Früh gereift

Nala Sinephro hat mit »Space 1.8« ein überraschendes Debütalbum vorgelegt

  • Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Erste Verbindungen von Jazz und Flächenmusik gab es schon, bevor »Ambient« als Begriff für die Musik von tiefenentspannten Knöpfchendreherinnen und -drehern etabliert worden war. Auf seinem 35. Studioalbum »In A Silent Way« verbreitete Miles Davis’ Band 1969 eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens und des Einsseins mit der Welt. Eine Platte, die außerdem erste Impulse Richtung des spirituellen Jazz hören ließ, ohne dessen Exzessivität vorwegzunehmen. In den späten 70er Jahren begann der kürzlich verstorbene Trompeter Jon Hassell, die Klänge seines Instruments elektronisch zu verfremden. Die Musik, die heute Ambient heißt, steht, vermittelt auch durch die späteren Kollaborationen Hassells mit Brian Eno, mit einem Bein im Jazz. Und zuletzt hat einer der Urväter der Tradition des kosmischen Jazz, Pharoah Sanders, auf einem gemeinsam mit Floating Points eingespielten Album Saxofon und Elektronik verbunden.

Man kann die Jazz-Ambient-Vermischungen als Gebrauchsmusik hören, zur Entspannung. Dementsprechend schnell kippt sie auch mal in Kitsch und Gefälligkeit (das hochgelobte Sanders-/Floating-Points-Album zum Beispiel klingt, mit ein paar Monaten Abstand zum Hype wieder gehört, schon sehr wachsweich). Der in London lebenden Harfenistin Nala Sinephro gelingt es auf ihrem Debüt »Space 1.8« über weite Strecken Spannung aufzubauen und sie auch zu halten. Die acht Stücke sind schlicht durchnummeriert. Die Grundlagen bilden einfache Harfenmelodien und -improvisationen, die eingebettet sind in sanfte Electronica. Immer wieder tauchen Saxofon, Klavier und Schlagzeug auf und verschwinden wieder.

»Space 1« und »Space 2« führen sozusagen die Instrumente vor. Das Album beginnt mit einem sanften Harfen-Elektronik-Duo, während der zweite Track den anderen Pol der Mischung, die Jazz-Ballade, vorstellt. »Space 3« zieht kurz das Tempo an, bleibt aber eine Skizze, »Space 4« ist für die Saxofonistin Nubya Garcia geschrieben, die hier in drei Minuten eines ihrer schönsten Soli bislang spielt. »Space 5« und »7« packen alles in Watte. Nur auf »Space 6« wird es einem kurz wild, die Instrumente scheren aus und alles deutet darauf hin, dass ein paar Dissonanzen mehr und schräg Verkantetes diese Musik vielleicht schon auch bereichert hätten.

Das abschließende »Space 8« ist das Kernstück des Albums: ein fast zwanzigminütiges Klangbad, in dem elektronisch bearbeitete Harfenklänge, Synthesizer und Gitarre von Sinephros Band so gespielt werden, dass sie irgendwann klingen wie ein einziges Instrument, gespielt von einem einzigen Körper.

Es ist erstaunlich, wie organisch »Space 1.8« klingt, obwohl die einzelnen Stücke sehr unterschiedlich sind - alles wie aus einem Guss. Man kann sie auch wie ein einziges hören. Und die Wärme, Ruhe und die Homogenität, die von Sinephros Kompositionen ausgehen, lassen »Space 1.8« eher wie ein lang gereiftes Spätwerk erscheinen und nicht wie ein erstes Album.

Sehr schön auch, nicht zuletzt, dass diese Musik nicht auf einem Jazz-Nischenlabel erscheint, sondern auf Warp Records, und damit ihren Teil dazu beitragen wird, das Genre weiter von der Unterstellung zu befreien, es betreibe vor allem Traditionspflege.

Nala Sinephro: »Space 1.8« (Warp/Rough Trade)

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