Werbung

»Wir können uns nicht einfach vor das Parlament setzen«

Vanessa Nakate über Klimaproteste in Uganda, ihre Reise zum Klimagipfel in Glasgow und ihre Erwartungen an die Menschen im Globalen Norden

Frau Nakate, Sie reisen gerade in Europa und nehmen an Klimaprotesten teil. Fühlen Sie sich als Aktivistin aus Afrika ernst genommen?

Mehr als früher. Als die Nachrichtenagentur Associated Press mich 2020 beim Weltwirtschaftsforum in Davos aus einem Foto herausgeschnitten hatte und nur meine europäischen Kolleginnen zeigte, war ich wütend und frustriert. Mit mir wurde ein ganzer Kontinent getilgt. Inzwischen kenne ich viele Aktivist*innen aus anderen Ländern. Wir sind wie eine Familie. Nachdem das Verhalten von AP international bekannt wurde, haben sich viele mit mir solidarisiert. Die Lage hat sich gebessert, aber gut ist sie noch lange nicht.

Inwiefern?

Die Folgen des Klimawandels treffen die Menschen im Globalen Süden viel härter als anderswo. Aber ausgerechnet wir aus den Regionen, wo der Klimawandel Existenzen zerstört, haben wenig Gelegenheit, uns Gehör zu verschaffen.

Sie selbst sind aber international eine gefragte Rednerin. Werden Sie zum Klimagipfel der Vereinten Nationen in Glasgow fahren?

Ja, aber nicht als Referentin. Ich habe Glück, weil meine Reise von den Organisatoren des Klima-Jugendgipfels in Mailand und von den Verlagen bezahlt wird, in denen mein erstes Buch erscheint. Ich kenne aber viele Aktivist*innen aus dem Globalen Süden, die auch gerne nach Glasgow gekommen wären, aber nicht können.

Weil sie die Reise nicht bezahlen können?

Die mangelnde Finanzierung ist nur ein Problem von mehreren. Es ist oft schwierig für Menschen aus Afrika, ein Visum oder eine Akkreditierung für die Konferenz zu bekommen. Seit der Covid-Pandemie sind die Hürden für das Reisen noch höher gelegt. Für Geimpfte ist es zwar leichter. Aber in vielen Ländern Afrikas und anderswo im Globalen Süden gibt es nicht genügend Impfstoff. Die Verteilung der Impfdosen zwischen armen und reichen Ländern ist höchst ungerecht. Ich halte es für ein großes Problem, dass bei der UN-Klimakonferenz ausgerechnet diejenigen fehlen, die jetzt schon, nicht erst in der Zukunft, besonders stark unter unregelmäßigen Regenfällen, Dürren, Hochwasser, Stürmen und daraus resultierenden Hungersnöten leiden.

Sie haben sich Fridays for Future angeschlossen und sind mit Greta Thunberg befreundet. Aber Sie organisieren Klima-Proteste in Uganda anders. Weshalb?

Wir können in Uganda und vermutlich in vielen anderen afrikanischen Ländern die Jugendlichen nicht aufrufen, die Schule oder Universität zu schwänzen, um für die Klimarettung zu demonstrieren. Die Schüler*innen und Studierenden würden riskieren, hinausgeworfen zu werden und keinen Abschluss machen zu können. Die meisten Jugendlichen und Kinder sind froh und dankbar, wenn die Eltern unter großen Anstrengungen das Geld aufbringen, um die Gebühren für Schule und Universität zu bezahlen. Bildung ist bei uns nicht gratis, sondern ein teures, kostbares Gut.

Wie sieht der Protest in Uganda dann aus?

Anfangs habe ich allein mit meinen Plakaten an einer Kreuzung gestanden. Ich wollte, dass die Leute aufmerksam werden, dass die Naturkatastrophen in unserem Land von uns Menschen gemacht sind. Mit der Zeit haben sich Freund*innen und andere Menschen angeschlossen. Ich gehe auch in Schulen und kläre die Kinder und Jugendlichen zum Beispiel darüber auf, dass das Fällen von Bäumen, um Feuerholz zu machen, das Klima schädigt und Naturkatastrophen auslöst. Mit finanzieller Hilfe aus dem Ausland installieren mein Team und ich Solaranlagen auf Schuldächern und verteilen Kochherde, die im Vergleich zu herkömmlichen Herden nur die Hälfte des Feuerholzes verbrauchen.

Sie haben auch eine Kampagne für den Erhalt des Tropenwaldes im Kongobecken initiiert. Die Naturschutzbemühungen lösen dort tödliche Konflikte aus. Wächter erschießen Bauern, die im Nationalpark Holz und Nahrung suchen, und Bauern ermorden Wächter. Wie ist dieser Konflikt zu lösen?

Nicht die Bevölkerung und ihr berechtigtes Interesse, sich zu ernähren, sind das Problem, sondern die Regierungen und die Konzerne. Sie lassen es zu, dass in großem Stil und teilweise illegal Bäume gefällt werden, um das Holz auf dem internationalen Markt zu verkaufen oder um Platz zu schaffen für Plantagen. Die indigene Bevölkerung weiß seit Jahrhunderten, wie man den Wald schützt. Ihre Vertreter*innen müssen einbezogen werden, wenn die Regierungen Naturschutzprojekte ausarbeiten.

Erfahren Sie als Aktivistin auch Gewalt?

In vielen Ländern des Globalen Südens ist die Lage anders als in Europa oder Nordamerika. Unsere Mitstreiter*innen aus dem Norden verstehen allmählich, dass wir uns nicht einfach vor das Parlament setzen und die Politiker*innen auffordern können, etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Manche von uns werden vertrieben, verprügelt, verhaftet, einige sogar ermordet. Als ich vor dem Parlament in Kampala demonstriert habe, musste ich zuvor den wachhabenden Polizisten erklären, weshalb ich das tue, und sie überzeugen, mich gewähren zu lassen.

Sie sind öfter in Europa und Nordamerika, um dort mit Aktivist*innen für Klimagerechtigkeit zu demonstrieren. Sind jemals Aktivist*innen aus dem Norden nach Uganda gekommen, um mit Ihnen zu protestieren?

Nein, bisher leider noch nicht. Es wäre gut, wenn sie kämen, und sich ein eigenes Bild von der Situation bei uns machen würden. Ich erwarte generell von den Menschen im Globalen Norden, dass sie uns für uns selbst sprechen lassen, uns zuhören und unsere Anliegen ernst nehmen. Es brauchen nicht dauernd andere für uns reden.

Ist es etwas Besonderes, wenn sich eine junge Frau als Aktivistin engagiert?

In Uganda gibt es Frauen in Führungspositionen. Einige sitzen sogar im Parlament. Aber die allgemeine Erwartung ist immer noch, dass eine Frau zunächst einmal heiraten sollte. Auf meinem Examensfest haben die Leute gesagt, dass das nächste große Fest wohl meine Hochzeit sei. Aktivistinnen laufen Gefahr, beleidigt, angepöbelt oder ins Lächerliche gezogen zu werden, weil sie öffentlich Forderungen stellen. Manche haben mich als Prostituierte verunglimpft, weil ich mit meinen Plakaten an einer Straßenecke stand. Andere haben sich darüber mokiert, was ich mir eigentlich einbilde, als Frau in aller Öffentlichkeit zur Weltpolitik Stellung zu nehmen. Wieder andere haben gesagt, ich wolle nur Aufmerksamkeit erregen, um nach der Universität einen der wenigen Jobs in Uganda zu bekommen.

In Ihrem Buch »Unser Haus steht längst in Flammen« schreiben Sie, Frauen seien die ersten Opfer des Klimawandels. Weshalb ist das so? Können Sie Beispiele nennen?

Es sind bei uns oft die Frauen, die die harte Arbeit auf den Feldern verrichten. Wenn Dürre oder Flut die gesamte Existenz vernichten, müssen die Frauen mühsam wieder von vorn beginnen. Außerdem nehmen in jeder Notlage, ob Naturkatastrophe oder Covid-Pandemie, häusliche und sexuelle Gewalt zu. Männer erpressen die Frauen oder Mädchen und geben gegen Sex ein bisschen Essen oder reduzieren die Miete. Wenn die Mädchen schwanger werden, gehen sie nicht mehr zurück in die Schule. Wenn die Not zunimmt, sind sowieso die Mädchen die ersten, die auf Bildung verzichten müssen.

Kulturelle Gepflogenheiten können hinderlich sein. In meiner Gemeinschaft etwa dürfen Mädchen nicht auf Bäume klettern. Wenn aber die Flut kommt, kann man sich vielleicht auf einen Baum retten und auf Hilfe warten. Wer das zuvor nie gemacht hat, schafft es nicht oder ist zu langsam. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie ich auf einen Baum kommen sollte.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung