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Neonazis als Biedermänner

Im Prozess um rechte Gewalt gegen Journalisten im thüringischen Fretterode sagten »unpolitische« Freunde der Beschuldigten aus

  • Von Joachim F. Tornau, Mühlhausen
  • Lesedauer: 3 Min.

Als »unpolitischer Schulfreund« des Angeklagten Nordulf H. war der Zeuge von der Verteidigung angekündigt worden. Der 21-Jährige sollte bestätigen, was sein rechtsradikaler Kumpel, der Sohn des NPD-Bundesvizes und Kameradschaftsführers Thorsten Heise, über den Morgen des 29. April 2018 in Fretterode erzählt hatte. Über jenen Tag also, an dem Nordulf H. und Gianluca B. Jagd auf zwei Journalisten gemacht haben sollen, die an Heises Anwesen in dem thüringischen Dörfchen fotografiert hatten.

Der Auszubildende aus Heiligenstadt sollte weiter an dem Bild malen, das die Szeneanwälte Klaus Kunze und Wolfram Nahrath seit Prozessbeginn vor dem Landgericht Mühlhausen zu zeichnen bemüht sind: dass es sich bei den Angeklagten um rechtschaffene Bürger handele. Und dass es an jenem Frühlingstag in Fretterode keineswegs irgendein Neonazitreffen gegeben habe, wie die Journalisten erfahren haben wollten, sondern nur das übliche private Wochenendleben – Fretterode, aber normal.

Und so sprach der Zeuge am Montag bereitwillig über seine Sauftour mit Nordulf H. am Vorabend des Tattags, über seine Übernachtung im Hause Heise (weil man betrunken natürlich nicht mehr Auto fahre) und seinen vormittäglichen Aufbruch. Nicht etwa wegen der anwesenden Journalisten sei er da schnurstracks zu dem nebenan wohnenden NPD-Funktionär Peter Süßbier gelaufen, der mit Gianluca B. in einer Wohngemeinschaft lebte, sondern lediglich, um nach Routenempfehlungen für den Rückweg zu fragen. Und um 13.12 Uhr, als er nach dem Zeitstempel der von den Rechercheuren gemachten Bilder noch in Fretterode gewesen sein soll, habe er schon längst zu Hause bei Mutter am Mittagstisch gesessen.

Doch je mehr es ins Detail ging, desto wortkarger wurde der Mann. Über den weiteren Fortgang des Tages, über die Auseinandersetzungen, an deren Ende einer der beiden Journalisten einen gebrochenen Schädel hatte und der andere einen Messerstich im Bein, habe er mit Nordulf H. nie gesprochen, behauptete er. »Das interessiert mich eigentlich auch gar nicht.«

Ob er die politische Einstellung seines Freundes kenne? »Ist mir nicht bekannt.« Ob er schon mal auf dem von Thorsten Heise organisierten Rechtsrockfestival »Schild und Schwert« im sächsischen Ostritz gewesen sei? »Weiß ich nicht.« Der Haken: Es gibt Fotos, die ihn sogar als Ordner auf dem Neonazi-Event zeigen.

Schlecht aussehen ließ den Zeugen aber auch ein Foto, das die Anwälte der Nebenklage bei Instagram gefunden hatten: Aus einem gemeinsamen Griechenland-Urlaub mit der gesamten Familie Heise stammt es, auch Gianluca B. ist darauf zu sehen – den der Zeuge damals jedoch trotzdem nicht gekannt haben will. Wegen Aussagen, die der 21-Jährige kürzlich als vermeintlicher Entlastungszeuge in einem Prozess gegen rechte Schläger in Göttingen gemacht hat, droht ihm bereits ein Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage. Nun könnte ein weiteres hinzukommen.

Auch der Nachbar Peter Süßbier, Beisitzer im thüringischen NPD-Landesvorstand, musste an diesem elften Verhandlungstag im Fretterode-Prozess in den Zeugenstand treten. Als er wenige Wochen nach der Tat von der Polizei befragt wurde, hatte er sich an eine Begegnung mit dem Schulfreund von Nordulf H. nicht erinnern können. Jetzt aber wusste der 48-Jährige wieder genau, dass er mit ihm über Baustellen und Umleitungen gesprochen habe. Und wie dieser behauptete er, von den Journalisten zu einer Uhrzeit fotografiert worden zu sein, die nicht den gespeicherten Bilddaten entspreche. Das soll stützen, was die Verteidigung nicht müde wird zu unterstellen: Die Fotos seien manipuliert worden.

Entgegen der ursprünglichen Planung noch nicht wieder vernommen wurde am Montag der Polizeibeamte, gegen den wegen seines Auftritts im Fretterode-Prozess interne Ermittlungen laufen: Er soll Verteidiger Nahrath auf dem Gerichtsflur gefragt haben, ob seine Aussage »in Ordnung« gewesen sei. Seine erneute Befragung hat das Gericht auf Dezember vertagt.

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