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Kohlezufuhr blockiert

Klimaaktivisten besetzen zum Braunkohlekraftwerk Neurath führende Gleise

  • Von Gerhard Klas
  • Lesedauer: 3 Min.
Am 5. November hatten Polizisten nahe dem Kohlekraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen lange damit zu tun, Aktivisten wieder von den zum Kraftwerk führenden Gleisen zu holen. Fünf von ihnen hatten sich dort an unter die Schienen gegossenen Beton gekettet.
Am 5. November hatten Polizisten nahe dem Kohlekraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen lange damit zu tun, Aktivisten wieder von den zum Kraftwerk führenden Gleisen zu holen. Fünf von ihnen hatten sich dort an unter die Schienen gegossenen Beton gekettet.

Etwa 40 Klimaaktivist*innen haben am frühen Freitagmorgen die Kohlezufuhr zum Braunkohlekraftwerk Neurath zwischen Aachen und Köln blockiert. Anlass dafür war der laufende Klimagipfel im schottischen Glasgow. »Die Weltklimakonferenz findet seit 26 Jahren statt. Seitdem sind die CO2-Emissionen um 60 Prozent angestiegen. Wir brauchen mehr als leere Versprechungen«, sagte Nora Radwer, Sprecherin der Gruppe »Block Neurath«, die die Blockade organisiert hatte.

»Als wir um fünf Uhr hier ankamen, haben wir uns erst mal in den Büschen versteckt«, erzählt Lee Groene, die sich an der Gleisblockade nördlich des Kraftwerks beteiligte. Aber dann sei eine gefühlte Ewigkeit keine Kohlebahn gekommen. »Wir waren irritiert, denn normalerweise kommt alle zwanzig Minuten eine Bahn«, weiß die Aktivistin.
Der Bedarf ist tatsächlich enorm: Der vom RWE-Konzern betriebene Meiler in Neurath ist das größte Kohlekraftwerk in Deutschland und das zweitgrößte in Europa. Es heizt das Klima mit 32 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich an. Ein großer Teil der Kohle kommt aus dem nahe gelegenen Tagebau Garzweiler II, wo am 31. Oktober 5000 Menschen unter dem Motto »Die 1,5-Grad-Grenze verläuft hier« gegen den Abriss des Dorfes Lützerath und anderer Orte für die Kohleförderung protestiert hatten.

»Polizei und RWE wurden informiert, dann sind wir mit zwanzig Leuten auf die Gleise«, erzählt Groene. Eine weitere Blockade gab es zeitgleich auf den Gleisen südlich des Kraftwerks. Neun Aktivist*innen ketteten sich fest – an Betonfässern und an Zementblöcken, die unter die Schienen gegossen worden waren. Das erschwerte der Polizei die Räumung. Ohnehin rückte sie erst vier Stunden nach Beginn der nördlichen Blockade mit einem Einsatzfahrzeug an.

Im Norden beteiligten sich auch Menschen mit Behinderung an der Aktion: Sie standen mit ihren schweren Elektrorollstühlen auf den Gleisen. Einer, der sich Vares nennt, leidet unter Muskelschwund und muss sogar eine Sauerstoffmaske tragen. »Wir hatten verschiedene Bretter mit dabei, um den Untergrund besser befahrbar zu machen – und auch um auf den Wall hochzukommen«, sagt Vares, der das erste Mal an einer solchen Blockade teilnimmt.

»Ich will zeigen, dass es für jeden Menschen möglich ist, sich gegen den Klimawandel einzusetzen und zu engagieren«, sagt Vares. »Wenn man coole Leute hat, die einen dabei unterstützen, dann ist ziemlich viel möglich, wie bei anderen Menschen auch.« Wichtig ist ihm außerdem, auf die Situation von Menschen mit Behinderungen hinzuweisen, die dem Klimawandel noch hilfloser ausgesetzt sind als andere. »Im Ahrtal sind Menschen mit Behinderung ertrunken, weil sie ihre Wohnung nicht selbstständig verlassen konnten«, so Vares. Ihm hätte schon der Stromausfall während der Flutkatastrophe im Ahrtal den Garaus gemacht, befürchtet er. Denn dann hätten sein Atemgerät und sein Rollstuhl nicht mehr funktioniert.

Gegen 13 Uhr begann die Polizei zunächst im südlichen Teil der Blockade, mit einem Presslufthammer den Beton zu zertrümmern. Die Aktivist*innen würden sich weigern zu gehen, aber die Stimmung sei »entspannt und friedlich«, erklärte ein Polizeisprecher. Bis Redaktionsschluss standen die Blockaden noch. Eine nd-Anfrage zu möglichen Folgen der Blockade für den Kraftwerksbetrieb und für die Verbraucher beantwortete RWE am Freitag nicht.

Fest steht: Als 2016 nach einer Blockade einer der beiden Blöcke des Kraftwerks »Schwarze Pumpe« in der Lausitz vom Netz genommen werden musste, verhinderten die Aktivisten*innen den Ausstoß von etwa 16 000 Tonnen CO2. Interessanterweise konnte der Ausfall des Kohlestroms damals durch die Einspeisung erneuerbarer Energien kompensiert werden.

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