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Vorfreude, schönste Freude

Die Freunde legalen Cannabisgebrauches schließen ihre Reihen. Sogar Karl Lauterbach zeigt sich geläutert

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit einer Legalisierung könnten auch die Tüten größer werden.
Mit einer Legalisierung könnten auch die Tüten größer werden.

Mangels konkreter Inhalte aus den Sondierungsverhandlungen künftiger Bundesregierungen nutzen immer mehr Politiker das Thema Cannabis-Legalisierung, um sich als jugendnah und zukunftsbewusst zu profilieren. Den jüngsten Aufschlag machte jetzt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der in einer passenden Regierungskoalition als Gesundheitsminister in Frage käme – und der selbst auch mit diesem Posten liebäugelt.

Lauterbach warf seine Kompetenz als Arzt in die Wagschale und sieht nicht mehr das Kraut an sich als eine Gesundheitsgefahr, sondern eher mögliche Verunreinigungen. Dabei spricht er von neuartigem Heroin, das sich rauchen lasse. Nun berichtet etwa die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen von allen möglichen riskanten Beimischungen von Cannabisprodukten, wobei die Liste von Gewürzen, Sand, Zucker und Haarspray bis Schuhcreme reicht, Heroin ist noch nicht dabei. Gewarnt wird auch vor der gleichzeitigen Einnahme verschiedener Rauschmittel mit Cannabis, als da wären Nikotin, Ecstasy, Amphetamine, Kokain, Crystal Meth oder Halluzinogene. Auch hier findet sich kein Heroin auf der Liste.

Jedoch gibt es zum Beispiel eine kleine Studie aus Südafrika von 2019, die Raucher eines Cannabis-Heroin-Verschnitts mit Nutzern vergleicht, die Heroin injizieren. Überraschenderweise zeigte die letztgenannte Gruppe höhere Abstinenzraten, hatte weniger Phasen der Heroinnutzung und nutzte weniger verschiedene Substanzen von Rauschmitteln – im Vergleich mit den Heroin-Cannabis-Rauchern. In Bezug auf Symptome psychischer Krankheiten, allgemeine Gesundheit, soziale Fähigkeiten sowie Kriminalität unterschieden sich beide Gruppen nicht signifikant. Die Studie ergab aber auch, dass Mitglieder der Raucherfraktion neun Monate nach einer Rehabilitation einen höheren Anteil an Heroinkonsumenten hatten als diejenigen, die mit der Nadel hantierten.

Insofern könnte Lauterbach mit seiner Einschätzung in Bezug auf den gefährlichen Cannabis-Verschnitt seiner Zeit weit voraus, die Hauptstelle für Suchtfragen hingegen etwas gestrig sein. Die Diskrepanz ergibt genug Raum, den Schulterschluss in der Legalisierungsfrage mit Grünen und Liberalen zu suchen, deren Wahlkampfforderung in einen künftigen Koalitionsvertrag aufzunehmen. Das Ziel heißt eindeutig: legale und kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene.

Die Jungen Liberalen haben die Signale verstanden und denken sich: Da geht noch was. Nicht mehr kleinster gemeinsamer Nenner, stattdessen große Reformen »weit über die Legalisierung von Cannabis hinaus«, teilte Juli-Chef Jens Teutrine die Forderungen interessierten Medien mit. Mit Modellprojekten müsse da auch nicht mehr lange herumprobiert werden, fasste der Nachwuchspolitiker zusammen: Nur eine vollständige Legalisierung sichere Qualitätsstandard und Jugendschutz.

Die Gegner eines solchen Umbruchs haben nicht viel Neues zu vermelden. So hält der CDU-Gesundheitspolitiker Alexander Krauß eine derartige Drogenfreigabe für eine Katastrophe für Deutschland. »Die Folgekosten einer solch verfehlten Drogenpolitik für das Gesundheitswesen und die Gesamtgesellschaft wären immens«, erklärte der Christdemokrat. Tausende junge Menschen wären die Leidtragenden. Die Gehirnschädigung durch den Drogenkonsum lasse sich später auch nicht wegtherapieren. Er schwimmt damit auf gleicher Wellenlänge wie der relativ sicher bald scheidende Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Dessen Haus sieht Cannabis weiter als gefährliche Substanz schlechthin, abgesehen von medizinischen Ausnahmen, Legalisierung ausgeschlossen.

Auch mögliche psychotische Störungen, die durch Cannabis-Konsum ausgelöst werden können, sind kein wirklich neues Argument gegen die Legalisierung. Zahlen, nach denen sich derartige Behandlungsfälle in der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm zwischen 2011 und 2019 verachtfacht haben, sind sicher beeindruckend. Allerdings gibt es kaum weitere Studien zu diesem Thema aus Deutschland. Insofern bietet auch eine Legalisierung neue Möglichkeiten, eine seriöse wissenschaftliche Begleitung der neuen Konsumbedingungen zu installieren.

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