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Wenn er auftauchte, war es wichtig

Der Reporter Gerd Ruge ist tot

  • Lesedauer: 3 Min.

Der langjährige ARD-Auslandsreporter Gerd Ruge ist tot. Er starb am Freitag im Alter von 93 Jahren in München, wie der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mitteilte. Ruge berichtete viele Jahre als Korrespondent aus der Sowjetunion und den USA. Seine Berichte waren stets - wie man so sagt - nah dran am Menschen. Er gestaltete sie mit einer ziemlich vernuschelten, aber stets empathisch gehaltenen Aus- und Ansprache. Das zum Markenzeichen zu erheben, wirkt von heute aus betrachtet kurios und originell.

Der ARD-Vorsitzende und WDR-Intendant Tom Buhrow würdigte seine »profunden Analysen, präzise Interviews und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge leicht verständlich zu erklären«. Für Buhrow gehörte Gerd Ruge »zu den großen Reporterpersönlichkeiten der ersten Stunde«. Man kann es auch prosaischer formulieren, wie es Hans Hoff in der »Süddeutschen Zeitung« 2018 anlässlich seines 90. Geburtstags tat: »Lange galt: Wenn Ruge in der Glotze auftaucht, ist es wichtig.«

Gerd Ruge wurde am 9. August 1928 in Hamburg geboren. Nach dem Abitur 1946 lernte er Russisch, Englisch und Französisch und begann seine journalistische Laufbahn beim NWDR. 1950 war er dann mit 22 Jahren der erste westdeutsche Journalist nach dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien, anschließend wurde er 1956 der erste Korrespondent der ARD in Moskau. Zusammen mit Klaus Bölling, dem späteren Regierungssprecher von Helmut Schmidt, erfand er 1963 den »Weltspiegel« als neues Format für Auslandsreportagen. Wer das schaute und zusätzlich noch den »Spiegel« las, konnte allein damit in Westdeutschland schon fast ein Studium der Politikwissenschaft bestreiten.

In den 60er Jahren berichtete Ruge aus den USA und erlebte dort als Zeitzeuge die Ermordung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy 1968 in Los Angeles. Das sei seine schlimmste Reportage gewesen, sagte er später. Anfang der 70er Jahre übernahm er die Leitung des Bonner WDR-Studios. Für einige Jahre war er in den 70ern für Springers »Welt« in China tätig, danach arbeitete er wieder für die ARD, unter anderem in Moskau.Ruge liebte die russische Literatur und hatte 1957 Boris Pasternak, noch vor dessen Ablehnung des Literatur-Nobelpreises interviewt, heimlich wie er meinte, tatsächlich aber unter den Augen des KGB.

Ruges Haltung gegenüber dem Osten war von einer interessierten Sachlichkeit geprägt, die sich deutlich von der Kalten-Kriegs-Rhetorik anderer Journalisten abhob. Von den letzten Zuckungen der Sowjetunion berichtete er dann 1991 live aus Moskau, als das Militär gegen den Präsidenten Michail Gorbatschow erfolglos putschte. Im Ruhestand ab 1993 reiste Ruge weiterhin durch die zerfallene postsowjetische Gesellschaft und drehte epische TV-Reportagen, indem er vorwiegend Menschen in ihrem Alltag aufsuchte, um sich mit ihnen über ihre Probleme und Vorstellungen zu unterhalten. Ruge war ein Meister des Lapidaren, wenn er ihnen sein Mikrofon unter die Nase hielt, wie Hans Hoff in der »Süddeutschen Zeitung« betonte: »Er fragte dann, wie das Leben so ist, und gelegentlich wurde man den Eindruck nicht los, das seine Frage nur aus einem Wort bestand: ›Und?‹«

2013 sagte Ruge dem »Tagesspiegel«: »Ich versuchte da, wo ich war, zu sehen und zu erkennen, was passierte. Das wollte ich beschreiben und bewerten.« Von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde er nun als als »große Journalistenlegende« gewürdigt: »Für viele nachfolgenden Generationen von Journalistinnen und Journalisten wird er immer Vorbild und Orientierung bleiben.« nd/Agenturen

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