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Aversion und Alltag

Ferdinand Führer und Roland van Oystern üben »Kritik am Mitmensch«. Ein Treffen im Stuttgarter Bankenviertel

  • Von Elena Wolf
  • Lesedauer: 6 Min.
Ferdinand Führer und Roland van Oystern bei der Kritik am Pommesessen
Ferdinand Führer und Roland van Oystern bei der Kritik am Pommesessen

Montag, früher Abend an einer Bushaltestelle in der Stuttgarter Innenstadt. Ein V8-Motor heult im dichten Feierabendstau provokativ vor den lohnarbeitsgeknechteten Wartenden auf. So, als glaube der Fahrer des durchaus geilen Geschosses wirklich, noch irgendwen in »The Länd« beeindrucken zu können.

Der Bus zuckelt heran. Fahrer mault Frau an, die sich mit bescheuerter »Türe-auf-Pantomime« beschwerte, dass er vorne nicht aufgemacht hat. Türen klatschen zu. Abfahrt. Hinten im Bus schreit einer in einer fremden Sprache die ganze Fahrt über in sein Scheißhandy. Ein kleines Kind stimmt wutweinend mit ein zum Terrorduett. Wer jetzt leichten Unterzucker hat, verliert den Verstand.

Perfekte Voraussetzungen, um sich mit den beiden Autoren Ferdinand Führer und Roland van Oystern zu treffen und mit ihnen über ihr aktuelles Buch »Kritik am Mitmensch« zu quatschen. Treffpunkt war schnell klar: »Die Arschlochzentrale Stuttgarts«, sagt Führer auch jetzt, als er mit seinem Schreiberkollegen im Bankenviertel auf einer Parkbank sitzt und Tauben vor dem größten Einkaufszentrum Süddeutschlands beobachtet. »Mit geschultem Fachpersonal in der Arschlochzentrale Stuttgarts«, präzisiert der Zufallsstuttgarter, als van Oystern ihn fragt, was er da eben von sich gegeben hätte und beide müssen wie ein altes Ehepaar über einen Privatwitz glucksen.

Dabei haben sich die beiden mit ihrem neuesten Streich tatsächlich als Experten für maximale Arschlochhaftigkeit erwiesen: Auf 64 Seiten widmen sie sich den ätzendsten Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen und tadeln die dreißig niedersten Inkarnationen zu den psychedelischen Illustrationen der Stuttgarter Künstlerin und Tätowiererin »Lisbert«. Seit 2020 erscheinen diese Kurzepisoden regelmäßig in einer Kolumne des Satiremagazins »Titanic«. Jetzt wurden sie in ein leinenüberzogenes Rotbüchlein zusammengefasst und im Mainzer Ventil-Verlag zur Selbsthilfe veröffentlicht.

Jedes Textlein geht immer so: »Was gibt es Schlimmeres als den Mitmensch?« Dann folgt eine skalpellscharfe Verhaltensanalyse von Nervensägen, wie sie wirklich jeder kennt: Da ist zum Beispiel der »Gaudimax«, der den Menschen gierig nach Reaktionen auf seine lahmen Witze aus dem »Totenreich des Sparkassenhumors« das allerletzte bisschen Seelenheil stiehlt. »HAHAHalt die Fresse!!!« möchte man heiser schreien. Macht es aber halt nicht. Erträgt ihn. Im Büro. Bei der Familienfeier. In der Sauna. Dabei gehörten »dem peinlichen Alleinunterhalter« »die Schenkel blutig geklopft und alles über- und unterhalb blitzamputiert«.

Und dem »Thema-Person-Hybrid« erst! Ein weiterer Alltagsschurke, der sich ständig komplizierte Essays ins Gehirn presst, dann von Podiumsdiskussion zu Podiumsdiskussion tingelt und mit superschlauen Blitzreferaten »Lohn einfährt für die Paukerei« - während er bei allen anderen, »von seiner eigenen Behelligungssucht angezwiebelt«, einfach nur für Verdruss und Interessenlosigkeit sorgt. Ätz. Ätz. Ätz: »Der Mensch kriegt Bock auf Urlaub im Kreissägewerk. Mit Führung, Gratis-T-Shirt, Snacks und anschließender Zersägung von diesem Heini.« Jede absurde Gewaltfantasie, die man selbst schon einmal heimlich mit einem zermürbenden Mitmenschen hatte: Führer und van Oystern haben sie in einer jugendlichen Altherrensprache zwischen Bahnhofskneipe und Feuilleton ausformuliert und evozieren damit eine Hass-Katharsis, die den Menschen im besten Fall über sich selbst lachen lässt.

»Wir sind keine Misanthropen, wir sind Menschenfreunde«, sagt Führer, als er direkt am Eingang des überwältigenden Konsumtempels seinen ersten halben Nervenzusammenbruch bekommt, weil sich die Tür ausgerechnet bei ihm nicht automatisch zu öffnen scheint. Auch drinnen wird die Laune kaum besser, als van Oystern von Führer im Primark erfolglos genötigt wird, ein Plastik-Strickkleid mit Weihnachtsmann-Print anzuprobieren. »Könnt ich mir gut an dir vorstellen, Roland« - »Hm-mh.« Kurzer gemeinsamer Lacher im Aufzug wegen der Stockwerk-Beschriftung »Kinder - Dessous«. Jetzt kann’s nur noch die »Food Lounge« richten. Oder halt auch nicht.

Während van Oystern auf zwei verschiedenen Handys verzweifelt versucht, seinen Impfnachweis am Bezahl-Counter einer »Pommesmanufaktur« zu präsentieren, weil ein Handy zu alt für neuartige Apps ist und das andere keine SIM-Karte hat, scheitert Führer an der Menü-Karte der durchgestylten Pommesbude 2.0, die ohne internationales Studium auf der Insta-Foodie-Academy schwer lesbar ist.

Nein, der Mensch möchte heute keine »Pink Persian Routine vegan«. Der Mensch möchte einfach Scheißpommes mit Ketchup. »Und ein Astra«, sagt van Oystern, bevor sich die Humanisten auf einen Plastikstuhl an einen Plastiktisch unter weißem Neonlicht in den Food-Court setzen und ihre Menschenliebe in Frittenfett und Bier ertränken.

Eines von van Oysterns Handys klingelt. Er habe mehrere Tausend Euro gewonnen. »Irgend so ein Literaturpreis in Augsburg, wo man städtische Kohle abgreifen konnte«. Seit Jahren reiche er in seiner Heimatstadt in Bayern »irgendeine Scheiße« für einen Kunstförderpreis ein. Jetzt hätte es eben geklappt. Bei der Preisverleihung im vergangenen Jahr war er sogar vor Ort, obwohl er überhaupt nichts gewonnen hatte: »Rumhängen und Gratissuff«, sagt van Oystern mit einer Selbstverständlichkeit, die nur das Prekariat kennt. Später wird er in einem Gewinner-Statement für eine Broschüre der Stadt Augsburg über den Förderpreis erklären: »Natürlich ist das Schreiben sehr schwierig und anspruchsvoll. Ständig muss man aufpassen, dass man keinen Scheiß schreibt.« Ansonsten sei der Schriftstellerberuf »sehr praktisch« für ihn: »Morgens bevor’s losgeht, kann ich immer noch schön ein bisschen sitzen und mich notfalls wieder hinlegen und weiterpennen.«

Aber fürs Schlafen wird der Mensch leider nicht bezahlt. Dass sich die Beschaffung von Geld in dieser Welt meist nicht mit dem bewerkstelligen lässt, was man außerhalb ökonomischer Zwänge gerne tun würde, macht auch Führer und van Oystern unironisch zu schaffen. Doch gerade diese kindliche Aversion gegen die Zwänge der Erwachsenenwelt ist der Zauberstoff, aus dem die »Kritik am Mitmensch« gewoben ist: Die heilsame Reflexion einer absurden Welt, die komplette Freaks aus den Menschen macht. Der unverstellte Blick auf den Wahnsinn, dem nur als Wahnsinniger zu begegnen ist, wenn er sich den Gesetzen von Kapital, Konvention und Pommesmanufakturen widersetzen will. Lieber noch mal umdrehen im Bett, bevor man selbst ein nerviger Mitmensch wird.

Oder sich einfach montagabends ein weiteres Bier in der Fressarena einer Shoppingmall gönnen, über deren Lautsprecher seit einer halben Stunde eine scheißfreundliche Stimme die Schließung ankündigt. Ein letzter Schluck, dann stolpern die beiden Antihelden durch menschenleere Stockwerke über stillstehende Rolltreppen hinaus in die kalte Nacht, um in der U-Bahn vielleicht gleich wieder auf Mitmenschen zu treffen, die ihre nicht vorhandenen Fahrscheine kontrollieren.

Ferdinand Führer / Roland van Oystern: Kritik am Mitmensch. Illustrationen: Lisbert. Ventil Verlag, 64 S., geb., 20 €

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