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Frankreichs Schuld

Macron nennt Massaker an Algeriern im Jahr 1961 unverzeihliches Verbrechen

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Präsident Emmanuel Macron hat am Sonnabend die Opfer des 17. Oktober 1961 geehrt. Damals richtete die Pariser Polizei ein Massaker unter algerischen Demonstranten an. In der Pariser Vorstadtgemeinde Bezons legte Macron einen Kranz an einer über die Seine führenden Brücke nieder, die seinerzeit ein Brennpunkt der blutigen Ereignisse war. Nach einer Schweigeminute traf er sich zu einem Gespräch mit Kindern und Enkeln von Algeriern, die seinerzeit getötet oder verletzt wurden. Es war das erste Mal, dass ein Präsident der Republik an einer solchen Ehrung teilgenommen hat.

So weit war auch sein sozialistischer Vorgänger François Hollande nicht gegangen, der das Schweigen aller Präsidenten vor ihm durchbrochen und in einer dreizeiligen Erklärung die Ereignisse vom 17. Oktober 1961 eine »blutige Niederschlagung einer friedlichen Demonstration für die Unabhängigkeit« genannt und die »Verantwortung der Republik« eingeräumt hatte.

Emmanuel Macron hielt bei der Ehrung in Bezons keine Rede, aber am Abend ließ er den Medien eine Erklärung zukommen. »Frankreich blickt mit klarem Blick und gefasst auf seine Geschichte zurück und erkennt erwiesene Schuld an«, heißt es da, und weiter: »Die Verbrechen, die in jener Nacht unter der Verantwortung von Maurice Papon verübt wurden, sind unentschuldbar für die Republik.« Er hat sich aber weder entschuldigt, wie das die algerische Regierung erwartet hatte, noch hat er von einem Staatsverbrechen gesprochen, wie das Alexis Corbière von der Bewegung La France insoumise und andere linke Politiker fordern.

Weder Präsident Charles de Gaulle noch Premier Michel Debré hatten der Polizei befohlen, auf die Demonstranten zu schießen und sie zu töten, gibt der Historiker und Algerien-Experte Benjamin Stora zu bedenken. Der von Macron namentlich genannte Maurice Papon war 1961 Polizeipräfekt von Paris, und für das Vorgehen gegen die Demonstranten hatte ihm Innenminister Roger Frey »freie Hand« gelassen. Dabei musste allen Verantwortlichen klar sein, dass viele Polizisten auf Rache sannen, weil Tage zuvor fünf ihrer Kollegen bei einem Attentat ums Leben gekommen waren, für das die algerische Befreiungsbewegung FLN verantwortlich gemacht wurde. Später auf seine Rolle an diesem Tag angesprochen, erklärte Papon: »Ich würde jederzeit wieder so handeln.«

Die Menschen, die an jenem Abend auf die Straße gegangen waren, folgten einem Aufruf der FLN und wollten friedlich für die Unabhängigkeit Algeriens und gegen eine zuvor erlassene Ausgangssperre demonstrieren, die ausschließlich »Algerien-Franzosen muslimischen Glaubens« betraf. So wurden die Algerier in Frankreich offiziell bezeichnet, die man - zumeist ohne ihre Familien - zur Arbeit ins Land geholt hatte und die in slumartigen Hüttensiedlungen rund um Paris lebten.

Von dort hatten sich am Abend des 17.Oktober 1961 20 000 bis 30 000 Menschen in Richtung Zentrum in Bewegung gesetzt. Am Stadtrand wurden sie auf Höhe der Seine-Brücken von insgesamt 10 000 schwerbewaffneten Polizisten erwartet und brutal zusammengeschlagen. 14 500 wurden vorübergehend inhaftiert. Im Zuge der Ausschreitungen ertranken Demonstranten, die von Polizisten in den Fluss gestoßen worden waren. Andere starben Augenzeugenberichten zufolge durch Kopfschüsse, und die Leichen wurden ins Wasser geworfen.

Wie viele Tote und Verletzte es gab, ist bis heute nicht geklärt. Der Polizeibericht erwähnte am nächsten Tag nur drei Tote. Angesichts der Zweifel, die in der Öffentlichkeit und in den Medien laut wurden, räumten die Behörden nach einer Woche sieben Tote ein. Wie viele Leichen die Seine noch Tage und Wochen später unterhalb von Paris ans Ufer geschwemmt hat, wurde über Jahrzehnte vertuscht. Akten dazu trugen den Stempel »Geheim aus Gründen der nationalen Sicherheit« und waren Historikern lange nicht zugänglich oder sie waren später - so wie beispielsweise das Register des Pariser Leichenschauhauses - »bedauerlicherweise verloren gegangen«. Bis heute ist man in Regierungskreisen nur bereit, einige Dutzend Tote einzuräumen. Dagegen kam der Historiker Jean-Luc Enaudi, der 1991 ein gründlich recherchiertes Buch zum 17. Oktober 1961 vorlegte, auf mindestens 200 Tote und weitere 200 Vermisste.

Papon blieb bis 1967 Polizeipräfekt und wurde danach Abgeordneter und sogar Minister, doch die Vergangenheit holte ihn später noch ein. Wegen seiner Mitschuld an der Deportation von Juden nach Auschwitz 1943/44 wurde der seinerzeitige Generalsekretär der Präfektur des Vichy-Regimes in Bordeaux 1998 zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Davon musste er aus gesundheitlichen Gründen nur drei Jahre verbüßen.

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