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Joshua Kimmich spielt auf Zeit

Die Impfskepsis des Münchners überstrahlt das 4:0 des FC Bayern gegen 1899 Hoffenheim

  • Von Christian Kunz, Wolfgang Müller und Simone Humml, München
  • Lesedauer: 4 Min.
Joshua Kimmich von München steht nach dem Spiel auf dem Platz
Joshua Kimmich von München steht nach dem Spiel auf dem Platz

Joshua Kimmich vom FC Bayern hat mit seinen Aussagen zum Impfverzicht Unverständnis und Kritik hervorgerufen. Angesichts wieder stark steigender Coronavirus-Infektionszahlen und einer gesellschaftlichen Vorbildfunktion des Nationalspielers hat sich die Debatte über den Fußball und den Sport hinaus ausgeweitet. »Es ist nicht gut, dass er nicht geimpft ist. Wenn er sagt, er wartet ab, dann ist das schwierig«, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Sonntag. »Als Vorbild, aber auch als Fakt wäre es besser, er wäre geimpft«, meinte Münchens langjähriger Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Kimmich hatte nach dem 4:0 in der Bundesliga am Sonnabend gegen 1899 Hoffenheim eingeräumt, bislang nicht gegen Covid-19 geimpft zu sein. Er habe »persönlich noch ein paar Bedenken, gerade, was fehlende Langzeitstudien angeht«, sagte der 26-Jährige. Er lehne es nicht kategorisch ab. Es sei »auch sehr gut möglich, dass ich mich in Zukunft impfen lasse«, betonte Kimmich. Doch die Debatte war längst entfacht. Er selbst findet es dabei schade, dass es bei der Thematik »nur noch geimpft oder nicht geimpft«. »Und nicht geimpft bedeutet dann oftmals gleich, dass man Corona-Leugner oder Impfgegner ist. Aber ich glaube, es gibt auch ein paar andere Menschen zu Hause, die einfach ein paar Bedenken haben, was auch immer die für Gründe haben. Und ich finde, auch das sollte man respektieren, vor allem, so lange man sich an die Maßnahmen hält«, erläuterte er.

Missverständnis um Langzeitwirkung

Von einem »Missverständnis, das sich bei vielen Menschen hartnäckig hält«, sprach Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. »Was man bei Impfungen unter Langzeitfolgen versteht, sind Nebenwirkungen, die zwar innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auftreten, die aber so selten sind, dass es manchmal Jahre braucht, bis man sie mit der Impfung in Zusammenhang gebracht hat«, sagte Watzl. Nebenwirkungen einer Impfung träten immer innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auf. »Danach ist die Immunreaktion abgeschlossen und der Impfstoff ist aus dem Körper verschwunden. Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19 Impfung nicht auftreten«, erläuterte er.

Öffentlich sorgt der Impfverzicht Kimmichs nicht nur im Lichte der von ihm und seinem Nationalmannschafts- und Bayern-Kollegen Leon Goretzka ins Leben gerufenen Aktion »We Kick Corona«, mit der sie Spenden für soziale Einrichtungen sammeln, für Erstaunen. Auch die Tatsache, dass Zuschauer nur unter strengen Auflagen in die Stadien dürfen, dass die Bayern ihren Spielern eine Impfung empfehlen oder dass in anderen Sportarten wie der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA ungeimpfte Sportler teilweise nicht am Trainings- und Spielbetrieb teilnehmen dürfen, befeuert die Debatte. Und warum sind in manchen Stadien Zuschauer nur nach dem 2G-Konzept zugelassen - auf dem Rasen aber darf ein ungeimpfter Profi spielen? Das Konzept der Deutschen Fußball-Liga für die Klubs und ihre Angestellten ist ein Arbeitsschutzkonzept und mit der Berufsgenossenschaft abgestimmt. Dieses Hygienekonzept ist unabhängig von dem für die Zuschauer. Dies liegt in der Verantwortung der Klubs in Zusammenarbeit mit den Behörden.

Hoffen auf Symbolwirkung

Zuletzt wuchsen mit der Zunahme der Infektionszahlen auch wieder Sorgen vor einer Überlastung des Gesundheitssystems. Die Corona-Inzidenz in Deutschland ist erstmals seit Mai wieder dreistellig. Das Robert Koch-Institut gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche am Sonntag mit 106,3 an, vor einer Woche lag der Wert noch bei 72,7. Die Gesundheitsämter meldeten binnen eines Tages 13 732 Corona-Neuinfektionen - rund 5000 mehr als eine Woche zuvor.

Politiker und Experten hatten zuletzt wiederholt an unschlüssige Bürgerinnen und Bürger appelliert, sich impfen zu lassen. Im Fall von Kimmich hofft unter anderem Lauterbach auf eine positive Wirkung. »Am besten wäre es, wenn die Impfung noch käme und dass man jetzt keinen großen Druck aufbaut«, sagte er. »Es ist Joshua Kimmichs eigene Entscheidung. Aber es wäre sehr wertvoll - davon geht eine enorme Symbolwirkung aus.«dpa/nd

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