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Es gibt nichts Neues - nur Sherlock Holmes

Gigantische Gliederung der Gedanken: »Im Kopf von Sherlock Holmes« ist ein spektakulärer Comic von Cyril Liéron und Benoit Dahan

  • Von Hagen Bonn
  • Lesedauer: 4 Min.
Das schlimmste Verbrechen für Holmes ist die Langweile
Das schlimmste Verbrechen für Holmes ist die Langweile

Es ist an der Zeit, auch in dieser Zeitung eine schöne Verschwörungstheorie zu verbreiten. Ach was, lassen wir die Verschwörung weg! Es lebe die Theorie. Warum dürfen so etwas nur bürgerliche Blätter praktizieren? »Auslandseinsätze der Bundeswehr - lieber weniger, dafür besser« (»Zeit«), »Der Sozialstaat wird zum Zukunftsrisiko« (»Handelsblatt«) oder »Vor 1989 hatte ich ja keine Identität. Es war ja alles vorgeplant« (»Welt«).

Ich halte heute mit Sherlock Holmes dagegen: Er ist keine Theorie, er ist ein Mann der Praxis. UND ER HAT WIRKLICH GELEBT! Denn wir kennen alle seine Adresse: Herr Sherlock Holmes lebte in der Baker Street 221 b, in London. Er war genau 1,83 Meter groß und ja, auch große Menschen haben kleine Schwächen, er konsumierte bei mangelnder intellektueller Beschäftigung Kokain und Morphium. Beides war damals übrigens legal.

Das »Strand Magazine« veröffentlichte ab 1891 einige seiner Kriminalfälle in Serie. Angeblich soll ein gewisser Arthur Conan Doyle (1859-1930) das Zeug geschrieben haben, aber die Fans wussten es damals schon besser. Die waren auch gar nicht erfreut, als Sherlock Holmes 1893 in seinem Bericht »Das letzte Problem« starb. Das Magazin verlor prompt 20 000 Abonnements, und viele Londoner liefen mit schwarzer Trauerbinde um dem Arm durch die Straßen. Wer glaubt denn da noch, dass der weltberühmte Detektiv eine bloße Romanfigur sei? Der Holmes-Forscher William S. Baring-Gould (1913-1967) stellte dann auch in seiner Biografie »Sherlock Holmes of Baker Street« (1962) klar, was Sache ist: Man darf diesen Meisterdetektiv niemals unterschätzen. Sein Wirken reicht bis in die Gegenwart, wovon die BBC-Serie »Sherlock« (2010- 2017) Zeugnis ablegt.

Die historische Aufarbeitung und weitere Erforschung dieses Genies geht natürlich weiter. Schuld daran ist aktuell Benoit Dahan, er lebt in Paris und ist Autor und Zeichner, unter anderem für die Tageszeitungen »Le Monde« und »Libération«; einen »Superman«-Comic aus den USA hat er auch schon übersetzt. Nun hockte er mit dem Autor Cyril Liéron zusammen und entwickelte einen Comic, der uns exemplarisch zeigen soll, wie es »Im Kopf von Sherlock Holmes«, so der Titel, zugeht.

Keine Ahnung, was für Substanzen die beiden Künstler eingenommen haben, um dieses bildgewaltige Feuerwerk zu zünden. Aber für mich steht fest: Sie müssen definitiv Originalquellen eingesehen haben. Denn: Wer will eigentlich die Vermutung widerlegen, dass der übernatürlich begabte Sherlock Holmes nicht noch am Leben sein könnte?!

Die diesem Comic zugrunde liegende Geschichte ist ein typisches Holmes-Watson-Abenteuer, aber Dahan und Liéron nehmen ihren Buchtitel sehr ernst, wenn sie die Gedanken des Helden erst sezieren, dann sich da durchlavieren, dabei zwischendurch brillieren und am Ende dialektisch kombinieren. Ein sprichwörtlich roter Faden zieht sich real, also bildnerisch dargestellt, durch die edle Szenerie der klassisch französisch gehaltenen Panelgestaltung. Deren Gliederung (Anordnung der Einzelbilder zueinander) bildet neben der erzählten Geschichte und der gemalten Umsetzung eine dritte, eigene Ebene ab, eine weitere Erzählung und große Comic-Kunst zu nennen.

Man kann sich einfach nicht sattsehen, teilweise weiß man nicht, wo ein Bild, wo ein Text, wo ein Silhouetten-Aufriss anfängt oder loslegt und wo das Ganze endet, aufhört oder abschließt. Und immer wieder sehen wir Holmes’ Kopf. Und zwar von innen: Die gigantische Gliederung seiner Gedankengänge, die Schubladen, Türen, Treppen; eine Bibliothek aus Forensik, Kriminalistik, Stadtplänen und gesammelten Spuren, deren einzelne Elemente stets die Grundsuppe der Lösung bereithalten und die uns Krimi-Amateure immer das sein lassen, was wir sind: elende Dummköpfe, zumindest im Vergleich mit dem Meisterdetektiv.

Die Lektüre von »Im Kopf von Sherlock Holmes« ist wie das Betreten einer unentdeckten Insel. Die Begabung des uns bekannten Helden lässt ihn nah an die historisch sich erst später entwickelnden Superhelden rücken. Damit ist der Detektiv ganz Sohn seiner Zeit, einer Zeit, die durch die Allmacht der Maschine, die Allmacht des Geldes und die Allmacht des Empires eine Ideologie des Übermenschlichen gleich mitlieferte. Was damals möglich schien, wurde am nächsten Tag in Angriff genommen. Was man gewinnen wollte, war allein schon durch die Idee erobert und zum Untertan verjocht. Charles Duell, Patent-Kommissar im US-Patentamt, meinte 1899: »Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, ist schon erfunden worden.«

Sherlock Holmes wäre demnach ein Adoptivkind des Imperialismus? Sei’s drum. Und: Realer kann eine Person wohl nicht sein, besonders wenn ihre Ausstrahlung sich so deutlich zur materiellen Gewalt aufschwingt, dass sie bis heute die Massen begeistert. Und ja, ich bin auch begeistert - von diesem Comic.

Cyril Liéron (Autor), Benoit Dahan (Autor, Zeichnungen): Im Kopf von Sherlock Holmes, Splitter-Verlag, 96 S., geb., 28 €.

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