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Mehr Cringe für alle

Ein Kommentar zum Jugendwort des Jahres 2021

  • Von Corinna Meisenbach
  • Lesedauer: 2 Min.
Es wird sich ironisch gekleidet, positioniert und gut gefunden, um nicht in die Cringe-Falle zu tappen.
Hier Influencer Joely White beim hessischen Film- und Kinopreis 2021.
Es wird sich ironisch gekleidet, positioniert und gut gefunden, um nicht in die Cringe-Falle zu tappen. Hier Influencer Joely White beim hessischen Film- und Kinopreis 2021.

»Cringe« wurde nach einer Abstimmung unter 1,2 Millionen Jugendlichen als Jugendwort des Jahres 2021 gewählt. Cringe beschreibt das süßlich-schmerzliche Gefühl, das von der Magengegend durch den ganzen Körper kriecht, wenn andere etwas tun, was in einem Peinlichkeit auslöst. Fremdscham also. Dabei wird Cringe vor allem von Menschen hervorgerufen, die etwas richtig ernst meinen. Die wichtigste Zutat dabei: Ein Hauch zu viel Anstrengung, Leidenschaft und Ergriffensein. Kommt nun eine Spur missglückter Umsetzung hinzu, ist der Cringe perfekt.

Dieses Wort hat vor allem Auswirkungen auf Menschen, die es benutzen: Der Spagat des neoliberalen Individuums, gleichzeitig anders und individuell wirken zu wollen und nicht selbst cringe zu werden, ist ein anstrengendes Unterfangen. Aufgelöst wird dieser innere Konflikt durch ironische Distanz zu allem: Nicht-Authentizität als Selbstverteidigung. Es wird sich ironisch gekleidet, positioniert und gut gefunden, um nicht in die Cringe-Falle zu tappen. Dabei ist es doch so: Wenn es jemals eine richtige Zeit im Leben gab, um wirklich cringe zu sein, ohne dafür sanktioniert zu werden, dann ist es die Jugend. Hoffen wir also, dass nächstes Jahr ein Wort gewählt wird, dass im positiven Sinne für die Äußerung authentischer Gedanken und Emotionen steht - auch wenn sie zehn Jahre später Scham in uns auslösen sollten.

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