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Am Haken

Salut d’amour: Stanley Tucci und Colin Firth fahren im Demenzfilm »Supernova« ins Nichts

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.
Tusker (Stanley Tucci) und Sam (Colin Firth) gondeln in einem alten Camper durch den Lake District.
Tusker (Stanley Tucci) und Sam (Colin Firth) gondeln in einem alten Camper durch den Lake District.

Dass zentrale Szenen welche aus dem Zentrum sind, sollte nicht überraschen und deckt sich mit dem Aufbau des klassischen Dramas, der für den mittleren dritten Akt die Klimax, den Höhepunkt vorsieht, von dem aus es, unter Verzögerung durch den vierten, in die Katastrophe des fünften rauscht. Nach genau der Hälfte von Harry Macqueens Film »Supernova« übergibt der blendend aussehende, geistreiche, humorvolle Schriftsteller Tusker seinem Lebenspartner Sam sein, Tuskers, Redemanuskript, das er, obwohl vielleicht erst 60, nicht mehr vortragen kann. Tusker leidet an Frühdemenz, die Konzentration fällt zusehends schwerer, und so muss Sam der kleinen Festgesellschaft, die sich im Haus seiner Schwester versammelt hat, selbst die Rede vortragen, die Tusker auf ihn, den Traummann seit 30 Jahren, verfasst hat. Das ist, weil sich die Rührung des Angesprochenen im Vortrag verdoppelt, nicht nur erwartungsgemäß Tränen treibend, sondern birgt auch das Thema das Films, der zwar von Demenz handelt, aber nicht nur.

Nun müsste man sagen: glänzender Einfall, aber Einfälle kann ein Demenzfilm eigentlich nicht haben. Er kann bloß das Klischee dämpfen, wie es die Shampooflasche vorstellt, die Julianne Moore im verwandten »Still Alice« (2014) in den Kühlschrank räumt, bevor sie die Diagnose bekommt, die auch Tusker bekommen hat. Dann gerät das Leben so aus den Fugen, wie man sich das vorstellt, die Umgebung (schon dieser Satz ein reines Klischee) reagiert hilflos, und am Schluss heißt es: Wir schaffen das; wir schaffen das gemeinsam.

Tusker, der neben Sam in einem alten Camper sitzt und, eine sentimental journey aus gegebenem Anlass, durch den bis zum Rande erträglicher Metaphorik herbstleuchtenden Lake District gondelt, will aber nicht gemeinsam schaffen, was gemeinsam gar nicht zu schaffen ist: »Ich werde bald in dein Gesicht sehen und nicht wissen, wer es ist, der zurücksieht«, und der Film handelt davon, dass Sam, der in Tuskers Reisegepäck ein Fläschchen Pentobarbital entdeckt hat, um sein Leben kämpft: sein eigenes. Ich sterbe, sagt Tusker später, und Sam sagt, nachdem er sehr vieles andere über Liebe und Hingabe bis zur letzten Patrone gesagt hat: Ich will nicht allein sein.

Man dürfte finden, dass auch ein Road Movie nicht für unendlich viele Einfälle gut ist und zumal in Kombination mit der Demenz-Erzählung für nichts als Redundanzen taugt. Der zweite Blick aber verrät, dass sich die beiden Formen reiben, denn Sam und Tusker fahren ja nicht, auch wenn Sam das eingangs glauben machen will, in die Freiheit, sie fahren in deren blankes Gegenteil, und insofern Reisen unternommen werden, um hernach für Erinnerungen gut zu sein, ist es nicht Tuskers letzte Reise, sondern Sams. »Ihr kümmert euch um ihn?« fragt Tusker den Schwippschwager, den die Frage denn auch kein bisschen wundert, und bei einer Art letztem Abendessen fleht Sam im Original: Don’t let me off the hook, was der Untertitel (und die Synchronisation wohl auch) getreulich mit »Entlass mich nicht aus der Verantwortung« übersetzt. Aber darum geht es nicht, und dass es darum nicht geht, darum geht es dann. Mag sein, dass das schon Mascha Kaléko gewusst hat: »Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, / Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. / Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?« Aber damit wir den Camper von sehr weit oben durch die großartig-unwirtliche Einsamkeit des englischen Nordens schnüren sehen können, müssen Leute drinsitzen, deren Blick nur bis zur nächsten Kurve reicht.

Sam ist Pianist und sein Comeback-Konzert auf eine Weise mit Tuskers letztem Willen verknüpft, die hier nicht verraten werden muss. »Salut d’amour« heißt das Stück von Edward Elgar, das uns aus Harry Macqueens diskretem, wenn auch den Sternenhimmel bemühendem Film entlässt, und dass auch die Coda nicht zu dick aufgetragen wirkt, liegt zumal an Stanley Tucci und Colin Firth, die, ein wunderschönes couple zwischen odd und sad, das unterspielen, was sich nicht überspielen lässt. Dass ihre Liebe frisch sei wie am ersten Tag, flötet das Presseheft, und das ist natürlich Kitsch und Unsinn: Sie ist so frisch wie am letzten. Und mehr, ihr Götter, bedarf’s nicht.

»Supernova«: UK 2020. Regie: Harry Macqueen.

Mit: Colin Firth, Stanley Tucci, Pippa Haywood, Peter Macqueen, Nina Marlin, Ian Drysdale.

95 Minuten, Start: 14. Oktober.

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