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Bekennt, so wird euch vergeben

Mit ihrer Inszenierung von Arthur Millers »Hexenjagd« am Berliner Ensemble hält Regisseurin Mateja Koležnik der Gesellschaft höchst eindrucksvoll den Spiegel vor

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 6 Min.

Merkwürdige Dinge gehen vor sich in Salem, Massachusetts. Junge Frauen in der kleinen Stadt, darunter Betty Parris, die Tochter des Pfarrers, gehen im Wald einem okkulten Ritual nach – und werden prompt erwischt. Durch den Skandal beschämt, simulieren sie Krankheitssymptome. Sind sie besessen? Der Pfarrer sieht keine andere Wahl, als Pastor Hale zur Hilfe zu rufen. Auf die Austreibung des Teufels spezialisiert, untersucht der die Vorkommnisse in Salem. Die jungen Frauen durchschauen schnell die Logik der Verhöre: Selbstschutz wird durch Denunziation möglich. Schon bald ist keiner mehr vor der Anklage sicher. Wer leugnet, macht sich verdächtig, und wer verdächtig ist, muss mit Strafe – bis hin zum Tod – rechnen. Der Strafe entgehen kann aber derjenige, der sich zur Sünde bekennt. Und der die Namen der Mittäter nennt.

Das Stück »Hexenjagd« des US-amerikanischen Dramatikers Arthur Miller ist 1953, also zur Zeit der großen Kommunistenhatz, entstanden. Miller beherrschte seine Kunst und wusste, dass er die damalige Stimmung, geprägt vom Eifer zu Bekenntnis und Denunziation, Wachsamkeit und Vorsicht, am wirkungsvollsten nicht durch Abbildung der damaligen Ereignisse wiedergeben konnte, sondern durch parabelhafte Veranschaulichung. Das abstrakte Netz aus tiefen Problemen wie dem wechselseitigen Verhältnis von Angst und Terror, der Hysterie als Massenphänomen, Moralismus und Denunziantentum zeigte er auf anhand der Hexenverfolgung Ende des 17. Jahrhunderts, lässt es uns so analytisch durchdringen und im besten Fall in anderer Konkretion in der Gegenwart wiederentdecken.

Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik, die »Hexenjagd« am Berliner Ensemble zur Premiere gebracht hat, weiß um die Stärken dieses Dramas. Sie begeht nicht den Fehler, Entsprechungen der Handlungsmuster im Stück mit denen, wie sie uns heute in der Gesellschaft begegnen, mit erhobenem Zeigefinger zu erklären und in Überdeutlichkeit zu präsentieren. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, die feine Psychologie in dem Text zu ihrer Geltung auf der Bühne zu verhelfen. Und Koležnik, immerhin eine der fähigsten Regiehandwerkerinnen, deren Kunst man zurzeit im Theater zu sehen bekommt, hat damit Erfolg.

Raimund Orfeo Voigt (Bühne) und Ana Savić-Gecan (Kostüme) verleihen der Inszenierung eine Ausstattung, die in unbekannte Zeit verweist. Einzelne Attribute rufen die Entstehungszeit des Dramas auf den Plan, andere verweisen auf eine vielleicht nicht allzu ferne Zukunft. Zwei große Flügeltüren stehen im Zentrum dieses hyperrealistischen Bühnenbildes. Mal geöffnet, mal verschlossen geben sie uns sehr begrenzt Einblick in den ebenfalls bespielten Raum dahinter. Wo sind wir hier? Eine Mischung aus Turnhalle, Warteraum und Gerichtssaal zeigt sicht uns.

Kühn nimmt die Regisseurin die eingeschränkte Sicht in Kauf. Dem Publikum wird, je nach Sitzplatz, zugemutet, das eine zu sehen, während das andere im Verborgenen bleibt. Wir hören mitunter Text, ohne zu wissen, wer ihn spricht. Wir sehen Figuren hinter einer Säule verschwinden. Wir ahnen, dass etwas vor sich geht, ohne zu wissen, was es ist. Der Zuschauer wird zum genauen Beobachter – und antizipiert den verhängnisvollen Blick der misstrauensseligen Gesellschaft auf der Bühne. Aus einem ausschnitthaften Eindruck von der Realität konstruieren wir uns ein Weltbild. Was also anfangs vielleicht als Manko erscheint, folgt einer einfachen, aber bestechenden inszenatorischen Logik.
Die Einrichtung der Szenen vermittelt das Gefühl der andauernden Unsicherheit. Jede intime Begegnung wird durch einen plötzlichen Eintritt von außen gestört. Alle, das verdeutlicht dieses Bühnenbild, befinden sich an der unklaren Schwelle zwischen privatem und öffentlichem Raum. Im Programmheft legt Koležnik die Orientierung an filmischen Arbeiten offen. »Die Spielweise und Atmosphären im Film inspirieren mich«, führt sie aus. Sollte sie ein Filmgenre für »Hexenjagd« benennen, so hieße es »Political Thriller«.

Dieser »Political Thriller« macht deutlich, wie die Denunziationsspirale ihren Lauf nimmt, wie Hysterie nicht die Neurose des Einzelnen bleibt, sondern zum gesamtgesellschaftlichen Symptom anwächst. Für Koležnik, so ist weiter zu lesen, ist »das Böse« nicht die große Charaktereigenschaft, die eine ganze Persönlichkeit einnimmt, sondern sie sieht es mit Miller in einer Motivverkettung von »Feigheit, Naivität, Witz, vielleicht etwas Abgehobenheit usw.«. All das ist in dem Stück schon angelegt, wo uns die Gesellschaft der öffentlichen Anklage in ihrer Perversität vor Augen geführt wird. Die Hexenjagd begegnet uns auch als eine Art Generationenkonflikt. Die Jüngeren versuchen sich vor der strafenden Kontrolle zu schützen, in der Folge kehrt sich dieses Verhältnis um. Die Frage danach, wie man mit unerklärlichen Phänomenen umgehen kann, wird uns in dem Stück verdeutlicht. Der verquere Mechanismus von Bekenntnis, Verleumdung und Vergebung wird außerdem als Ersatzhandlung erkennbar, mittels derer die realen Konflikte nicht ausagiert werden.

Was ist das für eine Gesellschaft, gezeichnet von Angst und Schrecken, die uns da performativ dargeboten wird? Kein gesetzloses Land, kein faschistischer Gottesstaat. Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die irgendwo in der Aufklärung stecken geblieben ist und nun am Übergang steht zur Verneinung jeglicher Vernunft bei Installierung einer simplen, aber schwer zu unterlaufenden Logik der Schuldzuweisung.

»Hexenjagd« ist – nachdem sie 2017 »Nichts von mir« und im vergangenen Jahr »Gespenster« von Henrik Ibsen an dem Haus in Szene gesetzt hat – die dritte Arbeit von Mateja Koležnik am Berliner Ensemble. In diesem fast zweistündigen Theaterabend hält sie dem Publikum höchst eindrucksvoll den Spiegel vor. Ohne dass die Parallelen ausformuliert würden, sieht man mit der Inszenierung die Welt etwas klarer. Ist Millers Salem nicht das Twitter der Vergangenheit? Haben wir es hier nicht mit Shitstorms ganz anderer Art zu tun? Ist die Verhandlung politischer Problemlagen, wie sie uns heute begegnen – von identitätspolitischen Debatten bis zur Klimakrise –, nicht schon dadurch gefährdet, dass ein System von Vorführung und Beschämung, persönlichem Bekenntnis und persönlichem Verrat Einzug gehalten hat? Das beklemmende Gefühl jedenfalls, das diese Theaterinszenierung erzeugt, ist höchst lehrreich. Sichtlich beeindruckt und nach energischem Applaus verlässt auch das Premierenpublikum den Saal.

Gibt es den einen Grund für das Gelingen eines Theaterabends, wie ihn diese erstaunliche Inszenierung von »Hexenjagd« darstellt? Wohl eher nicht. Aber wollte man sich an einer Antwort versuchen, so müsste zuallererst das genaue Gespür der Regisseurin und das Talent, die Vielzahl an Figuren auf der Bühne zu arrangieren, benannt werden. Das schauspielerische Vermögen derjenigen, die hier zu erleben sind, darf nicht unterschlagen werden. Unter den vielen Darstellern seien Marc Oliver Schulze in der Rolle des John Proctor genannt, Bettina Hoppe als dessen Frau Elizabeth und Oliver Kraushaar als versehrter Thomas Putnam. Nicht zuletzt sei darauf verwiesen, dass es sich bei Arthur Millers Drama um ein zeitdiagnostisches Stück handelt, das nicht nur Aufschluss über die USA der 50er Jahre zu geben vermag, sondern das Einblick gewährt in die Abgründe allgemeinmenschlicher Verhaltensweisen. Das Böse hat er kunstfertig entmystifiziert und als Teil von uns offengelegt.

Nächste Vorstellungen: 24. u. 25.10., 12., 13. u. 14.11.
www.berliner-ensemble.de

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