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  • Science Fiction »Pankow ’95«

Im gelobten Osten

Eine aberwitzige dystopische Geschichte: Die schrullige wie kultige Science-Fiction-Klamotte »Pankow ’95« aus dem Jahr 1983 wird digital restauriert erstmals wieder aufgeführt

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
Udo Kier verkörpert den leicht wahnsinnigen, aber genialen Musiktheoretiker, der die Ursprünge und Bedeutung subkultureller Revolten erkannt zu haben glaubt.
Udo Kier verkörpert den leicht wahnsinnigen, aber genialen Musiktheoretiker, der die Ursprünge und Bedeutung subkultureller Revolten erkannt zu haben glaubt.

»Massenflucht aus Hongkong«, titelt das »Neue Deutschland« im westdeutschen Science-Fiction-Film »Pankow ’95«. Gelesen wird das Blatt von einer Pflegekraft in einer Nervenklinik im titelgebenden Berliner Bezirk Pankow im Jahr 1995. In der ebenso schrulligen wie kultigen Science-Fiction-Klamotte aus dem Jahr 1983, die nun erstmals digital restauriert wieder aufgeführt wird, fliehen die Menschen von West nach Ost. Wer es aus der von Massenarbeitslosigkeit und Armut geplagten BRD rausschafft, lässt sich in Leipzig oder Ost-Berlin nieder. Wobei auch in dieser fiktionalen DDR, in der irgendwie stets schlechtes, winterliches Wetter und außerdem ökonomischer Notstand herrschen, bei Weitem nicht alles zum Besten steht. Auch wenn es im Westen noch viel schlimmer ist, wie das im Hintergrund laufende Radio stets verkündet.

Gábor Altorjays außergewöhnlicher Film, in dem unter anderem Punk-Ikone Nina Hagen, Popkulturtheorie-Papst Diedrich Diedrichsen und ZDF-Hitparaden-Moderator Dieter Thomas Heck mitspielen, erzählt von einer dystopischen Zukunft im Jahr 1995. In einer Pankower Nervenklinik, die Dieter Thomas Heck als Anstaltsarzt Dr. Frisch leitet, sitzt der marxistische Musiktheoretiker Johannes Wolfgang Amadeus Zart ein, gespielt von Udo Kier. Der soll angeblich einen Milizionär getötet haben, schwadroniert aber vor allem stets von seiner Hypothese der »Verschwörung der Jugend« herum, die in etwa besagt, dass die Popmusik alle 15 Jahre revolutionäre Umbrüche erzeugt. Eine Lobotomie-OP ist hierfür laut Dr. Frisch die einzige Lösung.

»Pankow ’95« ist punkiges, avantgardistisches Off-Kino aus den 80er Jahren. Die Musik des Films stammt von der Limburger Band The Wirtschaftswunder, deren 80er-Album »Salmobray« Ende November bei Tapete Records neu aufgelegt wird.

Wirtschaftswunder-Gitarrist Tom Dokoupil spielt im Film sogar ein grünhäutiges ehemaliges Retortenbaby, das nach der geglückten Umsiedlung der Familie aus dem Arbeitslosenmoloch Wuppertal in den gelobten Osten ebenfalls ins Pankower Bezirkskrankenhaus eingeliefert wird.

Daneben gibt es noch einige andere Patienten, deren Serotonin-Spiegel fleißig gemessen wird und die in der Pankower Klinik Gegenstand von Überwachung und Kontrolle durch das Pflegepersonal sind. Unter anderem den Sohn eines argentinischen Generals, dessen Vater ein Verhältnis mit Zarts Ehefrau Laura (Christine Kaufmann) eingeht, eine ehemalige Konzertpianistin, die unterdessen in einer Fleischerei arbeitet. Draußen marschiert derweil brav die FDJ herum, deren Mitglieder wie alle anderen steil in die Höhe toupierte Conehead-Frisuren tragen. Und auf der Berliner Mauer prangt ein Graffito: »30 Jahre Mauer – wir werden langsam sauer!«

Der aus Ungarn stammende Regisseur Gábor Altorjay, der 1967 in die BRD migrierte, im Umfeld der Fluxus-Bewegung aktiv war und bei der Eröffnungspressekonferenz der Documenta 4 (1968) in Kassel Blindenbinden an Journalisten verteilte, erzählt in »Pankow ’95« eine aberwitzige dystopische Geschichte. Der Realsozialismus hat zwar den Systemwettstreit gewonnen, funktioniert aber auch nicht mehr richtig und zeigt deutliche Auflösungserscheinungen. Dementsprechend kommt es natürlich irgendwann zum anarchischen Aufstand in der Pankower Nervenklinik. Die Insassen überwältigen Dieter Thomas Heck und die Pflegekräfte, nehmen sie als Geisel und erpressen sich so ein Flugzeug, mit dem sie Richtung Nicaragua abhauen. Dort leben sie schließlich in einer wunderschönen Palmenoase und schütten braun gebrannt und gut gelaunt fleißig Cocktails in sich hinein. Wobei ganz am Ende, wenn auch nur angedeutet, Chaos und Repression dann doch wieder die Oberhand zu gewinnen scheinen.

»Pankow ’95« lebt im wahrsten Sinn des Wortes von seinen Schauspielern. Das wirklich absolut Außergewöhnliche dieses Films ist die Besetzungsriege – von der kulturtheoretischen Intelligenzia über den öffentlich-rechtlichen Hitparaden-Guru bis hin zu deutschen Fernsehstars, die es sogar nach Hollywood schafften. Ganz zu schweigen von Nina Hagen, die nur einen kurzen Auftritt als Jungfrau Maria hat, plötzlich auf einem Bildschirm erscheint und zum Aufstand gegen das bestehende System und die Leitung der Nervenklinik aufruft.

Christine Kaufmann, die 1983 im Mehrteiler »Monaco Franze« quotenträchtig zur besten Sendezeit in der ARD über den Bildschirm flimmerte, stolziert mit steil aufragender Pyramidenfrisur durch dieses durchgeknallte Punk-Spektakel und organisiert schließlich die befreiende Flugzeugentführung. Und Udo Kier verkörpert den leicht wahnsinnigen, aber genialen Musiktheoretiker, der die Ursprünge und die Bedeutung subkultureller Revolten erkannt zu haben glaubt, aber am Klinikalltag verzweifelt, als wäre es die Rolle seines Lebens, wenn er entrückt in diffuses Licht getaucht in seiner Zelle dirigierend den Aufstand vorbereitet. Wobei der Film mitunter durchaus seine Längen hat und eher wie avantgardistisches Theater wirkt, aber zweifelsfrei eine ganz besondere Perle in der eher kargen (west-)deutschen Science-Fiction-Filmgeschichte ist.

»Pankow ’95«: Deutschland 1983. Regie: Gábor Altorjay. Mit: Udo Kier, Christine Kaufmann, Dieter Thomas Heck,Tom Dokoupil Durando, Nina Hagen. 88 Min. Start (Wiederaufführung der restaurierten Fassung): 25. November.

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