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Buhles Traum bringt einen Stein ins Rollen

Die Organisation STEPS hat im Südlichen Afrika eine einzigartige Sammlung positiver Geschichten auf Film gebannt

  • Von Stefanie Wurm, Weltfriedensdienst
  • Lesedauer: 5 Min.
Bei den Dreharbeiten: Buhle Mdluli (links) mit ihrer Freundin auf dem Weg zur Schule
Bei den Dreharbeiten: Buhle Mdluli (links) mit ihrer Freundin auf dem Weg zur Schule

Buhle Mdluli hat einen Traum: Sie will Ärztin werden. Buhle ist 17 Jahre alt und eine der begabtesten Schülerinnen ihrer Schule in Orange Farm, einem Township in Johannesburg. Für das Medizinstudium braucht sie hervorragende Noten. Doch dann kommt die Corona-Pandemie und ihre Schule wird kurzerhand dichtgemacht. Aus der Traum?

»Zunächst war die Rede vom Online-Lernen«, erzählt Buhle. »Aber einige von uns haben nicht einmal Zugang zum Internet. Nur selten können wir uns ein Handyguthaben leisten. Meine Familie hat offiziell nicht einmal Strom! An anderen Schulen haben sie online weitergelernt, während wir rumsitzen mussten und nichts tun konnten. Ich war völlig entmutigt.«

Buhles Mutter versorgt ihre fünf Kinder alleine. Sie muss jeden Rand zweimal umdrehen. Aber auch sie glaubt an den Traum ihrer Tochter. Sie hat die Nachbarn gebeten, bei ihnen den Strom für ihre Hütte anzapfen zu dürfen, denn sie habe eine angehende Medizinstudentin, die elektrisches Licht zum Lernen brauche. Schließlich hat sie es Buhle ermöglicht, einen privaten Nachmittagsunterricht zu besuchen. »Ich wünsche ihr so, dass sie es schafft!«

Buhle kann ihren Traum weiterträumen. Doch viele Kinder und Jugendliche im Südlichen Afrika haben diese Chance nicht: Die Pandemie macht die Schulen auf Monate dicht - manche Kinder gehen jetzt arbeiten. Auch vor der Pandemie sind Kinder durchs Raster gefallen, aber die Covid-19-bedingten Schulschließungen haben diese Zahl rasant in die Höhe getrieben.

Ein Blick nach Uganda verdeutlicht das - das letzte afrikanische Land, in dem alle Bildungseinrichtungen derzeit noch komplett geschlossen sind. Seit Beginn der Pandemie, seit bald 80 Wochen, haben die Kinder keinen Unterricht. Viele können sich kaum mehr erinnern, wie das ist: in die Schule zu gehen, etwas zu lernen. Um etwas Geld zum Überleben zu verdienen und Salz, Seife oder gebrauchte Schuhe kaufen zu können, sehen sich etliche Jugendliche gezwungen, irgendetwas zu arbeiten. So landen sie dann etwa unter Tage, in den Goldminen. Uganda ist ein beunruhigendes Beispiel dafür, wie die Pandemie Gegenwart und Zukunft von Millionen von Kindern beeinflusst.

Die Auswirkungen der Pandemie im Südlichen Afrika sind für Kinder verheerend: In vielen Ländern dürfte die Impfquote noch im einstelligen Bereich liegen, in einigen wurden bislang so gut wie gar keine Impfungen verabreicht. Auch durch Corona verlieren die Kinder ihre Eltern und Großeltern, die sich sonst um sie kümmern - wie auch durch HIV/Aids, Malaria oder andere Krankheiten. Die Schulschließungen bedeuten vor allem für benachteiligte Kinder, dass sie auch die Schule als Schutzraum verlieren, wo sie beispielsweise die einzige warme Mahlzeit des Tages bekommen können.

Buhle Mdluli hat einen Traum: Sie will Ärztin werden. Eine Dokumentation schildert ihren Weg.
Buhle Mdluli hat einen Traum: Sie will Ärztin werden. Eine Dokumentation schildert ihren Weg.

Die Armutsrate bei Kindern steigt rasant. Durch die beispiellosen Belastungen in den Familien nehmen Kinderarbeit, geschlechtsspezifische Gewalt, Missbrauch und Teenager-Schwangerschaften zu. Bringt die Pandemie also eine »verlorene Generation von Lernenden« hervor, wie ein Mitarbeiter der ugandischen Kommunalverwaltung des Bezirks Busia jüngst in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP befürchtete?

Die Geschichte von Buhle Mdluli stammt aus dem Dokumentarfilm »Schools Shut Down«, den die Partnerorganisation des Weltfriedensdienstes STEPS (Schritte für die Zukunft) in Südafrika zusammen mit Buhle produziert hat. STEPS hat eine einzigartige Sammlung positiver, mutiger und ungewöhnlicher Geschichten darüber, wie Menschen im Südlichen Afrika ihr Leben meistern und die Gesellschaft herausfordern.

In den Geschichten geht es um die Bürger- und Menschenrechte von jungen Menschen, um das sexuelle Selbstverständnis und reproduktive Gesundheit, um Genderfragen, sexualisierte Gewalt oder um Ausgrenzung und Gewalt gegen marginalisierte Gruppen, beispielsweise Menschen, die mit HIV/ Aids oder Albinismus leben. Die Filme zeugen von der Stärke der Protagonist*innen, die ihre eigenen Erfahrungen teilen und reflektieren.

Auch die Geschichte von Buhle ist real. STEPS hat die Filmhandlung und -dialoge mit der starken jungen Frau gemeinsam entwickelt. Die Dokumentarfilme von STEPS rufen die Zuschauer*innen dazu auf, die Perspektive zu wechseln und sich aktiv an der Zivilgesellschaft zu beteiligen. Nur so kann ein sozialer Wandel herbeigeführt und eine gerechtere Gesellschaft für alle geschaffen werden.

STEPS nutzt in ihrem mehrfach preisgekrönten Programm »Steps for the Future« die Kraft von Dokumentarfilmen in Kombination mit moderierten Filmvorführungen, um gefährdeten jungen Menschen und benachteiligten Gemeinschaften eine Stimme zu geben. In den vergangenen 20 Jahren hat die Organisation mehr als 50 Dokumentarfilme produziert, die sich mit Fragen der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit im Südlichen Afrika befassen. Eine Auswahl der Filme ist in 18 Sprachen verfügbar.

Das Team von STEPS arbeitet mit Filmemachern, Rundfunkanstalten und Menschenrechtsorganisationen in einem regionalen Partnernetzwerk in Botswana, Lesotho, Malawi, Sambia, Simbabwe, Südafrika und Uganda zusammen, um mit und für junge Menschen Dokumentarfilme zu produzieren. Sie bilden die jugendlichen Protagonist*innen der Filme nach den Dreharbeiten zu Multiplikator*innen aus.

Das Team unterstützt die Multiplikator*innen anschließend dabei, die Filme in ihren jeweiligen Gemeinden vorzuführen und zu diskutieren. Bei den Filmvorführungen in den Dörfern, Townships und Schulen und den anschließenden Diskussionen kommen sie mit den lokalen Autoritäten, Entscheidungsträgern, Erwachsenen und anderen Jugendlichen über die oft brisanten Themen ins Gespräch. Auf diese Weise versetzen die jugendlichen Multiplikator*innen das Publikum in die Lage, persönliche und kollektive Einstellungen und Handlungen zu hinterfragen, das Bewusstsein zu schärfen und selbst aktiv zu werden, um den sozialen Wandel anzustoßen.

Buhle Mdluli lernt bei sich zu Hause im Township.
Buhle Mdluli lernt bei sich zu Hause im Township.

Diese Methode hat auch im Fall von Buhle Mdluli wunderbar funktioniert: Im September fand die Filmpremiere ihres Kurzfilms in ihrem Township statt. Das Team von STEPS hat Buhle und ihre Freundin aus dem Film vorher geschult, um die Diskussion zu leiten und das Publikum zum Austausch zu motivieren. Die beiden Freundinnen fragten die Zuschauer*innen: Was denkt ihr, was Buhle antreibt, ihre Ausbildung trotz der derzeitigen Umstände fortzusetzen? Oder: Trotz all der Herausforderungen, denen Schüler*innen gerade gegenüberstehen - wie können wir alle Lernenden dabei unterstützen, ihre Ausbildung fortzusetzen?

Die mehr als 40 Gäste sind in eine lebhafte Diskussion eingestiegen. Schüler*innen zeigten sich durch den Film motiviert, trotz aller Widrigkeiten ihren Schulabschluss zu machen. Der Lehrer der Nachmittagsklassen, ein Protagonist des Films, verpflichtete sich, den Nachmittagsunterricht weiterhin anzubieten, notfalls kostenlos. Andere Lehrer*innen haben Whatsapp-Gruppen mit den Schüler*innen gegründet, um auf diesem Weg die notwendigen Unterrichtsmaterialien zu teilen. Buhle hat einen Stein ins Rollen gebracht, mit Hilfe von STEPS. Es ist ein Anfang - und der ist für den Wandel enorm wichtig.

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