Ein Boykott würde vor allem Textilarbeiter treffen

Nicole Häusler arbeitet in Myanmar zu nachhaltigem Tourismus. Doch längst nicht nur die Arbeiter in diesem Sektor sind auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.
Myanmar: Ein Boykott würde vor allem Textilarbeiter treffen

Neun Monate sind seit dem Putsch vergangen, haben Sie Kontakt zu Ihren Projektpartnern in Myanmar?

Ich bin fast täglich in Kontakt mit vielen Menschen, alle sind unglücklich, alle sind im Überlebensmodus. Eine Projektpartnerin ist nach Norwegen gezogen zu ihrem Partner, aber die Unsicherheit, was mit der Familie ist, belastet sehr. Andere Kollegen arrangieren sich, ein Kollege steckt als Angehöriger einer ethnischen Minderheit, die mit dem Militär kooperiert, in einem inneren Konflikt. Er kann einerseits seine Gruppe nicht verlassen, andererseits scheint er auch den Putsch nicht zu unterstützen. Eine Kollegin von mir ist mit ihrer Schwester und einer Freundin nach Yangon geflüchtet, weil es in ihrer Region zu unsicher ist. Sie will aber bald wieder zurück, weil sie Heimweh hat.

Erst die Pandemie, dann der Putsch - der Tourismussektor im Land ist auf absehbare Zeit tot. Wie sind die Perspektiven?

Die sind schlecht. Das Tourismusministerium der Militärregierung verkündet hoffnungsfroh, dass es Anfang nächsten Jahres wieder losgehen wird, zumindest mit Besuchern aus den Nachbarstaaten; bis dahin soll es auch wieder ein Touristenvisa geben. Nur, wer will in ein Land reisen, in dem Bürgerkrieg herrscht, wo Rebellengruppen und Sicherheitskräfte sich gegenseitig sogar in Yangon umbringen? Der Tourismussektor liegt am Boden und wird, wenn sich die Situation nicht ändert, auf viele Jahre am Boden bleiben.

Gibt es Alternativen?

Kaum. Diejenigen, die im Tourismussektor gearbeitet haben, sind im Vorteil, weil sie Englisch sprechen. Ein Kollege von mir versucht, in den Nahen Osten zu gelangen, um dort in einem Hotel oder auf dem Bau Arbeit zu finden. Aber die Militärregierung macht es immer schwieriger, auszureisen. Es gibt Meldungen, dass manchen erst beim Besteigen des Flugzeuges gesagt wird, ihnen würde Dokumente fehlen und sie nicht ausreisen dürfen. Es mehren sich auch Meldungen, dass es für Burmesen im Ausland schwieriger wird, den Pass verlängert zu bekommen und Menschen deshalb gezwungen sind, zurückzukehren.

Seit August gibt es eine Kampagne von Gewerkschaften in Myanmar, die westliche Firmen dazu aufrufen, nicht mehr im Land zu produzieren. Inwiefern wird die Kampagne von der Bevölkerung unterstützt?

Die Boykottdiskussion gab es auch schon in unter der Militärregierung in den 1990er Jahren und wurde sehr kontrovers geführt, an diesem Punkt sind wir nun wieder. Viele tragen diese Boykottkampagne nicht mit, wobei da ein Unterschied zwischen Boykott von Firmen und Boykott von Generälen und Einzelpersonen von militärischen Unternehmen gemacht wird. Hunderttausenden Menschen droht mit einem Boykott von Firmen die Arbeitslosigkeit, sie haben absolut keine Alternative. Ein Boykott würde vor allem Textilarbeiter treffen, die längst nicht so ausgebildet sind wie etwa Arbeiter im Tourismussektor. Auch im Tourismussektor wird diskutiert, eine Liste von Hotels zu recherchieren, die nicht militärfreundlich sind, um diese zu empfehlen, wenn es wieder sicher ist, ins Land zu reisen. Grundsätzlich halte ich diese Idee für gut, es ist aber sehr schwierig, weil es große Graubereiche gibt.

Was passiert in Deutschland, um die Menschen in Myanmar zu unterstützen?

Es gibt viele kleine Initiativen, die vor allem im Februar und März viel Geld sammeln konnten. Das ist nun weniger geworden, aber die Initiativen und die Energie sind immer noch da. Die Schwierigkeit ist, das Geld nach Myanmar zu transferieren. Zum Teil sind Konten gesperrt, internationale Transfers nach Myanmar nicht möglich oder Banken behaupten, das Geld sei nicht angekommen.

Für Vereine in Deutschland ist die Schwierigkeit, dass laut Vereinsrecht das Geld an registrierte Organisationen vor Ort gehen sollte. Das geht aber nicht mehr, also wird das Geld Kontaktpersonen der Empfänger im Ausland gesendet, vielleicht an einen Onkel in Singapur, der das Geld einfacher weiter nach Myanmar leiten kann. Viele Vereine fürchten aber, so mit dem Finanzamt Schwierigkeiten zu bekommen.

Trotzdem gibt es weiter viele Initiativen, die Spenden sammeln und sie auch erfolgreich weiterleiten. Am 6. November findet ein Benefizkonzert in der Zionskirche in Berlin statt, wo der bekannte Musiker Hein Tint auftreten wird. Dazu gibt es burmesisches Essen, Informationen zur Situation im Land und die Möglichkeit, Seidentextilien aus Myanmar zu erwerben. Der Eintritt ist auf Spendenbasis, alle Erlöse werden gespendet.

Eine weitere Solidaritätsveranstaltung findet im Dezember in Köln statt. Vorletztes Wochenende hat sich der Verein German Solidarity with Myanmar Democracy gegründet - die Arbeit geht also weiter, ist aber kraftraubend. Ich arbeite auch daran, Studenten aus Myanmar zu helfen, in Deutschland weiterstudieren zu können. Das ist aber nicht einfach, der burmesische Bachelor wird hier nur bedingt anerkannt und es gibt einige bürokratische Hürden.

Was wird am dringendsten benötigt, um Menschen in Myanmar zu unterstützen?

Geld, vor allem für medizinisches Equipment. Was gar nicht richtig in den Medien rüberkam, ist, dass das Corona-Virus vor allem im Juni und Juli im Land gewütet hat. Dazu kommt, dass noch immer viele Ärzte und Pflegekräfte im zivilen Ungehorsam sind, so dass Krankenhäuser unterbesetzt sind.

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