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Die Inflation hat Kuba voll im Griff

Vor allem Menschen ohne Zugang zu Devisen leiden auf der Insel unter der enormen Entwertung des kubanischen Peso

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 4 Min.
Viele Dinge des täglichen Bedarfs sind auf Kuba wegen der Entwertung des Pesos fast unerschwinglich geworden.
Viele Dinge des täglichen Bedarfs sind auf Kuba wegen der Entwertung des Pesos fast unerschwinglich geworden.

Juan Elias Navarro spult die Preise automatisch herunter: 150 Peso für das Pfund Huhn, 190 sind es für Rindfleisch, Reis kostet 90 Peso, Speiseöl 300 und Milchpulver 400 Peso. »Die Preise kennen nur eine Richtung und fast alles kostet vier bis fünfmal so viel wie vor der Währungsreform«, klagt der ehemalige Betreiber eines Nachbarschaftsrestaurants in Santiago de Cuba. Er hat dichtgemacht. »Was soll ich für ein anständiges Essen verlangen, wenn schon ein Burger mehr als 200 Peso kostet?«, fragt er.

Die Inflation galoppiert seit Monaten in Kuba, so Omar Everleny Pérez. Für den Analysten und ehemaligen Leiter des Studienzentrums der kubanischen Wirtschaft (CEEC) ist das keine Überraschung. Eine Währungsreform mitten in der Pandemie umzusetzen und ohne begleitende Reformprojekte sei riskant gewesen. »Mit dem Preisanstieg haben alle Experten, aber auch die Regierung gerechnet. Nur gab es da beachtliche Diskrepanzen«, so Everleny Pérez.

»Fast alles ist knapp in Kuba, Grundnahrungsmittel, Reinigung- und Kosmetikartikel, aber auch Produktionsmittel und vieles gibt es derzeit nur gegen harte Devisen. Das schlägt sich in den Preisen nieder«, erklärt Everleny Pérez. Ende Oktober hat Kubas Leiter der Reformkommission, Marino Murillo, erstmals konkrete Zahlen vorgelegt. Demnach sind die Preise im staatlichen Einzelhandel um rund 60 Prozent angestiegen seit der am 1. Januar greifenden Währungsreform. Im informellen Sektor, auf dem Schwarzmarkt und in den seit wenigen Wochen wieder geöffneten privaten Restaurants, Paladares genannt, beträgt der Preisanstieg sogar bis zu 6900 Prozent.

Als ein Beispiel für die horrende Inflation sorgte jüngst eine Rechnung aus einem Restaurant für Furore in den sozialen Medien. Dem Gast wurden darin mehr als 11 000 Peso in Rechnung gestellt. Angesichts des offiziellen Mindestlohns von 2100 Peso sei das exorbitant, so der Dokumentarfilmer Michel Matos. »Ein Rindersteak schlug mit 940 Peso zu Buche. Die Preise sind aus den Fugen geraten«.

Das, so der kubanische Sozialwissenschaftler Pavel Vidal, sei zu erwarten gewesen. Die Währungsreform habe für mehr Transparenz in den Unternehmensbilanzen gesorgt. »Heute ist klar, wie die staatlichen Unternehmen dastehen, und wo die Probleme liegen«, meint Vidal. Das ist positiv, aber offensichtlich ist, dass auf der Insel zu wenig produziert werde. »Dem zirkulierenden Pesos steht kein Angebot gegenüber«, erklärt der Finanzexperte weiter, der im kolumbianischen Cali lehrt. Er kalkuliert mit einer Inflation von rund 500 Prozent aufs Jahr gerechnet, registriert aber auch die Ausschläge nach oben.

Die sind auch eine Folge der Liquiditätskrise der kubanischen Regierung, die kaum über Devisen verfügt. Selbst Geldautomaten in Havanna spucken derzeit des Öfteren keine Devisen mehr aus, weil sie nicht aufgefüllt werden. Folgerichtig wird der offizielle Wechselkurs von 24 Peso pro US-Dollar nicht bedient, die Banken können keine Fremdwährungen ausgeben. Dadurch ist der informelle Währungsmarkt wichtiger geworden, und dort müssen für einen US-Dollar 68 kubanische Peso gezahlt werden, pro Euro sind es sogar 87 kubanische Peso.

Besonders jene Bevölkerungsschichten leiden unter der realen Abwertung des kubanischen Peso, die keine Familie im Ausland haben und somit nicht mit einer Devisenüberweisung rechnen können. Denn immer mehr Produkte des täglichen Bedarfs sind in dem karibischen Inselstaat nur noch gegen US-Dollar, Euro oder Schweizer Franken in den staatlichen Devisen-Supermärkten zu bekommen. Und die werden prioritär mit Ware bestückt, gab Wirtschaftsminister Alejandro Gil unlängst zu. Denn für die Regierung ist es extrem wichtig, die Devisen zu beschaffen, die sie in der gegenwärtigen Krise händeringend benötigt.

Ein Hoffnungsschimmer für die chronisch leeren kubanischen Kassen ist die seit dem 15. November angelaufene Wiedereröffnung des Tourismussektors. Auf zahlungskräftige Kunden und ein gutes Weihnachtsgeschäft hofft die Branche, zu der auch viele Kleinanbieter, vom Restaurant bis zum Souvenirhändler, gehören. Mehr Aktivität könne, so Finanzexperte Vidal, die Preisspirale etwas bremsen. Doch noch viel wichtiger ist die Reaktivierung der Landwirtschaft und des Kleinhandels durch die Freigabe mittlerer Unternehmen, Genossenschaften und vieler neuer Berufe. Doch deren Effekt wird sich erst nächstes Jahr einstellen, weil diese überfälligen Reformen erst im Sommer auf den Weg gebracht wurden. Mit einer Verzögerung von einem Jahr, kritisiert Vidal. Er mahnt weitere Reformen an, darunter die Konvertierbarkeit des kubanischen Peso. Doch das ist Zukunftsmusik.

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