Gestrandet in Litauen

Schon seit Jahren versucht ein Jeside, nach Deutschland auszuwandern. Zurzeit steckt er wieder in einem Aufnahmelager fest

  • Ramon Schack
  • Lesedauer: 7 Min.

Anwar* meldete sich vor einigen Wochen unvermittelt über Facebook. Den jungen Jesiden hatte ich im Dezember 2018 in einem Flüchtlingslager im Nordirak kennengelernt. Jetzt ist er in Litauen in einem Aufnahmelager, nachdem er zuvor von Belarus aus die Grenze überquert hat. Zusammen mit seiner Frau und seinem Kind hat der 23-Jährige die Flucht aus einem UN-Camp im Nordirak ergriffen. Jetzt sitzen sie wieder fest. Tagelang, berichtet Anwar, waren sie in einem Lager einquartiert, ohne mit litauischen Behörden – deren Mitarbeiter sich nicht blicken ließen – Kontakt aufnehmen zu können. Zusehends schwindet seine Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa.

Auch vor drei Jahren im Nordirak wartete er schon darauf, dass sich eine Perspektive für ihn und seine Frau auftun würde. Das Flüchtlingslager war so groß wie eine kleine Stadt, und die meisten ihrer Bewohner stammen aus der Region Sindschar, dem traditionellen Siedlungsgebiet der Jesiden. Diese Stadt und der gleichnamige Gebirgszug wurden 2014 als Erste von den selbst ernannten Gotteskriegern des Islamischen Staates (IS) heimgesucht. Im Dezember 2018 lebten viele der Geflüchteten schon jahrelang in der Zeltstadt und hatten aus dem Asyl ein Provisorium gemacht. Die Zelte wirkten wie kleine Häuschen, Geschäfte reihten sich an der Hauptstraße – vom Schuster bis zum Friseur war alles dabei. Die Ankunft von Fremden auf der Durchreise sorgte für Aufsehen. Zahlreiche Menschen, viele Jugendliche darunter, empfingen Besucher freundlich, überbrachten Einladungen zum Tee und zelebrierten die jesidische Gastfreundschaft.

Auch Anwar war so. Nachdem wir aus dem Auto gestiegen waren, sprach er eine Einladung auf Deutsch aus. Seine aufgeschlossene Art und die der anderen Lagerbewohner stand im starken Kontrast zu dem düsteren Schicksal dieser Menschen und den Bedingungen, unter denen sie leben mussten. Weil ich aber eine Verabredung mit drei Schwestern hatte, die jahrelang als Sklavinnen beim IS gefangen waren, musste ich ablehnen. Zwei der jungen Frauen warteten schon vor einem großen Zelt. Zusammen mit ihrer Mutter und einem kleinen Bruder lebten sie dort auf 23 Quadratmetern ohne Privatsphäre. Das Zelt war mit mehreren Teppichen ausgelegt, ein Heizkörper verströmte mollige Wärme. Es herrschte peinliche Sauberkeit. Die Mutter begrüßte uns, überreichte Tee und Gebäck. Nach der Vorstellung berichteten die Schwestern von ihrem Martyrium – vom Schicksal einer Familie, das stellvertretend für das Leiden einer Religionsgemeinschaft steht.

Als Sklavinnen beim IS

Die Mädchen wurden drei Jahre lang als Sklavinnen beim IS gefangen gehalten. Drei weitere Schwestern befanden sich zu dieser Zeit noch in den Händen der Terrormiliz. Die Jüngste berichtete, wie IS-Kämpfer 2014 in ihre Dörfer eindrangen, nachdem die kurdische Peschmerga fluchtartig die Front verlassen hatte. Sie war damals zehn, ihr Vater wurde vor ihren Augen ermordet, die Frauen und Mädchen des Ortes zusammengetrieben. Während ihrer dreijährigen Gefangenschaft wurde sie 20-mal verheiratet. Heiraten bedeutet in diesem Fall: Die Mädchen wurden als Sex-Sklavinnen wie eine Trophäe weitergereicht. Immer wieder wurde das Mädchen vergewaltigt und auf Märkten weiterverkauft. Ihre Schwestern bestätigten ähnliche Erlebnisse.

Einer ihrer »Besitzer« verlangte, sie solle Koranverse auswendig lernen, was ihr aber kaum gelang, da sie damals noch kein Arabisch sprach, sondern nur Kurdisch. Zur Strafe musste sie hungern. Als sie nach einem Jahr auf einem der Märkte zufällig einer ihrer Schwestern begegnete, erkannte diese sie zunächst nicht erkannt, so abgemagert war sie. Die drei Frauen erzählten, dass sie nicht mehr daran dachten, jemals freizukommen. Und doch wurden sie freigekauft.

Als wir nach dem bewegenden Besuch zu unserem Wagen gingen, sprach mich Anwar noch einmal an. Der junge Mann, der in seiner Community eine Art Kultstatus als Sänger besitzt, berichtete freimütig, dass er in Deutschland seit 2015 als Flüchtling gelebt hatte, seine Frau aber nicht ausreisen konnte. Deshalb war er in den Nordirak zurückgekehrt, um ihr dabei behilflich zu sein. Über Facebook blieben wir in Kontakt.

Zwei Tage vor der Begegnung mit den Schwestern hatte ich in der Stadt Lalish einen geheimnisvollen Mann getroffen, der in der Region unter den Jesiden nur als »der Imker« bekannt ist. Lalish liegt rund 60 Kilometer von Mossul entfernt und befindet sich auf über 1000 Meter Höhe, umgeben von einer reizvollen Mittelgebirgslandschaft. Ich wartete vor dem Tempel der Stadt, der ein heiliger Ort für Jesiden ist und wie durch ein Wunder von den vorstürmenden IS-Kriegern nicht erobert und zerstört wurde. Es war ein Wintertag, bis zur drückenden Hitze des Sommers war es noch einige Monate hin.
Durch den Ort bewegt man sich normalerweise barfuß. Zwei Männer kamen die Straße herauf, sie sprachen Kurmandschi, ihre Aufmachung war elegant. Sie gingen nicht barfuß, sondern trugen teures Schuhwerk. Einer der beiden war der Imker, jener Mann, der Tausende von Jesiden aus der Gefangenschaft des IS freigekauft hat und selbst 56 Angehörige vermisst. Auch die Schwestern kamen durch ihn frei. Er begrüßte mich freundlich und nahm sich zwei Stunden Zeit, um in einer Räumlichkeit des Tempels in aller Vertraulichkeit über seine gefährliche Arbeit zu berichten.

Vor dem Sindschar-Genozid 2014 lebten im Nordirak schätzungsweise 600 000 bis 700 000 Jesiden. Jetzt sind es nur noch rund 40 000. Zehntausende Mitglieder der Religionsgemeinschaft sind noch immer in Notunterkünften in der Region untergekommen. Die Regierung in Erbil scheint sich offenbar damit arrangiert zu haben, dass jesidische Flüchtlinge in den UN-Lagern versorgt werden. Sie forciert nicht die Integration der Menschen in die Gesellschaft der autonomen Region Kurdistans.

Einige Monate nach der Begegnung mit dem Imker informierte mich Anwar darüber, dass er wieder in Deutschland sei und als Kellner arbeite. Vor allem versuche er aber, alles Weitere für die Einreise seiner Frau in die Wege zu leiten. Deutschland ist mittlerweile zur größten Diasporagemeinde der Jesiden geworden. Schätzungen gehen weit auseinander, sie reichen von 150 000 bis zu 300 000 Jesiden, die hierzulande leben. Es erscheint daher nicht verwunderlich, wenn ausländische Besucher im Nordirak auf Deutsch angesprochen werden, wie Anwar es tat.

Lange Zeit meldete er sich daraufhin nicht mehr. Erst in diesem Spätsommer kam wieder ein Lebenszeichen. Inzwischen war er verheiratet und Vater eines Kindes geworden. Da es mit der Ausreise seiner Familie aus dem Nordirak nicht voranging, war er Ende 2019 mit einem provisorischen Reisepass der Bundesrepublik zu seiner Frau in das Flüchtlingslager zurückgekehrt.

Soldaten nahmen Handy und Geld

Ihren nächsten Anlauf haben sie nun über Belarus unternommen. Die kleine Familie war nach Minsk geflogen, als sich dazu die Gelegenheit bot, um dann den Grenzübertritt nach Litauen zu wagen. Anwar schrieb allerdings, dass die belarussischen Soldaten ihm das Handy und sein Geld abgenommen haben, ebenso die Dokumente, darunter seinen provisorischen Reisepass, den ihm deutsche Behörden ausgestellt hatten.

Er schickte ein Foto seines Reisedokumentes – das Handy seiner Frau konnten sie ins Lager schmuggeln. Daraufhin nahm ich Kontakt mit der deutschen Botschaft in Vilnius auf, wies auf das Schicksal der Familie hin und bekam zur Antwort: »Erlauben Sie mir zuvor eine wichtige Klarstellung: Nach dem gescannten Reiseausweis ist Herr ... kein deutscher, sondern irakischer Staatsangehöriger.« Viele Menschen befänden sich im Moment in litauischen Aufnahmeeinrichtungen, die über Belarus illegal in die EU eingereist seien, hieß es weiter. »Vermutlich ist auch Herr ... mit seiner Familie auf einem solchen Weg in Litauen eingereist.« Daher müssten auch die litauischen Behörden ein entsprechendes Asylverfahren durchführen.

Gestern meldete sich Anwar wieder. Er klang diesmal resigniert. Mit seiner Familie und 420 anderen Menschen befindet er sich jetzt in einem anderen litauischen Lager, das sie nicht verlassen dürfen. Er selbst hat die Hoffnung verloren, wieder nach Deutschland einreisen zu können. Seine Frau und sein Kind haben das irakische Flüchtlingslager mit einem litauischen getauscht, ohne etwas anderes kennengelernt zu haben. Bisher lehnen die litauischen Behörden ihre Asylanträge ab, die Zukunft der Familie von Anwar wie der anderen Flüchtlinge bleibt ungewiss.

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