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Gemüse als Luxusgut

Ernährungsarmut ist in Deutschland für Millionen Menschen Alltag – durch die Inflation verschärft sich ihre Lage weiter

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Preise für Gemüse sind im September mit 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat besonders stark gestiegen.
Die Preise für Gemüse sind im September mit 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat besonders stark gestiegen.

Die Inflationsrate ist so hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte, erreichte die Inflation im September 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch vor den Supermärkten macht die Inflation keinen Halt. Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im September 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat überdurchschnittlich um 4,9 Prozent. Besonders Gemüse wurde teurer (plus 9,2 Prozent), ebenso Molkereiprodukte und Eier (plus 5,5 Prozent).

Insgesamt erhöhten sich die Preise für Waren von September 2020 bis September 2021 um über sechs Prozent. Für diejenigen, die wenig Geld zur Verfügung haben, bedeuten die Preisanstiege ganz reale Gefahren, etwa Mangelernährung. Dass es auch in Deutschland Ernährungsarmut gibt, ist schon lange bekannt. Es gibt strukturelle Zusammenhänge zwischen sozioökonomischer Position, Ernährung und Gesundheit. Dabei geht es in der Regel nicht um Unterernährung, sondern eher um Übergewicht, Adipositas und ernährungsbedingte Krankheiten. Das liegt daran, dass Lebensmittel mit hohem Stärke- und Zuckeranteil im Vergleich zu gesunden Lebensmitteln wie Gemüse, Obst oder auch Fisch relativ preisgünstig sind. Brot, Nudeln oder auch fettes Fleisch enthalten viele Kalorien pro Euro, während Obst und Gemüse im Vergleich dazu teuer sind.

»Auch in Deutschland gibt es armutsbedingte Mangelernährung und teils auch Hunger sowie eine eingeschränkte soziokulturelle Teilhabe im Bedürfnisfeld Ernährung«, stellte etwa der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums 2020 in einem Gutachten fest. Im Jahr 2019 wertete das Statistische Bundesamt Zahlen aus der EU-Datenbank SILC aus und kam zu dem Ergebnis, dass jeder dritte Erwerbslose sich nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten kann.

Laut einer im September 2021 veröffentlichten Analyse der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung können sich insgesamt elf Prozent der deutschen Haushalte der untersten Einkommensgruppen nicht jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten. Dabei sind nicht nur Erwerbslose, sondern auch Menschen betroffen, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des bundesweiten Mittels beträgt. In der Analyse wird auch auf Studien Bezug genommen, die belegen, dass es in armen Haushalten eine deutlich geringere Vielfalt an Lebensmitteln gibt und günstige, sättigende Lebensmittel gegenüber Obst und Gemüse bevorzugt werden. Vor allem am Monatsende bedeutet das für Betroffene gezwungenermaßen eine sehr einseitige Ernährung. Die Not wird auch durch die zahlreichen Lebensmittelausgaben deutlich, etwa Tafeln oder Mittagstische für Rentner.

Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend: Zu viele leere Kalorien aus Stärke, Zucker und Fetten können Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes auslösen. So ist es nicht verwunderlich, dass in Deutschland arme Menschen besonders häufig von Diabetes betroffen sind. Immer wieder machen Expertinnen und Experten auch auf die Folgen für Kinder aufmerksam. So erklärte etwa der Ernährungsmediziner Hans-Konrad Biesalski letztes Jahr in einer Pressemitteilung: »Kann eine für ein Kind ausgewogene Ernährung nicht finanziert werden, so bedeutet dies Ernährungsarmut«, sie seien dann von körperlichen und kognitiven Entwicklungsstörungen bedroht. »Sie bleiben im Wachstum zurück und haben häufiger Probleme in der Schule«, so Biesalski. Zu wenig Geld für eine ausgewogene Ernährung kann sogar einen Einfluss auf die Lebenszeit haben. Laut Robert-Koch-Institut gibt es zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe Unterschiede in der Lebenserwartung von 8,4 Jahren bei Frauen und 10,8 Jahren bei Männern.

Offensichtlich reichen die Leistungen der staatlichen Sozialhilfe nicht für eine gesunde Ernährung aus. Und das bereits bevor die Preise für gesunde Lebensmittel so extrem gestiegen sind. Aus einer im September 2020 veröffentlichten Expertise des Paritätischen Gesamtverbandes geht hervor, dass eine Ernährung nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mit Hartz IV nicht möglich ist. Die Posten für Lebensmittel in den Grundsicherungsleistungen werden künstlich verknappt, Ernährungsarmut regelrecht produziert. Die Nahrungssicherung wird somit an nichtstaatliche Einrichtungen wie die Tafeln delegiert. Ob die aktuellen Preisanstiege von gesunden Nahrungsmitteln sich dort bereits vor Ort bemerkbar machen, verneint Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafeln, auf Nachfrage. »Viele werden die Preisanstiege zwar wahrnehmen, aber bei den hohen Preisen gerade bei Gemüse hatten wir schon immer die Situation, dass die Menschen mit wenig Geld eher Billigfleisch kaufen als Obst und Gemüse«, erklärt Werth gegenüber »nd«.

Letzte Woche forderte ein breites bundesweites Bündnis die Bundesregierung auf, umgehend Maßnahmen zu ergreifen, um mindestens einen Inflationsausgleich für Grundsicherungsbeziehende sicherzustellen. Angesichts der Entwicklung der Lebenshaltungskosten verpflichte das Grundgesetz den Gesetzgeber, die Kaufkraftminderung für Grundsicherungsbeziehende abzuwenden. Doch während die Verbraucherpreise um über vier Prozent gestiegen sind, erhalten Empfänger von Sozialhilfe ab kommendem Jahr insgesamt lediglich 0,76 Prozent mehr. »Der Vorgang ist nicht nur für die betroffenen Menschen hart und folgenschwer – er unterläuft darüber hinaus grundsätzlich den sozialstaatlichen Grundauftrag, das menschenwürdige Existenzminimum sicherzustellen«, kommentierte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.

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