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Rathenower Spatzen, Rotterdamer Hooligans

Über Vorzüge des Viertligafußballs und europäische Abgründe

  • Von Frank Willmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Drei Tore feierte Jena im beschaulichen Rathenower Stadion im Landbushäuschen-Stil
Drei Tore feierte Jena im beschaulichen Rathenower Stadion im Landbushäuschen-Stil

Ich habe es gut, ich habe Glück. Weil ich Fan eines abgehalfterten Vereins namens FC Carl Zeiss Jena bin, kann ich mir am Wochenende in Rathenow die Zeit um die Ohren schlagen. Und ich muss beispielsweise nicht, wie einige meiner Bekannten, mit tausend anderen Menschen durch Europa nach Rotterdam fahren. Um dort Bier zu trinken, meine Farben beim Marsch durch die Stadt zu zeigen, Fußball im Stadion zu gucken.

Rathenow ist ungefährlich. Dort trifft man höchstens ein paar freche Spatzen, die auf dem Weg ins Stadion über die triste sportliche Wirklichkeit meines Vereins spotten. Rotterdam hingegen ist gefährlich. Das wissen alle, die sich mit Feyenoord und Fankultur beschäftigen: freilaufende Hunde, ungemütliche Polizisten und Ordner, bitterböse Hooligans. Wer kennt nicht deren markerschütternden Wechselgesang: Rotterdam – Hooligans.

Neuerdings europäisch reisende Unioner sind meist grundsolide Leute, die ihren Ritter Keule lieben und es nicht verstehen können, dass man ihren (ganz besonderen) Verein (tolle Fans, toller Präsident, tolle Vereinsgeschichte, tolle Botschaft an die Welt) nicht auch in Rotterdam liebt.

Vorwitzige Gestalten könnten nun den Zweiten Weltkrieg ins Spiel bringen. Oder deutsch-holländische Animositäten, die zwischen Nachbarn hin und wieder zu blutigen Nasen führen. Oder die vermaledeite Rotterdamigkeit der Herren und Damen des Knüppels.

1970 war schon einmal eine Mannschaft aus dem Berliner Osten zum Europapokal in Rotterdam. Das heute fast vergessene Vorwärts Berlin verlor vor 68 000 Zuschauern mit 0:2 und schied nach dem 1:0 Heimsieg aus. Eine Vorwärts-Delegation um Otto Frässdorf und Jürgen Nöldner eroberte seinerzeit die Herzen der Rotterdamer, weil sie einen Kranz an einem Denkmal niederlegten, das an die Opfer der deutschen Luftangriffe erinnert, bei denen im 2. Weltkrieg die Innenstadt niedergebombt wurde und viele Menschen starben. Coole Sache, Kranz niederlegen, muss man erst mal drauf kommen. Fans waren übrigens 1970 aus Berlin keine vor Ort, es war eine andere Zeit, mit anderen politischen Regeln.

In Rathenow pflückte ich Blumen der Liebe auf Ewigkeit und beobachtete wohlwollend die Aktivitäten meines neu eingestellten Trainers, der im Gegensatz zum vorherigen durchaus in der Lage scheint, auf Problemfälle in der Mannschaft zu reagieren. Er wechselte klug – und ein, zwei, drei Tore fielen für Jena. Für Rathenow nur eins. Die etwa 100 mitgereisten Fans jubelten kurz. Die ersten dachten schon darüber nach, wie sie in einem öden Nest wie Rathenow an einem Sonnabend um 15 Uhr noch an ein Bier kommen könnten. Bahnhöfe in kleinen deutschen Orten sind Todeszonen. Herzi-lein, hier darfst du traurig sein!

Schlaufüchse, ihr habt längst begriffen, worum es geht? Liebe kennt keine Liga, mir ist es (relativ) schnuppe, wo mein Klub spielt. Die Unioner durften bestimmt nicht im Doppelstockzug sitzen und mit dem Brandenburg-Ticket in jedem Storchdorf halten. Mitunter erblickt man liebenswürdige Rehe, pfiffige Füchse und unbedarfte Schafe. In Holland sind auch sehr viele Schafe unterwegs, irgendwer muss schließlich den ganzen Tante-Antje-Käse herstellen.

Im Gegensatz zu Rotterdam besitzt Rathenow kein geschlossenes Riesenstadion. Die örtliche Fußballarena ist eine Ansammlung von flachen, einem Landbushäuschen nicht unähnlichen Gebäuden, die uns Nahreisenden im Regenfall Schutz geboten hätten. In Rathenow wehte ein fieser Wind, doch wir trugen die Sonne im Herzen. Oder war es die Erinnerung an Schöneres als die Regionalliga Nordost, die uns half, melancholisch an einem wurstähnlichen Gebilde zu lutschen?

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