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Gegen Impfpflicht und soziale Härten

Gewalttätige Auseinandersetzungen erschüttern die französische Karibikinsel Guadeloupe

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Regierung in Paris will die Situation auf Guadeloupe mit polizeilichen Mitteln in den Griff bekommen.
Die Regierung in Paris will die Situation auf Guadeloupe mit polizeilichen Mitteln in den Griff bekommen.

In Basse-Terre, der Hauptstadt der Karibikinsel, prägen ausgebrannte Autos das Bild. An vielen Kreuzungen haben Jugendliche Straßensperren errichtet, um den Verkehr zu blockieren. Mehr als 80 Geschäfte und auch einige Bankfilialen wurden von ihnen bereits zerstört und geplündert. Wo die Polizei auftaucht, aber auch wo die Feuerwehr Brände löschen will, wird auf sie scharf geschossen und es gab schon mehrere Verletzte.

Wegen der explosiven Lage hat der Präfekt von Guadeloupe, Alexandre Rochatte, bis auf weiteres die Schulen geschlossen und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, die aber nicht überall befolgt wird. Bisher wurden 67 Personen verhaftet. Sie werden in den nächsten Tagen in Schnellverfahren zur Verantwortung gezogen. Die Ausschreitungen entwickelten sich aus massiven Protestaktionen gegen die Coronapolitik. Vor einer Woche war ein Generalstreik gegen die Impfpflicht für Mitarbeiter des Gesundheitswesens und gegen den für alle Bürger der Insel vorgeschriebenen Impfpass ausgerufen worden.

Bislang sind hier erst 60 Prozent der Ärzte und des Pflegepersonals mindestens einmal gegen Covid geimpft, in der Gesamtbevölkerung der Insel sind es lediglich 45 Prozent. Das liegt weit unter dem Durchschnitt in ganz Frankreich, wo 75 Prozent der Bevölkerung und mehr als 90 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen geimpft sind.

Auf der Karibikinsel sind die Krankenhäuser und vor allem ihre Intensivstationen mit Corona-Patienten überfüllt, so dass neue Fälle kaum noch aufgenommen werden können. Trotz dieser Zustände und der im Vergleich zu den knapp 400 000 Einwohnern der Insel hohen Zahl von mehr als 300 Toten allein seit August - ebenso viele wie im ganzen Jahr 2020 - gibt es eine große Zahl von hartnäckigen Impfgegnern. Die Ablehnung wurzelt in Aberglauben und dem Vertrauen auf Rituale oder traditionelle Heilmethoden, aber auch in einem nach wie vor verbreiteten Misstrauen gegen die ehemalige Kolonialmacht.

Dabei verläuft die Frontlinie oft anders als vermutet. So hat Luc Reinette, der Führer der Unabhängigkeitsbewegung, seine Landsleute zum Impfen aufgerufen, doch er hat weniger Erfolg als der charismatische Generalsekretär des regionalen Gewerkschaftsverbandes UGTG (Union générale des travailleurs de Guadeloupe) Élie Domota, der gegen das Impfen wettert. Dabei scheut Domota sich nicht, Behauptungen von Verschwörungstheoretikern aufzugreifen und vor »Unfruchtbarkeit und anderen Langzeitwirkungen der Impfstoffe« zu warnen.

Andere Gewerkschafter und linke Politiker, die zum Impfen aufrufen, auch wenn sie die Proteste verstehen und im Prinzip unterstützen, solange sie friedlich bleiben, versuchen, zwischen den Protestierern und den Behörden zu vermitteln. Als Kompromiss haben sie vorgeschlagen, Impfpflicht und Impfpass für Guadeloupe auszusetzen und hier durch regelmäßige Kontrollen zu ersetzen.

Doch darauf will sich die Pariser Regierung nicht einlassen, um keinen Präzedenzfall zu schaffen. Stattdessen wurde auf der Insel eine sonst nur bei Terrorakten eingesetzte Spezialeinheit der Gendarmerie eingeflogen, um die Polizei bei der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung zu unterstützen. Dabei wird kaum berücksichtigt, dass die Protestaktionen zwar unmittelbar die gegenwärtige Epidemie betreffen, aber auch ein Ausdruck der seit Jahren angestauten Unzufriedenheit über die soziale Lage im Übersee-Département sind, die jetzt in Form von Gewalt explodiert.

Durch die weit überdurchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit sieht vor allem die junge Generation in Guadeloupe keine Zukunftschancen. Die gesamte Bevölkerung klagt über die drastisch steigenden Lebenshaltungskosten, weil die Löhne, Renten und Sozialunterstützungen hinter den galoppierenden Preisen für Lebensmittel, Konsumgüter und Treibstoff hinterherhinken, die weit höher sind als im »Mutterland« auf dem europäischen Kontinent.

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