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Remember, remember the 9th of November

Barbara Thalheim erinnert an schicksalhafte Novembertage in der deutschen Geschichte

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.
Remember, remember the 9th of November

Remember, remember/ the fifth of November ...« heißt es in einem alten, populären englischen Gedicht, das an den Gunpowder Plot, die Pulververschwörung in London am 5. November 1605, erinnert, den gescheiterten Versuch fundamentalistischer Katholiken, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Während der Parlamentseröffnung an jenem Tag sollte Jakob I. samt seiner royalen Familie, die Regierung und alle Parlamentarier getötet werden, um das Königreich in den Schoß der konservativen katholischen Kirche zurückzuholen. Bis heute ist in Großbritannien dieses Attentat nicht vergessen; das Scheitern des Komplotts wird jedes Jahr am 5. November mit einem Straßenumzug gefeiert.

Remember, remember the ninth of November ... In der deutschen Geschichte ist der 9. November ein äußerst ambivalentes Datum, das sich mit Fortschritt, Freiheit, Demokratie, Euphorie und Hoffnungen, ebenso Enttäuschung, Entsetzen, Reaktion, Terror, finsterster Barbarei verbindet. Vom Schicksalstag der Deutschen ist oft die Rede. Am 9. November 1848 wurde der republikanische Parlamentsabgeordnete und Dichter der Revolution Robert Blum in Wien von konterrevolutionären Truppen exekutiert. Seine Ermordung gilt als Anfang vom Ende der sogenannten Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes. Am 8. November 1918, um 16 Uhr, rief Karl Liebknecht von Balkon des Berliner Stadtschlosses die »freie sozialistische Republik Deutschland« aus. Zwei Stunden zuvor hatte der rechte Sozialdemokrat Philipp Scheidemann (dem Liebknechts Ansinnen rechtzeitig zugetragen worden ist) vom Hauptportal des Reichstagsgebäudes »die deutsche Republik« verkündet - »zwischen Suppe und Nachspeise«, wie er selbst später offenbarte.

Die blutige Niederschlagung der deutschen Novemberrevolution lastete als Albtraum auf der ersten deutschen Demokratie, die sich als zu schwach erwies respektive nicht willens genug war, ihre rechten Feinde in die Schranken zu weisen, wovon unter anderem der halbherzig geahndete Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923 zeugt. Weshalb denn am 9. November 1938 in Deutschland die Synagogen brannten. Die Pogromnacht ließ erahnen, wozu deutsche Antisemiten bereit waren. Die Shoah überschattet den 9. November 1989. Kann und darf man den Fall der Mauer überhaupt feiern? Ein Ereignis, das sich einem Missverständnis verdankt und revolutionäre Blütenträume zunichte machte, noch ehe sie sich vollends entfalten konnten? Und das bei den europäischen Nachbarn und einstigen Opfern deutscher Annexionspolitik Ängste vor neuer großdeutscher Selbstherrlichkeit hervorrief. Können diese beide Daten gleichzeitig gedacht werden? Verständlich, dass von jüdischer Seite Befremden artikuliert wurde, als der Bundespräsident in seiner Rede dies just am diesjährigen 9. November tat.

Bei Barbara Thalheim klingt das ganz anders. In ihren »Novemberblues«-Konzerten in Berlin und ihrer hierzu erschienenen CD sind die genannten deutschen »Schicksalstage« vereint, aber nicht vermengt, verquirlt zu einem deutschen Einerlei-Einheitsbrei. Sie stehen in Bezug zueinander und wiederum nicht, schließen sich aus, stoßen sich an und ab. Negation der Negation. Geschichte ist menschengemacht, vollzieht sich nicht naturgemäß. Ihren Reigen der 9. November eröffnet die Berliner Liedermacherin mit der trotzigen Ballade von Ferdinand Freiligrath auf Robert Blum: »Ich war, ich bin, ich werde sein«, von Rosa Luxemburg kurz vor ihrer Ermordung bekenntnishaft aufgegriffen. Der nach dem Scheitern deutscher Einigung unter demokratischem Vorzeichen 1849 folgende fatale »deutsche Sonderweg« hatte in den Ersten Weltkrieg fehlgeleitet und mündete in den 30. Januar 1933, den Machtantritt der Nazis. Thalheim intoniert »Wir rufen Heil« von Jura Soyfer aus eben jenem verhängnisvollen Jahr, in dem der österreichische Schriftsteller jüdischer Herkunft, ermordet am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald, warnte und mahnte: »Sie machten dich dumm, sie machten dich blind, sie logen dir ins Gesicht, blutige Jahre werden vergehen, dann wirst du alles verstehen.«

Zur Anklage hebt sich die Stimme der Thalheim, als sie des westdeutschen Lyrikers und Begleiters der Studentenrevolte, Peter Rühmkorfs Geißelung deutschen Mittätertums und Entsolidarisierung vorträgt: »Und wir wussten genau was geschah ... doch wir halfen einander nicht.« Die Stimme senkt, verneigt sich in Trauer in der Hommage an Janusz Korczak, den polnischen Pädagogen, Kinderarzt und Kinderbuchautor, der treu und mutig seine Waisenkindern bis in den grausigen Tod im deutschen Vernichtungslager Treblinka beistand. Zärtlich, wehmütig interpretiert sie eine Liebeserklärung des Schriftstellers Adam Kuckhoff, ebenfalls ein Held menschlichen Anstands und Aufrichtigkeit, Mitglied des von der Gestapo »Rote Kapelle« genannten Widerstandskreises, am 5. August 1943 in Plötzensee ermordet, an seine Frau Greta.

Den Bogen in die Gegenwart schlägt der Song »Auferstanden aus den Dogmen« (»... und der Zukunft zugewandt« ) von 1989 mit der noch hoffnungsvollen Zeile: »Und das Herz schlägt weiter links/ lasst uns jetzt nicht resignieren«. Und in Anlehnung an ein altes deutsches Volkslied der Song »Vorm Brandenburger Tore steht manch Lindenbaum ... und die Zweige raunten mir mehr als einmal zu/ geh du weit fort Gespielin, hier findest du nimmer Ruh«. Tatsächlich ging auch Barbara Thalheim in unsicheren, unwirtlichen Jahren ins »Exil«, nach Frankreich, wo sie mit ihrem Lebensgefährten, dem französischen Komponisten und Akkordeonspieler Jean Pacalet eine äußerst schöpferische und spannende Zeit erlebte. Wider (alt)neudeutscher Dumpfheit, Dummheit, Dreistigkeit, Allmachtsallüren singt die Thalheim abschließend im kecken Berliner Dialekt wie weiland Claire Waldoff ein Lob auf die Vielfalt des Menschseins: »Jeda jehört zu ne Mindaheit/ ma minder und ma mehr/ und wenn ihr nich jekomm wärt/ dann wäre die Hütte leer.«

Novemberblues wider Novembermelancholie, Resignation und Kapitulation, Aufmunterung für ein freundlicheres, solidarischeres, menschlicheres Deutschland.

Nebenbei bemerkt gebührt der Künstlerin und ihrem Team größter Respekt, in diesen schwierigen Zeiten, trotz mehrfach verschobener Konzerttermine sowie durch Lockdowns behinderter gemeinsamer Proben und komplizierten CD-Einspielungen nicht kapituliert und resigniert zu haben. Chapeau!

Barbara Thalheim: Novemberblues. Deutschlands neunte November. CD, Reptiphon Records, 17 €.

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