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In der Falle der Aktualität

Daniel Lücking sieht eine schwierige Balance im Umgang mit Langzeitthemen im Journalismus

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 4 Min.
An der pekären Lage der Menschen, die Afghanistan verlassen wollen, ändert sich derzeit wenig. Ihre Not liefert aber immer weniger Anlässe für Berichterstattung. Das geschieht im Journalismus leider immer wieder.
An der pekären Lage der Menschen, die Afghanistan verlassen wollen, ändert sich derzeit wenig. Ihre Not liefert aber immer weniger Anlässe für Berichterstattung. Das geschieht im Journalismus leider immer wieder.

Um im redaktionellen Alltag über ein Thema schreiben zu können, braucht es vor allem eines: den aktuellen Anlass. Doch was passiert, wenn sich Ereignisse über lange Zeit hinziehen, ohne dass etwas Neues passiert?

Bei Langzeitthemen wie dem Breitscheidplatz-Untersuchungsausschuss oder dem Verfahren gegen Julian Assange ist das Leid der Menschen, die betroffen sind, meist dann besonders groß, wenn kein aktueller Anlass den Themenplatz rechtfertigt. Hilfreich sind oft Jahrestage, Demonstrationen oder aber eine Einlassung, notfalls auch verbale Entgleisung eines Menschen, der mit dem Thema verknüpft werden kann. Manches sitzen diejenigen, die keine Berichterstattung zu einem Thema wollen, aber auch einfach aus.
Sie sorgen dafür, dass nichts Neues zu vermelden ist.

In der Regierungspressekonferenz wird dann wortreich auf bereits Gesagtes verwiesen, das schon bei der ersten Verlautbarung wortreich, aber inhaltlich dünn, wenig transportierte. »Die Bundesregierung hat keine Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des britischen Justizsystems«, heißt es Nachfrage um Nachfrage bei jeder neuen Entwicklung im Verfahren um Julian Assange, dessen Lage im Hochsicherheitsgefängnis mit jedem Tag der Isolation nicht nur menschlich, sondern auch ärztlich nachvollziehbar lebensgefährlicher wird.

Im Fall der afghanischen Ortskräfte, die für Bundeswehr, Entwicklungshilfeministerium und für das Bundesinnenministerium in Afghanistan gearbeitet haben, sieht es ähnlich aus. Die Pressesprecher*innen der einzelnen Ministerien haben vor Wochen ihre Strategie für den Umgang mit dem Thema gefunden. Im Kern läuft es auf ein »Es dauert halt – wir kümmern uns« heraus.

Für Journalist*innen und Menschenrechtler*innen stellt sich das leider grundlegend anders dar. In den E-Mail-Postfächern und den Messengern auf den Mobiltelefonen landen die Informationen quasi im täglichen Rhythmus. Immer neue Nachrichten darüber, in welchen Bezirken in Masar-e Scharif die Taliban gerade Hausdurchsuchungen machen, um Computer und Telefone von ehemaligen Ortskräften zu finden.

Manch eine Nachricht mag nur ein Gerücht sein. Manches Gerücht aber bewahrheitet sich. So starb in den vergangenen Tagen ein von den Taliban gefolterter Mensch an seinen Verletzungen. Eine Information, die schwer zu überprüfen ist, selbst wenn man die Bilder der Folter wenige Wochen zuvor in Augenschein nehmen konnte. Es sind Tausende ehemalige Beschäftigte, die mit ihren Familien auf eine Chance für eine Ausreise warten. Besonders, wenn es nicht nur Namen auf einer Liste sind, sondern längst persönliche Kontakte entstanden sind, ist diese Situation schwer auszuhalten. Tag um Tag zu vertrösten, Hoffnung zu machen, Verbindungen herzustellen, nachzufragen – alles gegen die erbarmungslosen und lebensbedrohlichen Realitäten, seien es die Taliban oder der nahende Winter, der das Leben in den Verstecken schwer auszuhalten macht.

Lesen Sie mehr zum Thema im Beitrag
»Fluglotsen verklagen Bundesregierung«

Daniel Lücking ist Politikredakteur und war in seiner Zeit als Offizier der Bundeswehr mehrfach in Afghanistan. Dort arbeitete er mit afghanischen Journalist*innen in einem Medienprojekt zusammen.
Daniel Lücking ist Politikredakteur und war in seiner Zeit als Offizier der Bundeswehr mehrfach in Afghanistan. Dort arbeitete er mit afghanischen Journalist*innen in einem Medienprojekt zusammen.

Es fällt schwer, die Distanz zu wahren. Der Journalist Hanns Joachim Friedrichs, dessen Mahnung, Kolleg*innen mögen sich doch bitte nicht mit einer Sache gemeinmachen, auch nicht mit einer guten, wird all zu oft falsch wiedergegeben. Schließlich ging es ihm lediglich darum, dass man in einer Nachrichtensendung den Bericht über einen Anschlag mit vielen Toten und Verletzten nicht noch mit Adjektiven wie »grausam« und »schrecklich« schildern muss. Im Umgang mit den Pressesprecher*innen in der Regierungspressekonferenz ist es meist umgekehrt. Da werden Ereignisse und Begebenheit wortreich relativiert, als quasi erledigt deklariert, während in Hintergrundgesprächen dann eingestanden wird, dass die gesamte Notlage noch gut und gerne zweieinhalb Jahre andauern wird, weil den mittlerweile eingestandenen 25 000 Menschen, die zu retten wären, nur 200 Flugzeugsitze pro Woche angeboten werden.

Möglich ist das, weil die Politik darauf setzen kann, dass die Themen »Ortskräfte« und schutzbedürftige Afghan*innen schon wenige Wochen, nachdem erstmals berichtet wurde, wieder in Vergessenheit geraten, wenn nur die Aktualität fehlt und die miserable Lage erst zementiert ist. Ob es bei 25 000 zu evakuierenden Menschen bleiben wird, werden so letztlich aber die Taliban und der Winter bestimmen.

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