Werbung

Die Angst im Gerichtssaal

Prozessauftakt im Mordfall des niederländischen Investigativjournalisten Peter de Vries

  • Von Sarah Tekath, Amsterdam
  • Lesedauer: 3 Min.

Sind die Niederlande ein Narco-Staat, in dem Drogenkartelle Zeugen ermorden können und die Angst vor der organisierten Kriminalität die Menschen lähmt? Auch um diese Frage geht es im diese Woche begonnenen Prozess gegen zwei Verdächtige im Mordfall Peter R. de Vries. Der niederländische Investigativjournalist, der vor allem für seine Recherchen im Bereich organisierte Kriminalität bekannt ist, wurde Anfang Juli 2021 in der Amsterdamer Innenstadt niedergeschossen, als er das Fernsehstudio von RTL Boulevard verließ. Wenige Tage danach erlag der 64-jährige Reporter im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Der mutmaßliche Mörder, der 22-jährige Rotterdamer Delano G., schwieg bei der ersten öffentlichen Sitzung am Montag. Der aus Polen stammende Kamil E., der nach Angaben der Staatsanwaltschaft das Fluchtfahrzeug gefahren haben soll, gab vor Gericht an, von dem Mord nichts gewusst zu haben. Aufnahmen, die die Staatsanwaltschaft vorlegte, zeigen jedoch Kameraaufnahmen einer Person mit den gleichen Tattoos, die sich eine Woche zuvor am Tatort aufgehalten hatte. Die beiden Verdächtigen bleiben bis auf Weiteres in Haft. Die öffentliche Sitzung am Montag konnte im Amsterdamer Gericht wegen der großen Zuschauerzahl in vier Sälen verfolgt werden. Die nächste Anhörung wird im Dezember stattfinden, und das Hauptverfahren wird voraussichtlich im Mai oder Juni 2022 beginnen.

Untersuchungen zu den möglichen Auftraggebern laufen derzeit noch. Es wird allerdings vermutet, dass der Mord von hiesigen Drogenkartellen beauftragt wurde, gegen die de Vries bereits seit mehreren Jahren arbeitete. In einem seit 2019 laufenden Verfahren, dem sogenannten Marengo-Prozess gegen eine Drogenbande, fungierte der Kriminalreporter als Vertrauensperson des Kronzeugen Nabil B. In den vergangenen Jahren waren bereits dessen Bruder und sein erster Verteidiger Derk Wiersum ermordet worden. Wiersums Mörder wurde zu einer Gefängnisstrafe von 30 Jahren verurteilt.

Im Vorfeld des Prozessauftaktes erklärte der leitende Staatsanwalt beim Amsterdamer Gerichtshof, René de Beukelaer: »Wir gehen davon aus, dass die Anschläge nicht aufhören. Das ist der Preis dafür, dass wir so hart gegen die organisierte Kriminalität vorgehen.« Für deren Bekämpfung wurde bereits eine halbe Milliarde Euro bei der Regierung beantragt.

Trotzdem war die Angst im Gerichtssaal spürbar, schreibt Gerichtsreporter Marco Visser von der niederländischen Tageszeitung »Trouw«. Gerichtszeichner wurden angehalten, keine Darstellungen von der Staatsanwaltschaft anzufertigen. Zeugen, Experten, Polizisten sowie Mitarbeiter des niederländischen forensischen Instituts wurden in den Protokollen anonymisiert und Medien werden darum gebeten, keine Namen zu nennen.

»Es ist nicht die Angst vor den Männern im Saal, sondern vor dem dahintersteckenden abwesenden Auftraggeber. Sein Name wurde während der Sitzung nicht ein einziges Mal genannt, war aber in jedermanns Kopf«, so Visser. »Dieser Prozess ist von großem internationalen Interesse«, erklärte Peter Schouten, Anwalt des Kronzeugen Nabil B. gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender NOS, »denn Europa fängt an, die Niederlande als einen Narco-Staat zu sehen, in dem die Dinge außer Kontrolle geraten sind.«

Während der Sitzung waren die Ex-Frau und die Kinder sowie die Partnerin von Peter R. de Vries im Gerichtssaal anwesend. Der Bruder des ermordeten Journalisten, Wouter de Vries, der es ablehnte, im Gericht anwesend zu sein, äußerte sich am Vorabend der Sitzung im niederländischen Fernsehen: »Diese beiden Männer sind mir kein einziges Wort wert. Ich will auch nichts von ihnen hören. Dadurch bekomme ich Peter auch nicht zurück.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung