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Frühe Klimawanderer

Auf den Spuren der menschlichen Entwicklung in der Kalahari

  • Von Michael Lenz
  • Lesedauer: 5 Min.

»Mein Vater war ein Wandersmann« heißt es in einem alten deutschen Volkslied aus der Hochzeit der deutschen Romantik mit ihrer Verliebtheit in den Wald als mythisch-mystischem Ort. Florenz Friedrich Sigismund hatte 1847 allerdings vermutlich nicht im Sinn, eine Hymne auf die Millionen Jahre währende Wanderschaft unserer Urväter und Urmütter zu verfassen, die einstmals aus Afrika in den Rest der Welt migrierten. Die Theorie der Paläoanthropologie, der zufolge Afrika die »Wiege der Menschheit« ist, hatte Charles Darwin erst 1871 in seinem Werk »Die Abstammung des Menschen« populär gemacht.

Viel ist seitdem zur Entwicklung des Menschen und seiner globalen Verbreitung geforscht und publiziert worden. In das Forscherinteresse rückt heutzutage die Frage, welche Rolle der Klimawandel in der Erdgeschichte bei der Wanderlust der diversen Homo-Gattungen spielte.

Um einen weiteren Puzzlestein bei der Beantwortung dieser Frage zu finden, setzt Michaela Ecker vom Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in der Kalahari - einer wegen ihres vielen Sandes oft auch als Wüste bezeichneten Trockensavanne im Süden Afrikas - nicht nur auf modernste Technik. Die Wissenschaftlerin zieht die Wanderschuhe an, um in der zu Botswana, Namibia und Südafrika gehörenden Region Spuren des Homo erectus zu finden, der dort zwischen 700 000 und 400 000 vor unserer Zeit als Jäger und Sammler lebte. »Für eine erste Übersicht werden mein Team und ich für ein paar Wochen zu Fuß durch die Kalahari streifen und mit GPS und Fotos vielversprechende archäologische Stellen kartieren und durch Probebohrungen untersuchen«, sagt Ecker dem »nd«.

Aus den Bohrkernen mit Sedimenten können Ecker und ihre Kollegen genaue Erkenntnisse über die klimatischen Bedingungen jener Epoche ablesen und daraus ableiten, ob und wie weit die Kalahari zur jeweiligen Zeit eine Lebensgrundlage für Menschen bot. Die Basis der Arbeit der Wandersfrau bilden Forschungsarbeiten und Funde aus den letzten zehn Jahren. »Die Vorarbeit ist Kollegen aus Botswana zu verdanken, deren Forschung aber nicht koordiniert verlief und auch noch nicht publiziert wurde«, sagt Ecker.

In der erd- menschheitsgeschichtlichen Periode im Fokus von Ecker herrschten extreme Klimaverhältnisse. Eiszeitzyklen und Warmzeiten folgten häufig aufeinander. Das war auch die Ära des späten Homo erectus und des Beginns des Übergangs zum Homo sapiens. »Nach allem, was wir dank der Isotopenuntersuchungen schon wissen, gab es damals in der Kalahari mehr Wasser als heute. Es gab mehr Regen, entweder das ganze Jahr über oder übers Jahr verteilt«, sagt Ecker. In der Folge seien Flüsse und Seen entstanden, die wiederum Tiere und Pflanzen aller Art angelockt und Menschen eine Lebensgrundlage geboten hätten. »Deshalb konzentrieren wir unsere Forschung auf verlandete Seen und Flussläufe«, erklärt Ecker. In enger Zusammenarbeit mit Archäologen aus Botswana und Südafrika sowie mit Experten aus den USA und Großbritannien wolle man die Veränderungen in der Pflanzenwelt und der Saisonalität des Niederschlags, die zu der heute sehr trockenen Umwelt geführt haben, untersuchen. »Das Ergebnis dieses Projektes fördert unser Wissen über Mensch-Umwelt-Anpassungen in Zeiten schweren Klimawandels«, sagt Ecker.

Aus ihrer Forschung in Südafrika kann Ecker anhand der Menge von Faustkeilen schon Schlussfolgerungen über den Wandel von Verhalten und Kultur der Frühmenschen ziehen. »Bis vor 400 000 Jahren haben wir riesige Mengen von Faustkeilen gefunden. Danach wurden es sehr viel weniger. Das lässt vermuten, dass die Menschen entweder mobiler wurden oder aber die Gruppen kleiner«, sagt Ecker. Zugleich habe in der Zeit danach ein Technologiewandel durch das Aufkommen von Speeren als erste Distanzwaffe begonnen. Über die Kalahari weiß Ecker zumindest, dass sie auch in den sehr trockenen Phasen nicht vollständig verlassen wurde.

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Der klimabedingten Wanderlust der Frühmenschen widmen sich auch Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Sie konzentrieren sich zeitlich auf die Ära nach 400 000 vor jetzt und regional auf die arabische Halbinsel. Diese war nicht immer die Wüste unserer Tage, sondern erlebte klimawandelbedingt immer wieder Zigtausende Jahre währende grüne Perioden, die Tiere und Menschen aus Afrika anzogen.

Bei Ausgrabungen in der Nefud-Wüste förderten die Forscher um Michael Petraglia und Huw Groucutt in den Sedimenten ehemaliger Seen Steinwerkzeuge und Tierfossilien zutage und konnten mithilfe der Lumineszenzmethode das Alter der Funde bestimmen. »Diese Funde, einschließlich der ältesten datierten Besiedelung in Arabien durch Hominiden, zeigen mindestens fünf Hominiden-Expansionen in das arabische Landesinnere, die mit kurzen ›grünen‹ Fenstern mit reduzierter Trockenheit vor etwa 400 000, 300 000, 200 000, 130 000 bis 75 000 und 55 000 Jahren zusammenfielen«, schreiben die Forscher in ihrer kürzlich im Fachblatt »Nature« veröffentlichten Studie.

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Die Funde aus den verschiedenen Zeitperioden lassen die Forscher zudem vermuten, dass sich während der grünen Perioden nicht nur Migranten aus Afrika auf der arabischen Halbinsel tummelten, sondern auch Rückkehrer, deren Vorfahren es in früheren Zeiten schon weiter in die Welt geschafft hatten. Es könnte also auch zu einer Vermischung verschiedener Menschenlinien wie Neandertalern und Homo erectus gekommen sein.

Offizieller Projektstart des Projekts von Michaela Ecker war der 1. Juni 2021. Ob es mit der für Januar 2022 geplanten ersten archäologischen Forschungswanderung vor Ort in der Kalahari klappt, ist noch offen. Das hängt, wie alle Reiseplanungen in diesen Tagen, von der aktuellen Corona-Lage ab.

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