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Gdańsk - Stadt der Freiheit

Stolze Bürgerburgen aus der Hansezeit prägen die alte Handelsmetropole an der Ostsee ebenso wie moderne Kunstpaläste und Hotels. Die Werft, inzwischen auch Adresse für Kultur und Kunst, symbolisiert bis heute Gdańsks Drang nach Unabhängigkeit

  • Von Carsten Heinke, Gdańsk
  • Lesedauer: 7 Min.
Viel besucht: Das Günter-Grass-Denkmal
Viel besucht: Das Günter-Grass-Denkmal

Kellner wischen Tische ab und spannen Sonnenschirme auf. Vor der »Piwna 47«, unmittelbar neben der Marienkirche, öffnet gleich der Freisitz – ebenso im Café »Drukarnia« in der Frauengasse und in unzähligen anderen Lokalen in der Altstadt von Gdańsk. Während die Sonne erst noch über hohe Häusergiebel klettern muss, hat der Alltag in den Gassen schon begonnen. Straßenhändler bauen ihre Stände auf. Kaffeebecherträger eilen ins Büro. Teure Schuhe klackern über Kopfsteinpflaster. Aus der Bäckerei Pellowski strömt der Duft von frischen Brötchen.

Früh am Tag, bevor der Weltstar Gdańsk auf die Touristenbühne tritt, begegnet man ihm fast privat. Die verschnörkelten Fassaden, Türme, Brunnen und Portale sind dann viel weniger Museum als ein echter Lebensraum. »Wer beizeiten aufsteht, hat diese Schönheit fast für sich allein«, verrät Andreas Kaspersky. Gern zeigt der Bohemien und Szenekenner Gästen seine Stadt. Und richtig: Selbst auf dem »Königsweg«, der Glamour-Bummelmeile zwischen dem Hohen und dem Grünen Tor, lassen sich Patrizierhäuser und Paläste jetzt am Morgen in aller Seelenruhe inspizieren. Da in diesem Jahr die vielen Überseetouristen fehlen, hält sich der Besucherandrang ohnehin in Grenzen.

Auf den Hund gekommen

Dennoch schätzen die Genießer vor allem weniger bekannte Routen. Für gemütliche wie spannende Entdeckungstouren gibt es genug Alternativen – wie etwa das »Günter-Grass-Viertel« Langfuhr. Rund um das Geburtshaus des Schriftstellers (1927–2015), der seiner Heimatstadt mit dem Roman »Die Blechtrommel« ein Denkmal setzte, entstand ein toller Kiez mit Trendgastronomie, Kultur und Kunst.

Nur ein paar Schritte weiter von Langgasse und Langem Markt liegt die Hundegasse. Ihre Bezeichnung stamme vermutlich von den vierbeinigen Speicherinsel-Wächtern, die einst hier lebten, erzählt Andreas. An die braven Tiere erinnere mit deren lateinischem Namen ebenso das 2017 eröffnete Restaurant »Canis« in der Nummer 27. Ihm wie den anderen neuen Läden, Galerien und Lokalen verdanke die alte Mietshausstraße angenehm frischen, kreativen Wind.

»Heute geht man hier zu Vernissagen, nascht vegane Snacks und handelt mit Vinyl-Tonträgern«, sagt der Stadtführer. Fremde seien früher allenfalls gekommen, um zu sehen, wo der Physiker und Erfinder Daniel Fahrenheit (1686–1736) seine ersten Lebensjahre verbrachte.

Farbenfrohe Frauenpower

Auf dem Damm (Ulica Grobla) am Löwenbrunnen vor der Königlichen Kapelle betreibt die Modemacherin Natalia Lipińska eine Boutique. »Meine Kundinnen kommen etwas später«, sagt die gut gelaunte 45-Jährige, deren Haare mindestens genauso bunt wie ihre Kleider sind – stets abgestimmt auf die aktuelle Kollektion. Sie stellt zwei Stühle vor den Laden, nimmt auf einem davon selber Platz und genehmigt sich erst einmal einen »Latte«.

Seit 2013 verkauft die Gdańskerin trendige Bekleidung, Taschen und Accessoires, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder Kuba Synakiewicz entwirft und auch selber näht. Grelle Farben, große Muster aus abstrakten Formen und Naturmotiven sowie funktionale Schnitte sind die Markenzeichen ihres Labels Colorat. Für Natalia wie auch die Trägerinnen ihrer erschwinglichen Outfits ist das ein klares Statement für Individualität und feminines Selbstbewusstsein. »Wir wollen mit unseren Sachen etwas verändern. Sie bereiten Freude und helfen den Leuten, offener und lockerer zu werden. Das passt gut zu unserer Stadt, die immer schöner und moderner wird«, findet die Designerin.

Orte der Erinnerungen

Der Drang nach Unabhängigkeit und Freiheit gehört seit jeher zu den Tugenden der Hafenmetropole. Widerstand nach außen wurde hier im Laufe der Epochen oft geleistet. Doch nie hatte solch ein Kampf mehr Auswirkungen auf die Weltgeschichte als der der Gdańsker Werftarbeiter und ihrer Gewerkschaft Solidarność zu Beginn der 80er Jahre. Ihre mutigen Streiks und Demonstrationen, mit denen sie sich gegen Ungerechtigkeit und Misswirtschaft auflehnten und schließlich gegen das kommunistische System, forderten viele Opfer. Doch sie entfachten einen politischen Flächenbrand. Der ganze Ostblock wurde davon erfasst. Am Ende standen freie Wahlen. Der Sozialismus war Vergangenheit.

Zum Gedenken an die historischen Ereignisse, ihre Helden und Orte, vor allem aber, um alles detailliert zu dokumentieren, wurde auf dem ehemaligen Werftgelände das Europäische Zentrum der Solidarność (ECS) errichtet. Das 2014 eröffnete Gebäude unweit der Altstadt umfasst das Museum des Gewerkschaftsbundes NSZZ Solidarność, Zentralarchiv, Bibliothek und Bildungszentrum sowie das Büro des ehemaligen Staatspräsidenten und Solidarność-Führers Lech Walęsa.

Im Mittelpunkt steht die multimediale Dauerausstellung »Wege zur Freiheit«. Sehr anschaulich wie auch künstlerisch anspruchsvoll gestaltet, vermittelt sie Wissen auf sehr erlebnisreiche Weise. Großflächig, kreativ und farbenfroh wird das Thema Freiheit ebenso in rund 60 zeitgenössischen Wandmalereien an Hausfassaden im Gdańsker Wohnviertel Saspe (Zaspa) umgesetzt.

Nur einen Kilometer vom ECS entfernt, auf einer Landspitze zwischen Radaunekanal und Mottlau, befindet sich seit 2017 ein weiterer Besuchermagnet: das Museum des Zweiten Weltkriegs. Dominiert wird das auffällige, vom Architekturbüro Kwadrat in Gdingen entworfene Bauwerk von einem schräg aus dem Boden ragenden, etwa 40 Meter hohen Quader aus Glas und roten Steinen.

Während der Turm die Zukunft symbolisieren soll, repräsentieren die unterirdischen Etagen, in denen sich die Hauptausstellung befindet, die Vergangenheit. Die offenen Flächen um das Gebäude herum stehen als Metapher der Gegenwart ungewollt wohl auch für die offenen politischen Fragen des kontroversen Projekts.

Ab 2008 unter der Regierung Donald Tusks geplant, wurde das Ausstellungskonzept von einem internationalen Expertenteam unter Gründungsdirektor Paweł Machcewicz entwickelt. Wie er sagt, sollte es die Kriegsgeschehnisse vor allem aus Sicht der polnischen Zivilbevölkerung aufzeigen und in den europäischen Kontext einordnen. Unmittelbar nach der Eröffnung veränderte die nationalkonservative PiS-Regierung die Dauerexposition per Personalwechsel Stück für Stück zugunsten eigener politischer Ziele.

Den willkürlichen Eingriff erleichtert hatte eine Neuformierung des Museums durch Zusammenlegung mit dem eigens dazu geschaffenen Museum der Westerplatte. Die sandige, von Wald bedeckte Halbinsel zwischen Ostsee und Hafenkanal am Rande des Gdańsker Hafens ist für das polnische Nationalbewusstsein von enormer Bedeutung. Der völkerrechtswidrige deutsche Angriff auf das hier befindliche Munitionslager der Republik Polen, das von wenigen polnischen Streitkräften eine ganze Woche tapfer verteidigt wurde, gilt als der Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Neue Töne auf der Werft

Gearbeitet wird auf dem Territorium der alten Leninwerft, die einst viele Tausend Menschen beschäftigte, immer noch. Neben Schiffen baut der heutige private Werftbetrieb auch Teile für Windkraftanlagen. In einem Teil des ehemaligen Betriebsgeländes erklingen heute andere Töne, denn hier finden Techno-Partys, Rockkonzerte und alle möglichen Events statt. Bereits seit Jahren fester Bestandteil der Gdańsker Clubszene ist die Straße der Elektriker mit legendären Clubs wie dem »B90«, aber auch einer Salsa-Tanzschule.

Ganz in der Nähe wächst die Containersiedlung »100cznia« (sprich: Stotschnia – »Werft«) aus der unbebauten Fläche. »Hier stört es niemanden, falls es mal ein bisschen lauter wird« sagt Kuba Lukaszewski, der 2017 ein Stückchen davon pachtete und ausgediente Schiffscontainer daraufstellte. Zusammen mit seiner Partnerin Alicja Jablonowska und vielen Freunden baut der gelernte Soundtechniker nun sein kulturell-soziales Traumprojekt daraus. Parallel dazu finden Konzerte, Workshops und Familienstraßenfeste statt.

Mittlerweile hat die Kistenburg schon zwei Etagen. Es gibt eine Streetart-Galerie und eine Fahrradwerkstatt, Läden für Tattoos, Designerschmuck und -mode. Vor dem Öko-Infocenter sprießen wilde Kräuter, Kohlrabi und Salat aus alten Fässern. Der große offene Kasten in der Mitte ist die Bühne. Vis-à-vis kann man der überwiegend chilligen Musik relaxt auf Liegestühlen lauschen. Den freien Platz dazwischen flankiert der Foodcourt, der ebenfalls aus einzelnen Containern besteht.

Die Mieterauswahl erfolgt unter sehr strengen Kriterien. »Hier gibt es nur gutes, handgemachtes Streetfood, ausgewählte Getränke, keinen harten Alkohol«, begründet Kuba, der die entspannt-genießerische und kommunikative Atmosphäre unbedingt erhalten will. Das wirklich bunt gemischte Publikum lässt keinen Zweifel daran, dass das Konzept des »100cznia« trotz aller Kanten eine runde Sache ist. Die Elemente für die nächsten Räume stehen schon bereit.

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