreicht.

Dabei hat China in diesem Jahr eine atemberaubende Impfgeschwindigkeit vorgelegt. Bereits Mitte September verkündeten die Staatsmedien, dass von den 1,4 Milliarden Bürgern mehr als eine Milliarde vollständig geimpft seien. Doch zum einen sind die heimischen Vakzine - die bisher einzigen zugelassenen - nicht ausreichend wirksam gegen die Deltavariante. Zum anderen will Staatschef Xi Jinping bis zum Herbst 2022 möglichst wenig Austausch mit dem Ausland: Dann nämlich wird Xi als erster Parteichef seit Mao Tse-tung eine dritte Amtszeit antreten.

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