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Zu viele Autos machen krank

Deutliche Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs nötig

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.
Der sichtbare Dunst ist eigentlich harmlos – durch Verbrenner und Abrieb produzierte Reizgase und Feinstaub machen aber nachweislich krank.
Der sichtbare Dunst ist eigentlich harmlos – durch Verbrenner und Abrieb produzierte Reizgase und Feinstaub machen aber nachweislich krank.

»Unsere Lehrerein ist so laut wie eine Straße, und Güven ist so laut wie eine Autobahn«, sagt eine Sechstklässlerin der Nürtingen-Grundschule in Kreuzberg. Das wissen sie dank »Schalli«, so wird das Lärmmessgerät aus der großen Kiste genannt. Weitere Geräte können den Gehalt an CO2 sowie den Feinstaub in der Luft erfassen. Schulkinder der 5. und 6. Klassen sollen mit dem neuen Projekt des Junior Campus des Deutschen Technikmuseums Berlin in ihrem Schulumfeld die Auswirkungen des Verkehrs erfassen.

Das steht auch im Fokus der neuen Luftreinhaltungsstrategie 2030 für Berlin, die die Verkehrs- und Umweltverwaltung gerade entwickelt. »Berlin hält die derzeit gültigen EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub ein«, sagt die noch amtierende Senatorin Regine Günther (Grüne). Das gilt allerdings nicht für die deutlich schärferen Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO. Bereits die 2005 von der Organisation veröffentlichten Empfehlungen waren strenger als die EU-Vorgaben. Im September hat die WHO noch einmal nachgelegt.

2020 wurde in Berlin beim Stickstoffdioxid ein Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen; die WHO hat nun einen Grenzwert von zehn Mikrogramm festgelegt. An 290 Tagen des Jahres 2020 wurde laut den Vorgaben der Tagesmittelwert des Reizgases gerissen. Nötig sei deswegen eine schnellere Elektrifizierung des Verkehrs sowie Maßnahmen für insgesamt weniger Autoverkehr, heißt es von der Verkehrsverwaltung.

Beim Feinstaub sieht es auf Basis der WHO-Werte 2021 nicht viel besser aus. Der Berliner Jahresmittelwert für Partikel bis zehn Mikrometer Größe (PM10), das entspricht einem Hundertstel Millimeter, lag 2020 bei 22 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft - eine Überschreitung des WHO-Grenzwerts um fast die Hälfte. Von der maximal ein Viertel so großen Fraktion PM2,5 lagen im Mittel zehn Mikrogramm in der Luft - doppelt so viel, wie die Weltgesundheitsorganisation für zulässig hält. An 106 Tagen wurde der empfohlene maximale Tagesmittelwert überschritten.

PM10 kann beim Menschen in die Nasenhöhle, PM2,5 bis in die Bronchien und Lungenbläschen eindringen, ultrafeine Partikel bis in das Lungengewebe und sogar in den Blutkreislauf gelangen, wie das Umweltbundesamt informiert. Die gesundheitlichen Auswirkungen reichen von Reizungen und Entzündungen der Atemwege über Thrombosegefahren bis zu Störungen der Herzfrequenz.

»Weniger Autoverkehr ist auch der Schlüssel zur Senkung der Feinstaubbelastung aus dem Verkehr«, heißt es aus der Verwaltung von Regine Günther. Inzwischen kommt die größte Belastung nicht mehr aus dem Auspuff, sondern vom Abrieb von Reifen, Fahrbahn und Bremsen sowie von der Aufwirbelung von Straßenstaub. Gerade bei der Fraktion PM2,5 stammten allerdings mehr als zwei Drittel der Belastung aus importierten Emissionen aus dem Berliner Umland sowie aus Polen, heißt es von Verwaltungsseite.

»Man kann nicht mehr die Entwicklung der letzten Jahre fortschreiben, dass der Autoverkehr weniger wird«, sagt Martin Schlegel, Verkehrsexperte des Umweltverbandes BUND Berlin zu »nd«. Die Coronakrise habe das Mobilitätsverhalten womöglich nachhaltiger verändert als erwartet. »Mittelfristig brauchen wir eine Nullemissionszone oder eine Innenstadtmaut«, so Schlegel. Einen Beitrag könne auch die Elektrifizierung der Busflotte leisten und natürlich die in die Wege geleiteten Verbesserungen für Fuß- und Radverkehr. Der Ausbau der Straßenbahn dauere bisher zu lange, kritisiert er. »Es ist durchaus möglich, dass bei einer Fortführung der rot-grün-roten Koalition die Ziele erreicht werden«, glaubt der Verkehrsexperte.

»Im Grunde ist es auch richtig, dass der Verkehrsverbund auch über Tarifangebote für Menschen im Homeoffice nachdenkt«, sagt Schlegel. Allerdings ist das für 2020 angekündigte Ticket für Berlin, das für 44 Euro acht Tageskarten pro Monat beinhaltet, »nicht der große Wurf«, wie Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband IGEB erklärt. Es sei verhältnismäßig teuer und kompliziert. Demnächst entscheidet der VBB auch über mögliche Fahrpreiserhöhungen. Sowohl Wieseke als auch Schlegel halten das jedoch für ein falsches Signal: »So holt man keine Kunden zurück.«

Die Kreuzberger Schülerinnen und Schüler haben sich im Rahmen des Junior-Campus-Projekts auch Gedanken über die Zukunft des Verkehrs gemacht. »Ich stelle mir vor, dass es in der Zukunft Unterwassertaxis gibt, weil man dann nicht mehr so viele Straßen bauen muss«, sagt eine Schülerin. So etwas ist gar nicht mal so weit weg von den verkehrspolitischen Vorstellungen, die Politiker von CDU, FDP und AfD trotz des reiferen Alters regelmäßig in der letzten Legislatur vorgetragen haben. »Ich glaube, dass es in der Zukunft weniger Autos in der Stadt geben muss, damit es weniger Feinstaub gibt«, sagt ein anderer Schüler. Finanziert wird das digitale Klassenzimmer übrigens vom Autohersteller BMW. »Wir konfrontieren uns alle mit der Realität, so wie sie ist. Wir wollen Lösungen finden«, sagt Helmut Schramm, Leiter des Spandauer Motorradwerks von BMW dazu.

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